Literatur: Panico Alpinkletterführer Karwendel*
Das war Überzeugungsarbeit
Und das nichtmal zu Unrecht. Denn von der Lamsenjochhütte aus gesehen, gibt es wesentlich größere, wildere und reizvollere Wände als das, was der oben verlinkte Führer auf einer subtilen Seite nur ganz am Rande erwähnt. Das Büchlein widmet den Touren im „Sonnenpfeiler“ nichtmal ein eigenes Topo sondern nur ein flüchtiges Übersichtsfoto…
Und überhaupt – der Sonnenpfeiler ist kein mächtiger Gipfel sondern lediglich ein kleiner, knapp 100 Meter messender Felsriegel auf der Südwestseite der Rotwandlspitze. Warum also überhaupt damit auseinandersetzen?
Ein Herbstmorgen, wie er schöner nicht sein könnte
Guten Morgen, Lamsenspitze
Bei unserem spontanen Besuch auf der Lamsenjochhütte haben wir am Vorabend die markante Nordostkante auf die Lamsenspitze in flowigster Manier begangen und damit direkt den offensichtlichen, gemäßigten Alpinklassiker in dem Gebiet abgehakt. Gegen die anderen Kletterwände im Bereich der Lamsenjochhütte spricht vor allem der allgegenwärtige Schatten, die hartnäckigen Schneereste in den nicht überall trockenen Wänden und Berichte über ganz akute Felssturzprobleme in der Wandflucht zwischen Rotwandlspitze und Hochnissl. Also doch nochmal auf die Sonnenseite blättern?
Liest man zwischen Zeilen, so horcht man doch kurz auf. Der bescheidenen Wandhöhe steht eine exzellente Felsqualität gegenüber. Und das im brüchigen Karwendel? Die Linien zwischen dem oberen 6. und unteren 7. Grad sollen modern und sehr gut abgesichert sein. Für die Aqualine, die leichteste der drei beschriebenen Führen, heißt es kurz und knapp: Äußerst lohnende Kletterei in bestem Fels.
Und auch wenn wir in einer der wilderen Alpinrouten wahrscheinlich mehr erlebt hätten und Hannah dafür wohl insgeheim motivierter gewesen wäre – warum nicht mal in der Sonne und mit zahlreichen Bohrhaken kraxeln?
Zustieg über Brudertunnel-Klettersteig (C)
Ein Spannungsbogen ins reudige Loch.
Hannah in der Schlüsselstelle
Was für eine moosig-morsche Grütze. Dass mein Helm aber zu meinen Schuhsohlen passt, spendet Trost.
Highlight Brudertunnel
In den Rampen des Brudertunnel-Klettersteigs
Marketingchef für Klettersteiganlagen sollte ich nicht werden. Eigentlich ist’s ja auch ganz witzig, wie die der Eisenweg erst in die Wand und dann durch das nasse, brüchige Loch, den Brudertunnel, führt. Meinen Enkelkindern werde ich davon aber wahrscheinlich nicht erzählen. Denen werde ich nur erzählen, dass es wichtig ist, nicht sofort Vollgas zu geben: wir haben es nämlich künstlich eilig den Steig noch für uns alleine zu haben und nicht im Stau zu stehen und fetzen in nicht ganz nachhaltigen 20 Minuten durch den Steig.
Auf kurzweiligen 140 Höhenmetern führt der Klettersteig bei schönem Tiefblick über Platten und Rampen an einen kleinen Durchschlupf in der langen Wandflucht heran und am Schluss – kurz steil und rutschig – durch diesen hindurch. Unter der Hütte kriechen dichte Nebelfelder durch die Täler heran. Die kalte Luft und die ersten Schneereste zeugen bereits vom ebenfalls heran kriechenden Wintereinbruch. Aber davor geht es für uns ja noch zum Sonnenpfeiler, der seinem Namen hoffentlich gerecht wird.

Am Ausstieg aus dem Brudertunnel angekommen folgen wir dem Steig hinab ins Zwerchloch – welcher übrigens weiter unten ebenfalls von Felsstürzen betroffen, teilweise verschüttet und seit 08/25 gesperrt ist. Karwendel genießen, solange es noch da ist?
Für uns geht es nur 140 Höhenmeter hinab, der Sonnenpfeiler schält sich erst ganz zum Schluss Linkerhand aus der Landschaft heraus und besticht direkt mit seinen von tiefen Wasserrillen durchzogenen Platten. Dieses Stückchen Fels wird uns heute wahrscheinlich nicht auf den Kopf fallen. Und so kehrt hier unten rasch Ruhe ein, der Trubel vom Klettersteig liegt unter uns und die weiten Ausläufer des Lamskars teilen wir uns lediglich mit einer kleinen Gruppe Gämsen. Der Einstieg zur Aqualine ist nicht angeschrieben – die markante Rampe mit der riesigen Wasserrille ist aber in der Draufsicht deutlich zu erkennen und die dicht gebohrten Haken erübrigen alle weiteren Fragen.
1. Seillänge (VI-)
Wir besinnen uns wieder auf die alte Tradition, Hannah in die erste Seillänge zu schicken. Sie weiß es noch nicht, aber sie kauft sich damit den ultimativen Kaltstart und die, nach unserem Empfinden, Schlüsselstelle der Tour. Auch wenn sich das in der lieblichen Bewertung der Seillänge als 6- nicht so recht wiederfinden lässt.
Die Kletterei erfolgt auf den ersten 3 Metern auf brutal geschlossenem, glatten Fels und an winzigen, scharfen Stegen und Knubbeln. Von Griffen oder Tritten zu berichten wäre eine Übertreibung. Anders als in der optisch recht ähnlichen aber auf dem Papier wesentlich härteren Crux der Umleitung zum Glücklichsein (VII+) reicht es auch nicht ins aufgeraute Zentrum der Rille zu treten. Das funktioniert zwar später – aber eben erst 3-4 Meter über Grund. Der Weg dorthin ist ein wackeliges Schieben und Flüchten zwischen winzigen Unebenheiten und sehr glattem Fels.
Die Einstiegsrampe mit der dicken, schnurgeraden Wasserrille
Gute Absicherung aber messerscharfe und teils reichlich delikate Kletterei
Hannah kriegt die Passage auf den zweiten Anlauf dann doch ziemlich schnell gelöst und arbeitet sich Zug um Zug durch die tiefer werdende Rille empor. Die Absicherung ist sehr eng und gütig – der Fels aber auch wirklich scharf und ein wenig unübersichtlich zu klettern. Erst kurz vor ihrem Ende kommt in der Wasserrille noch sowas wie Flow und Genuss auf. Zumindest für mich im Nachstieg. Den Start hätte ich ohne Schummeln vermutlich nicht so schnell frei gelöst.
Am Ende der Wasserrille wechselt man nach rechts in steileren aber recht griffigen Fels. In feiner, henkliger Kletterei geht es mit einigen weiteren Zügen an einen kleinen Überhang heran, der uns vom Standplatz trennt. Dieser löst sich dann aber ziemlich schön auf – zumindest mit meiner Körpergröße lässt er sich schön antreten und an tollen Griffen zügig überklettern.

Wir stehen an unserem luftigen Eck und atmen kurz durch. Eine hammer Länge und ein beeindruckendes Stückchen Fels liegen unter uns. Aber wenn’s so delikat bleibt, dürfte ein sauberer Vorstieg der VI+ in der 3. Seillänge ein ambitionierter Plan werden.
2. Seillänge (VI-)
Zum Glück zeigt die zweite Seillänge, dass es auch anders geht. Die Moral kehrt rasch zurück als ich den kleinen, plattigen Quergang angehe. Ein kurzer Balanceakt ist es schon bis man links an tolle Löcher gelangt über die das steile Wändchen verlassen werden kann. Darüber setzen für einige Meter schöne, raue Wasserrillen an. Auch diese bremsen mich kaum aus und für mich persönlich fühlt sich das Gelände hier aber wieder um Welten einfacher an, als das was uns die erste Seillänge gerade eben als 6- verkaufen wollte. Wie so oft, wird’s eine Sache des Geschmacks und der Veranlagung bleiben.
Das Gelände lehnt sich zurück und eine sehr einfache Schrofenquerung führt an den Standplatz am Fuße einer markanten Rippe. Die zweite Seillänge ist in jedem Fall diejenige, die am wenigsten interessante Kletterei abwirft. Sie schlägt aber eine notwendige Brücke zu dem schattigen Überhang, der sich nun über uns auftürmt.
3. Seillänge (VI+)
Magst du nochmal??
Wir brechen mit der bisher vorgegebenen Wechselführung und übergeben mir nochmal das scharfe Ende des Seils. Der Überhang scheint ein bisschen mehr auf meine Körpergröße zugeschnitten zu sein und lächelt Hannah nur bedingt an. Ein Angebot, das ich nicht ausschlagen kann: irgendwelche generischen Überhänge zu ziehen ist ohnehin meine neuentdeckte Leidenschaft. Dicht gefolgt von rustikalen 3D-Kaminen, wie wir sie heute auf jeden Fall nicht antreffen werden.
Auf einer Rippe geht es die nominelle Schlüsselstelle heran
Griffiger, rauer und löchriger Fels
Im kleinen Überhang der 3. Seillänge
Auf der Rippe geht es erstmal ganz gemütlich geradeaus an den Ansatz einer nach links ansteigenden Rampe. Der überwiegend weiß-graue Kalk hat hier ein paar gelbe und rote Verfärbungen, die sich auch subtil in der Kletterei bemerkbar machen. Speziell der etwas abdrängende Aufschwung auf die Rampe klettert sich ein wenig rustikaler und der Fels wirkt ein wenig morscher. Die relevanten Griffe sind – gemessen an dem was sonst im Karwendel Usus ist – natürlich bombenfest. Mein Eindruck stammt wahrscheinlich daher, dass einige wichtige Tritte nass sind und aus den eigentlich griffigen Löchern am rechten Ufer der Rampe noch ein bisschen lehmiges Zeug rausläuft. Es ist halt doch Spätherbst. Auch auf der Sonnenseite. Die folgenden Meter begeistern aber wieder mit luftiger Kletterei an riesigen Henkeln und Löchern.
Ich erreiche den Überhang. Ordentlich ausgesetzt ist er. Wie auf einer schwebenden Plattform lässt er sich über einen kleinen Felsvorsprung recht gemütlich anklettern und ausgiebig unter die Lupe nehmen.
Ein paar Versuche brauche ich, bis ich den Einstieg gefunden habe, der für mich funktioniert. Dann gibt es eigentlich eh nur noch die Flucht nach vorne. Links verstecken sich auf jeden Fall zwei wertvolle Griffe für den Start. Dann geht es über Leisten nach rechts an notwendige aber weniger griffige Haltepunkte. Mir schießt der Fachbegriff Sloper durch den Kopf, als ich versuche die Füße hoch genug zu bringen um einen Weiterweg zu ermöglichen. Zu meiner Überraschung finde ich oben rechts unter einem markant glatten Block noch eine richtig gute Leiste und am darüber liegenden Untergriff eine Position um den nächsten Haken zu clippen. Super interessante Kletterei!

Auch wenn es von unten anders aussieht, hat man hier leider noch nicht gewonnen. Während es bis hier her ganz gut lief, darf ich einen Meter auch nochmal kurz mit den aufgepumpten Unterarmen ringen. Ein weiterer Zug an sehr kleinen, scharfen Löchern führt dann endlich in leichteres Gelände und ein Plattenschild mit flachen Wasserrillen. Die Unterarme dürfen sich wieder entspannen, die Psyche nicht. Hier hat’s einen gemessen an der bisherigen Absicherung etwas untypischen Runout von einigen Metern über die geneigten Wasserrillen zum Standplatz.
4. Seillänge (V+)
Die Headwall des Sonnenpfeilers besteht aus einem geneigten Plattenschild, welches von Bilderbuch-Wasserrillen durchzogen wird. Hier treffen auch die Nachbarrouten mit der unseren zusammen und führen dicht nebeneinander zum höchsten Punkt. Hier übernimmt Hannah wieder die Führung und arbeitet sich durch das von unten gesehen recht imposante Plattenmeer.
Der Nebel löst sich langsam auf
Plattenmeer in der letzten Seillänge der Aqualine
Am Pfeilerkopf wartet eine feine Picknickwiese
Aus der Nähe betrachtet unterbrechen einige grasige Bänder und Absätze die Perfektion. Dazwischen warten aber einige etwas eigenartige Plattenpassagen und Aufschwünge, die sich mit nun spürbar weiteren Hakenabständen nicht wesentlich entspannter klettern als die schweren, bestens versicherten Abschnitte in den unteren Seillängen. Die einzelnen Haken sind in dem grellen Kalk auch nicht sofort zu erkennen – die Linie orientiert sich tendenziell leicht nach rechts.
Hannah löst die Stellen aber rasch auf und verschwindet dann hinter meinem Horizont und holt mich wenig später nach. Oben raus gibt es sogar mutmaßlich mehrere Varianten, wobei man es sich ein bisschen leichter und auch ein bisschen schwerer machen kann. Die Hakenabstände erlauben mir zumindest den Umweg über einen weiteren, überflüssigen Miniatur-Überhang, bevor ich neben Hannah auf der herbstlichen Blümchenwiese lande.
Schön hier
Wir machen eine längere Pause in der intensiven Herbstsonne und beobachten die Bewegung der letzten Nebelfetzen im Vomper Loch. Früher hätten wir die einfach so hingenommen. Heute interessieren sie uns ganz besonders – für den Folgetag ist nämlich ein erster, experimenteller Climb&Fly geplant. Aber das ist eine andere Geschichte.
Abstecher zum Elfenbeinturm
Die Kürze der Tour lässt uns noch ein paar übermütige Sprünge am Wegesrand vollziehen, bevor wir uns dafür bereit fühlen auf einen Kuchen zur schattigen Lamsenjochhütte abzustiegen. Einer dieser Sprünge ist der Versuch von hinten dem Lamsenhüttenturm auf die Pelle zu rücken. Die Idee endet rasch beim näheren Anblick des ausgesetzten und brüchig anmutenden Gipfelaufbaus.
Wenige Meter später zücken wir nochmal die Seile und steigen in die 2-Seillängen-Tour Vergissmeinnicht (VII-) am Elfenbeinturm ein. Letzten Endes wird es für uns nur die erste Seillänge im 6. Grad und auch diese überrascht mit brutal steiler Kletterei an tollen Löchern – welche mit Luft unter den Sohlen und Abstand zum Haken aber auch erstmal miteinander verknüpft werden wollen. Wir seilen ab und erklären den Klettertag für beendet. Auch wenn wir heute eher kleine Brötchen gebacken haben, haben wir doch ein paar lässige Kletterstellen gefunden und unverhofft exotische Kletterei in fantastischer Karwendellandschaft genossen. Das hier Gebotene passt auf jeden Fall gar nicht zu dem Bild, dass man sonst von diesem Gebirge hat. Warum überhaupt wegfahren – für den Elfenbeinturm heißt es etwa:
…verdoneske Platten- und Lochkletterei in teilweise überhängendem Fels.
Hannah in der 1. Seillänge der Vergissmeinnicht am Elfenbeinturm
Beeindruckend steile Kletterei an scharfen Löchern und Leisten
Abstieg
Nach einem (oder zwei) Kuchen auf der Lamsenjochhütte geht es für uns wieder zurück zur Gramaialm, wo die nächste abendliche Herausforderung auf uns wartet.
Nämlich die, das Kletterzeug gemeinsam mit Gleitschirm, Gurtzeug und Retter in einen Rucksack zu stopfen und dabei bei einem irgendwie rangierbaren Packmaß rauszukommen. Dass wir an so einem frühen Zeitpunkt in unserer Fliegerkarriere noch keine ultraleichte Expeditionsausrüstung am Start haben versteht sich eh. Dass man einen ans Limit gestopften 70 Liter Rucksack nicht unbedingt durch einen rustikalen, engen Kamin klettern braucht versteht sich noch nicht und wird einer der ganz großen Aha-Momente des Folgetags sein.

Schwierigkeit, Versicherung und Material
Wirklich interessante, kurzweilige Kletterei in wunderschöner Landschaft und relativer Abgeschiedenheit. Drei von vier Seillängen sind gut bis sehr gut und werfen tolle Kletterstellen und teils sehr feine Einzelzüge ab. In der Kürze der Tour versteckt sich gleichzeitig überraschend viel Abwechslung, sodass von Wasserrillen und Plattenkletterei über Löcher, Leisten und kleine Überhänge eine ordentliche Bandbreite an Kletterstilen abgefragt wird. Der Fels ist fast durchgehend sehr gut, die Absicherung und die gebohrten Standplätze auch. Vom Kaltstart in der 1. Seillänge sollte man sich nicht abschrecken lassen – speziell wenn einem diese Art von Kletterei nicht liegt. Für uns war der erste Aufschwung die Crux der Tour.
In meiner Erinnerung reichen ca. 10 Expressschlingen. Vielleicht braucht man für eine der Nachbarlinien auch etwas mehr. Nicht benötigt wird mobile Absicherung, lediglich ein paar längere Alpinexen machen Sinn, um ein paar Kurven in der Linienführung abzumildern.
Zusammenfassung
Also man muss jetzt nicht unbedingt für die heroische Begehung des Sonnenpfeilers auf die Lamsenjochhütte wandern. Verbringt man aber eh ein paar Tage dort oben und sehnt sich zwischendurch mal nach festerem Fels und sorgloser Kletterei über nagelneuen Bohrhaken – dann ist der kleine Pfeiler gar nicht mehr so uninteressant, wie er im Panico-Führer erscheinen mag. Und mit Freisingerline (7-/7) und Stubenhocker (7-) gibt es nebenan auch noch reichlich Material um einen Tag in der Sonne voll zu machen.