Kletterblog & Berggeschichten
Punta Sertori (3195m) via Marimonti (4c)
Punta Sertori (3195m) via Marimonti (4c)

Punta Sertori (3195m) via Marimonti (4c)

Hello? We’re just calling to let you know, that we will make it for dinner! We take the Pasta!

Die Punta Sertori ist trotz ihrer erstmal stolz klingenden 3195 Meter nicht mehr als ein kleiner Granitsporn, der aus den meisten Blickwinkeln heraus vor der schieren Wucht eines Piz Badile verschwindet. Nur aus dem Colle del Cengalo, dem Sattel zwischen Piz Badile und Piz Cengalo, präsentiert sie sich als absolut wüstes, vertikales Horn von verstörender Schönheit. Auch wenn die Idee, den Südgrat der Punta Sertori als erste „kleine“ Kletterei im Bergell anzugehen, schon daheim über dem Buch entstanden ist – dass wir genau diesen Blickwinkel am Vortag bei einer winterlichen Ausweichtour auf den Piz Cengalo erhaschen, lässt uns grübeln, ob’s denn wirklich so klein wird:

Wohl der beeindruckendste Blickwinkel auf die Punta Sertori, die sonst oft neben dem Piz Badile untergeht

Die Zeichen stehen auch gar nicht mal so gut. Das Wetter ist zwar weitestgehend stabil gemeldet aber die Klettersaison im Bergell ist mehr oder weniger gelaufen. Der ausgiebige Schneefall am Vortag hat einen soliden Schlussstrich unter das Felsklettern in diesem wilden Gebirge gesetzt. Die Hütten beherbergen in ihren letzten geöffneten Tagen des Jahres fast ausschließlich Wanderer, die dem Sentiero Roma folgen. Wir sind mit unseren Seilen und Friends fast schon Kanarienvögel im Rifugio Gianetti und haben nicht den Luxus aktuellen Erfahrungsberichten anderer Seilschaften zu lauschen. Obendrein warnt uns ein Local vor vereisten Rissen in der Route, für deren Auftauen er bei den aktuellen Temperaturen viel mehr Zeit veranschlagen würde. À propos Route…

Marimonti

Nach den Erstbegehern P. Mariomonti und D. Contini benannt, folgt die 1923 erschlossene Linie dem reichlich offensichtlichen Südgrat, welcher in relativ homogener Steigung zu dem kleinen Gipfelzacken emporführt. Drei kleine, markante Aufschwünge, die Ferrario-Türme, werden teils umgangen und teils überklettert. Aber auch ringsum folgt die Führe nur selten einem richtigen Grat. Der Vorbau liefert einen schattigen Kamin und plattige Wandkletterei bei freier Wegwahl und dünner Absicherung. Den Weiterweg prägen vor allem Rampen, Verschneidungen gespickt mit kleinen Überhängen und verstörend ausgesetzten Gratpassagen.

So richtig kurz ist der Weg auf den Gipfel dann auch nicht: 550 Klettermeter wollen in grob 12 Seillängen überwunden werden. An dem mit einer kleinen Madonna bestückten Gipfel ist die Arbeit noch lange nicht getan. Für den Abstieg stehen eigentlich nur der etwas absurde Weiterweg auf den Piz Badile und dessen gar nicht trivialen Normalweg oder ein abenteuerliches Abseil-Gemetzel durch das schaurige Granit-Kolosseum zwischen den beiden Bergen zur Debatte.

Am breiten Sockel des Südgrates. Ganz links der kurze Einstiegskamin in die Marimonti, rechts durch den Plattenpanzer läuft die modernere Einstiegsvariante Ying E Yang (5c+)

Zustieg

Wir starten heute ein wenig schwerfällig von der Hütte weg. So richtig greifbar ist der Tag noch nicht und auf uns lastet das Gewicht der zahlreichen Möglichkeiten und nicht optimalen Bedingungen. Es gäbe genau so viele Gründe dafür einfach sicher Sportklettern zu gehen wie dafür, in eine der benachbarten „großen“ Linien – etwa die atemberaubenden Spigolo Vinci – einzusteigen. Denn am Folgetag müssen wir diese traumhafte Ecke schon wieder verlassen um zur nächsten Hütte zu queren. Die Punta Sertori ist ein Bisschen von Allem und hat vor allem auf Hannah keine wirkliche Anziehungskraft. Ich kann sie mir wenigstens per Ratio als gesunden Kompromiss schönreden. Zum Glück werden diese morgendlichen Zweifel im Fels Zug um Zug in den Hintergrund rücken.

Den Zustieg kennen wir im Wesentlichen ohnehin vom Vortag. Mehr oder weniger weglos und einzelnen Steinmännern folgend hinauf zum Beginn des Grates und dort auf einem nach links ansteigenden Band an den Fuß des Kamins. Wir zweifeln erneut. Wir zweifeln viel. Ich entscheide mich der ersten Seillänge (ehrlicherweise wenig einladend) einen Versuch abzuringen.

1. Seillänge (4a)

Ich starte über den Vorbau links neben dem Kamin in der Hoffnung hier die erste steile Passage des Kamins in leichterem Gelände umgehen zu können. Dieser Plan geht auch einigermaßen gut auf. Halbwegs griffig und solide gelange ich nach rund 20 Metern zu einem flacheren Abschnitt, an dem ich ohne größere Schwierigkeiten in den Kamin wechseln kann. Am linken Ufer baue ich noch einen kleinen Umweg zu einem verführerischen Schlaghaken mit einer – bei unserer Begehung – roten Schlinge ein. Der reudige Zustand dessen und die selbst mit 1m Verlängerung bescheidene Seilführung lassen mich das Manöver schnell verwerfen. Etwas Absicherung wäre aber schon fein gewesen. So wahnsinnig viele brauchbare Placements habe ich bisher noch nicht gefunden. Ich liebäugle noch kurz mit der Kante neben dem Kamin, die auch halbwegs griffig scheint…nee das ist eigentlich Schmarrn.

Also widerwillig in den Kamin, der genau so nasskalt, unübersichtlich und dreidimensional daherkommt wie angenommen. In jedem Fall ein rustikaler Einstieg. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich am Weg irgendwo noch einen schlechten Haken gefunden habe, meine aber, dass dem nicht so war. Stattdessen habe ich wahrscheinlich irgendwo einen Klemmblock eingefangen und sonst versucht nicht zu viel Fels in Bewegung zu setzen. Speziell am Ausstieg der Steilstufe im Kamin, die sauber geklettert werden will, wartet ein Haufen loses Zeug.

Ein freudiger Fund ist dann aber der Standplatz, der mit mehren brauchbaren Schlaghaken hinter einer soliden Schuppe fast schon üppig wirkt. An meinem sonnigen Fleck hol ich Hannah nach, die wenig verwunderlich weiterhin noch nicht gänzlich überzeugt ist. Weil wir heute schon geübt sind, zweifeln wir noch einmal. Hier wäre ein Rückzug noch leicht möglich, für den weiteren Gratverlauf rechnen wir uns immer weniger Chancen für diese Option aus.

2. Seillänge (3b)

Wie ich, kommt auch Hannah zum Schluss der zweiten Seillänge einen Versuch zu geben. Wir schießen uns auf den Weg des geringsten Widerstandes ein, welcher ein paar Meter links vom Standplatz durch eine kleine Verschneidung führen dürfte. Ab hier ist bis zum ersten Bohrhaken, welcher sich am Beginn der für uns 6. Seillänge befindet, keine wirkliche Linie vorgegeben. Der breite und vorbauartige Rücken muss nach eigenem Ermessen gelöst werden – die Schwierigkeiten schwanken mit der Wegwahl. Begehungsspuren werden auf dem Weg, den wir wählen zur Rarität, sodass wir die nächsten 2 Seillängen komplett ohne Anzeichen vorheriger Begehungen auskommen werden.

Hannah erklimmt die kleine Verschneidung und verschwindet bald aus meinem Blickfeld. Als ich nachsteige, führt mich ihre Wegwahl hinter der offensichtlichen Verschneidung in eine lange Plattenquerung nach rechts. Etwa auf halbem Weg – die Güte des Runouts sei hier nur grob skizziert – geht sich ein einziger Friend in einem vertikalen Riss aus. Der Standplatz befindet sich auf einem kleinen Grasplateau, hinter dem die Wand markant abzubrechen scheint. Das Übersichtsbild weiter unten bestätigt das. Darüber versperrt ein steiler, teils überhängender Felsriegel den Weiterweg. Probleme, deren Lösung nun wieder mir zufällt.

3. Seillänge (3b)

Hah, das geht sich aus!

Der Felsriegel kommt mir in direkter Kletterei ein wenig zu kühn vor – das muss einfacher gehen. Geht es! Nach links ansteigend tut sich eine Rampe auf. Zunächst kurz steil und griffig, dann zunehmend horizontal geht es für mich unter dem Riegel entlang. Im Vergleich zu Hannah’s Plattenquergang ist meine Traverse gut mit Schlingen und Friends abzusichern und zunächst auch relativ einfach geklettert. Nur ein paar nasse Moospolster, sorgen für kurze, aufregende Momente.

Ich gerate in einen wieder weitläufigeren Wandabschnitt und damit auch in ein Meer an Möglichkeiten. Die Kletterei wird wieder steil und folgt recht luftigen Absätzen und Rissen. Neben der Tatsache, dass ich noch keinen zufriedenstellenden Standplatz gefunden habe belastet mich vor allem die Tatsache, dass ich die mir zur Verfügung stehenden 60 Meter bereits komplett ausgereizt habe. Unter Einbezug gewaltsam erzeugter Seildehnung kriege ich dann aber doch ein Köpfl eingefangen und mit zwei Friends verbunden. Als Hannah nachsteigt fällt mir auf, dass 2 Meter über mir ein riesiger Block mit Schlinge gewesen wäre. Und daneben sogar ein Schlaghaken. Najut. Die direkteste Linie haben wir hierher bestimmt nicht genommen. Aber eine klettertechnisch sehr einfache und intuitive.

Unser Weg durch den Vorbau des Grates. Wahrscheinlich gibt es zwischen Stand 1 und 3 auch eine direktere Variante.

4. Seillänge (3c)

Über dem Block öffnet sich eine weitläufige Delle, die ich gerne als kleines Amphitheater bezeichnen würde. Sieht jetzt vielleicht nur mit einer Menge Fantasie danach aus – fühlte sich aber definitv danach an. Grad recht für’s postfaktische Zeitalter. Unsicher sind wir nur, ob wir dieses an einem nach oben begrenzenden Dächlein nach rechts oder links verlassen sollten. Beides sieht möglich aus. Beides ist es wahrscheinlich auch.

Hannah geht eine gezackte Rippe auf der rechten Seite der Delle an, welche wieder überraschend steile, griffige und solide Kletterei abwirft. Oben angekommen entscheidet sie sich für einen Ausstieg nach rechts an ein exponiertes Eck, an dem sich ein mobiler Standplatz ausgeht.

Nennen wir es mal Amphitheater – in der markanten Delle finden wir nach längerer Abwesenheit von Begehungsspuren einen großen Block mit Schlinge und einen Schlaghaken

Den hätte man sich mit etwas Lokalwissen vielleicht auch sparen können – der überdachte Quergang an eine rötliche Verschneidung sieht aber unübersichtlich aus und der genaue Weiterweg lässt sich aus dieser Perspektive auch nur schwer abschätzen.

5. Seillänge (3b)

Volltreffer!

Am Ende meiner kurzen Seillänge laufe ich unweigerlich auf den ersten Bohrhaken auf. Er markiert den Einstieg in die etwas schärfere Kletterei – welche nun aber auf dem Papier auch einer offensichtlicheren Linie mit markanteren Seillängen führen soll.

Bis dahin ist es eine kurze, luftige Hangelquerung unter dem Grat. Dessen Rücken erreiche ich über eine kleine, griffige Verschneidung, in der sogar ein alter Schlaghaken meine Wegwahl bestätigt. Darüber folge ich nur noch dem exponierten Blockgrat für einige Meter an den Fuß eines plattigen Aufschwungs. An einem vorgelagerten Block blitzt das kleine Stück Metall, welches alle Fragen ausräumt. Der recht freie Vorbau wäre gelöst – ein kleiner, erster Meilenstein nach unserem zögerlichen Einstieg. An das brutale Panorama haben wir uns inzwischen eh schon gewöhnt. Dass die Punta Enrichetta und der Torre del Leone schon ziemlich weit unter uns liegen zeigt aber auch an, dass wir bereits einige Höhenmeter zurückgelegt haben.

Auffällig ist, dass hier von links kommend auch reichlich Schlingenmaterial an den Grat heranzuführen scheint. Wir dagegen sind auf der luftigen rechten Seite an den Grat gelangt. Ich vermute – siehe Übersichtsbild zuvor – dass es sich lohnt auch linkerhand die Augen offen zu halten. Wahrscheinlich haben wir irgendwo einen direkten Anstieg in die Scharte unter dem ersten Ferrario-Turm verpasst. Juckt aber auch nicht wirklich – die Kletterei war toll und abwechslungsreich.

6. Seillänge (4b)

Vor uns liegt nun die erste Passage, die sich ganz ohne Zweifel wie eine richtige Gratkletterei anfühlt. Was zunächst noch mit einem geneigten, plattigen Rücken beginnt steilt rasch zu einem überhängend anmutenden, roten Türmchen auf. Hannah – keine Freundin der zu Beginn überwiegenden, seichten Risse – meistert diese rasch und nähert sich der wirklich steilen Passage. Hier weisen verdächtig viele Schlaghaken den frontalen Weg an den steilen Turm und nach links querend durch dessen steile Vorderseite.

Die Kletterei ist delikat, kräftig und ausgesetzt. Tatsächlich zeugt eine meiner Meinung nach relativ frische, lehmige und flächige Abbruchkante auch davon, dass sich die genaue Beta hier in jüngerer Vergangenheit geändert hat. Neben den mittelprächtigen Schlaghaken kriegt Hannah noch einen grünen BD-Friend versenkt – als Einzelstelle ist das hier Gebotene aber definitiv einer der kühneren Momente des Tages: Der Fels will sauber und bewusst geklettert werden.

Viel hilft viel

Hat man die steile Passage überwunden, so lehnt sich der Grat wieder zurück und der folgende Aufschwung wird auf einem offensichtlichen Band auf der Ostseite umgangen. Hier bezieht Hannah einen mobilen Standplatz an geeigneter Stelle – ein paar Meter weiter wäre aber auch der nächste Bohrhaken gewesen. Müsste sich mit 60 Metern schon ausgehen, ist dann aber durchaus eine lange und ggf. reibungsintensive Strecke. So geht’s auch.

7. Seillänge (2c)

Ich folge dem Band und lande am Bohrhaken unter der markanten, quadratischen Rinne, welche ich schon auf Fotos gesehen hatte. Ich beschließe hier direkt nochmal Standplatz zu machen, damit wir keine zu kuriose Seilführung einkaufen. Einen #1-Cam lege ich noch dazu und hole Hannah nach.

8. Seillänge (4a)

Wir sind langsam richtig drinnen. Im Flow und in der Begeisterung für den genialen und spannenden Fels. Die wenigen, wegweisenden Haken sind nette Beilagen – der jüngste Granit der Alpen lässt sich aber auf langen Strecken auch perfekt selbst absichern. Sich in diesem Stil durch diese groteske und steile Landschaft zu bewegen ist wohl einer der Gründe, warum wir überhaupt hier sind.

Die Rinne mit einer fast künstlich eckigen Symmetrie entpuppt sich als tolle und freie Kletterei über kurze, plattige Aufschwünge und feine Risse. Richtig schön und technisch zu klettern & dabei mit kleineren Friends brauchbar abzusichern. Die kleinen Absätze mit Schnee bremsen uns nicht wirklich aus – generell sind die Bedingungen bisher viel günstiger als angenommen und der Fels an allen wichtigen Stellen trocken und eisfrei. Am Ende der tollen Seillänge bezieht Hannah den Standplatz in einer engen Scharte und holt mich nach.

9. Seillänge (4b)

Oh sch***e…

Mir dämmert schnell, dass der Genuss jetzt mal kurz Pause hat. Direkt der erste Meter vom Standplatz weg kommt beinahe überhängend daher – die Griffe sind aus dem grobkörnigen und gefühlt „flüssigen“ Granit, der mir bereits am Vortag den Einstiegskamin zum Piz Cengalo versüßt hat. Ich habe arge Zweifel an der Festigkeit der Griffe und Tritte, während sich keine sinnvolle Absicherung ausgeht. Die sporadischen Schlaghaken fehlen. Die obligatorische Flucht nach vorne führt mich auf einen irrsinnig exponierten Reitgrat.

Ich rutsche auf dem Hosenboden rüber zum nächsten Aufschwung, der mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Auf dem Weg lege ich eine Köpflschlinge, der ich nichtmal zutrauen würde 5 Minuten auf die kochenden Nudeln aufzupassen. Sturz halten – ganz anderes Thema. Vor allem auf der Westseite, mit der wir bisher noch nicht viel zu tun hatten, stürzt der schmale Grat ins bodenlose ab. Ich bin inzwischen reichlich robust geworden, was exponierte Klettermeter angeht – aber hier regt sich etwas in mir. Unter meinen Kletterschuhen scheint sich die Wand zu überschlagen und das Verhältnis zwischen verfügbarem Boden und leerer Luft ist so verschoben, dass ich mir meinen Gleitschirm herbei wünsche.

Der Reitgrat mündet in einem unheimlich steilen Aufschwung, welchen ich über die Kante angehe und mit einem roten Totem abgesichert kriege. Dann geht es auf kleinen Leisten bei völligster Ausgesetztheit auf der linken Seite des Grates hinauf. Oben – auf einem horizontalen Absatz – entspannt dann ein einzelner Bohrhaken die Nerven. Die wirklich kühne Kletterei ist an dem Punkt aber bereits passé. Ich muss kurz überlegen, ob ich jemals etwas dermaßen luftiges geklettert bin. Kandidaten wären die berühmt-berüchtigte Delagokante oder der Instagram-Grat an der Aiguilles d’Entrèves. Beide haben mich ganz wesentlich weniger gefordert.

Spannend ist es auch den Block mit dem Bohrhaken wieder zu verlassen. Auf einem Meter ist absteigend ein weiterer unglaublich schmaler Reitgrat zu treffen – wobei die Auswahl an Griffen und Tritten sehr dünn ist. Ich hinterlasse hier noch einen orangenen Totem ohne den es für den Nachsteiger auch ziemlich wild würde. Hat man den scharfen Zackengrat aber erstmal in der Hand geht es immer leichter werdend zu dem kleinen mit Felsen eingezäunten Platzerl mit dem nächsten Bohrhaken(stand).

Was für ein Ritt.

Hannah auf den letzten Metern der 9. Seillänge

Hannah folgt und gibt vor den schnell ziehenden Wolkenfetzen ein episches Bild ab. Wäre da nicht das Dach der bewirtschafteten Hütte, die uns nachher wieder mit Pasta versorgt, könnte man fast meinen, man wäre auf einem fremden Planeten gestrandet.

10. Seillänge (3b)

Die Schönste!

Eine kleine, glückliche Fügung am Wegesrand ist auch die 10. Seillänge und die Tatsache, dass diese Hannah im Vorstieg zufällt. Denn die Bilder, die wir zuvor von diesen Passagen gesehen haben, haben ihr nicht wirklich gefallen. Im Hier und Jetzt sind die Karten neu gemischt: die vertikalen Risse in der markanten Rampe sind tief genug um Friends zu platzieren und griffig genug um richtig flüssig durch den spektakulären Fels zu steigen. Hannah macht’s vor. Unter der geneigten Platte windet sich der eben gekletterte, messerscharfe Zackengrat vor einem brachialen Bergpanorama. Der Tiefblick ins Val Masino und der für die Dauer der Seillänge anhaltende Sonnenschein komplettieren das Erlebte.

Hannah steigt die Länge zügig vor und wir müssen feststellen, dass sie wohl die für uns homogen Schönste des Tages war. Technisch ohne richtig schwer zu sein – einer absolut logischen Linie und bombenfesten Fels folgend. Am Ende der breiten Rampe finden wir einen Bohrhaken und interpretieren diesen wieder als Standplatz – was mit der folgenden Seillänge auch sehr gut hinhaut.

11. Seillänge (3c)

Ähnlich – aber nicht mehr so schön – fällt die 11. Seillänge aus. Sie bleibt weiterhin deutlich unter dem Grat und quert leicht ansteigend entlang einer nun schmaleren Rampe, die sich auch mal kurz in kleinen, blockigen Aufschwüngen verliert. Das Ziel, dass ich dabei anklettere ist aber mehr als offensichtlich. Unter einem dicken, roten Pfeiler am Gipfelaufbau setzt am Ende der Rampe eine vage Rinne nach links an, die wieder auf den Grat führen soll. An ihrem Fuße finde ich rasch den Standplatz-Bohrhaken. Der Weg dahin? Weiterhin feine Kletterei mit plötzlich beinahe üppiger Absicherung mit Schlaghaken und Schlingen. Zumindest finde ich im oberen Teil der Rampe dermaßen viel fixes Material, das ich mal besser Hannah für die folgende Länge mitgegeben hätte.

Plötzlich Sportklettern?

12. Seillänge (4a)

Das Sportklettern kommt zu einem jähen Ende, als Hannah sich die 12. und vorletzte Seillänge aus der Nähe anschaut. Nach dem etwas holprigen Start in den langen Grat hat sich in den letzten Seillängen definitiv ein zügiges, agiles und entspanntes Vorankommen eingestellt, mit dem wir uns insgeheim keine wirklich gröberen Baustellen mehr vorstellen können. Dass in der allerletzten Seillänge noch die Schlüsselstelle warten soll wurde den Tag über ohnehin gekonnt ignoriert und die geneigte Rinne, die Hannah nun auf den Grat führen soll sieht auch erstmal ganz freundlich aus.

Das Kartenhaus aus Überlegenheit kollabiert schneller als der Routenname ausgesprochen ist. Die breite Rinne entpuppt sich als ziemlich ausgesetzt, teilweise brüchig und unübersichtlich zu klettern. Auch die Absicherung gestaltet sich seit längerem Mal wieder als gar nicht so geschenkt. Die Züge über den wenigen Placements sind dann je nach Linienwahl steil und kühn. Hannah hat direkt hinter dem Standplatz den ersten Faustriss empor gewählt & ich staune im Nachstieg nicht schlecht. Weitere Verwirrung stiftet ein Bohrhaken, welcher sich deutlich rechts der eigentlich logischen Linie befindet. Er blitzt direkt in der Falllinie unter dem imposanten, roten Pfeiler, der wie ein Damoklesschwert über uns in den Gipfelturm geklebt ist und hoffentlich noch eine Weile hält. Auf jeden Fall macht dieser Haken – so schön er auch wäre – mit der bisherigen Seilführung im unteren Teil überhaupt keinen Sinn.

Trotz Nähe eine abweisende Wucht aus steilem Granit: Piz Badile. Kaum zu glauben, dass man da im grob 3. Grad relativ entspannt rüberkommen soll…

Die Kommunikation ums Eck ist erschwert. Ich bekomme zwar mit, dass Hannah gerade nicht mehr viel Freude an unserer Marimonti hat und offenbar in reichlich gruselige Klettermeter gelaufen ist – habe aber auch überhaupt keinen Blick in das Gelände. Dass der Bohrhaken so weit unten und so weit weg vom Grat ist gefällt mir aber auch nicht. Mit Blick auf die Uhr habe ich das Gefühl, dass wir uns hier gerade unnötig verkoffern. Mit dieser Einstellung kann Hannah oben in der Wand aber natürlich auch nicht viel anfangen. Kurzum – alle Nerven sind nochmal reichlich strapaziert. Trotz all dem findet Hannah einen Weg am rechten Ufer der Rinne über einen ziemlich kräftigen Zug über einem sehr miesen Schlaghaken und einem winzigen Friend. Erst dann lehnt sich das Gelände ein wenig zurück und der Grat mit dem letzten Standplatz ist wieder erreicht.

Im Nachstieg kann ich sowohl die überraschend harte Kletterei als auch die Irritation über den aus sämtlichen Reihen tanzenden Bohrhaken nachvollziehen. Damit beschäftigt die wirklich nicht triviale Kletterei sauber nachzusteigen scanne ich die Landschaft nur sehr oberflächlich und habe am Standplatz angekommen auch keine wirklich bessere Idee parat. Möchte man den Bohrhaken verwenden und die Rinne rechts klettern, so ist die Querung unten vom Standplatz aus wahrscheinlich deutlich nach rechts zu verlängern und idealerweise nur sehr dünn oder mit sehr langen Expressschlingen abzusichern.

Nach einer ausgiebigen Recherche kann ich aber berichten, dass die meisten Seilschaften, die Bilder oder Videos von der Tour mitgebracht haben die Länge definitiv wie wir am Stück geklettert sind und dabei auch an dem fiesen Eck mit Bruch & Schlaghaken vorbeigekommen sind. Bloß unten – am Beginn der Rinne – machen sie es sich ein wenig leichter als wir und klettern weiter rechts über gestuftes Gelände mit breiten Rissen für #3 Cams, wie wir sie sogar am Gurt gehabt hätten.

13. Seillänge (4c)

Ziemlich angespannt steige ich an den steilen Aufschwung, der direkt die nominelle Schlüsselstelle der Marimonti darstellen soll. Das steile Finale ist ein kühner Zug an Kristallen und kleinen Leisten um die ersten Meter des Aufschwungs zu meistern. Zu meiner Entzückung geht sich in den flachen Rissen keine gute Absicherung aus – ein paar sorgfältige und luftige Züge später werden die Schuppen und Henkel dann aber gut genug um mal einen Friend zu versenken und die Arme auszuschütteln. Den etwas wuchtigen Start gleicht die Länge mit einem wunderschönen, immer einfacher werdenden Schluss aus:

Bis zur Madonna überwiegt zum Jauchzen feine Kletterei an riesigen, festen Schuppen und Griffen aus dem Bilderbuch in einem berauschenden Ambiente. Ich erreiche den schmalen Gipfel der Punta Sertori und sichere Hannah im Nachstieg zu mir rauf. Auf den letzten Metern doch noch ein aufregender Ritt gewesen – Eingehtour halt.

Hinter uns donnert die beeindruckende Nordwand ins Val Bondasca runter. 700 Höhenmeter dunkler, glatter Granit sind es bis es wieder flacher wird. Eine einschüchternde Wandflucht für deren Routen es definitiv nochmal mehr Biss braucht als für unseren Grat auf der Sonnenseite. Aber auch auf der Sonnenseite ist der Weg ins Tal und zum Abendessen noch weit und da die Wolken immer dichter zu werden scheinen entscheiden wir uns bald den halbwegs komplizierten Abstieg in Angriff zu nehmen.

Abstieg

Vom Standplatz wenige Meter unter dem Gipfel seilen wir grob 30 Meter in Richtung Südwesten ab. Ein Standplatz ist rasch gefunden und unter unseren Sohlen zeichnet sich auch schon das kleine Band ab, welches wir mit einem weiteren, etwas längeren Abseiler erreichen sollen. Die zweite Abseilfahrt ist ebenso intuitiv, folgt am Schluss aber einer etwas flacher werdenden, schrägen Rinne und birgt etwas mehr Potential für Verhänger. Passenderweise hatten wir am Vorabend auf der Hütte ein Gespräch mit einer älteren Dame, die hier früher einige der großen Linien geklettert ist und heuer nach eigener Aussage ein letztes Mal ins Bergell zurückkehren wollte um in Erinnerungen zu schwelgen. Das war ohnehin eine dieser Begegnungen, die etwas hinterlassen. Aber einer ihrer Sätze hallt jetzt besonders laut nach:

Abseiling is an art!

Also gaaanz achtsam und bewusst das Seil abziehen. Abends wird sich herausstellen, dass sie unseren gesamten Aufstieg mit dem Fernglas mitverfolgt hat und wahrscheinlich besser als wir selbst weiß, was wir wann und wo getan haben. Vielleicht hätte sie diesen kleinen Beitrag verfassen sollen.

Ich erreiche das Band mit dem Steinmann, welchem im Abstiegssinne einige Meter nach rechts um’s Eck gefolgt wird. Dies geschieht wahrscheinlich mehr oder weniger seilfrei. Einen richtig guten Standplatz findet man beim Erreichen des abschüssigen Bandes ohnehin nicht vor – ich bediene mich zum Abziehen zweier schwindliger Normalhaken, die maximal als Zimmerdeko taugen. So viel Platz ist hier gar nicht – es gibt definitiv feinere Orte zum Verweilen. Zum Glück wird das Band rasch gangbarer unter der Standplatz hinterm Eck besteht aus mehreren Schlingen, die mit einem Bohrhaken hintersichert sind.

Passt scho

Tiefblick in die schaurige Monsterwand & Abseilpiste

Wir befinden uns nun wirklich mitten in dem übergroßen Amphitheater zwischen Piz Badile und Punta Sertori. Ein gewaltiger Kessel aus in der Draufsicht arschglatten und beeindruckend steilen Felswänden. Die in regelmäßigen Abständen hereinsausenden Wolkenbänder verschärfen die dramatische Stimmung dieses Ortes. In einer so lebensverneinenden Landschaft stellt sich eigentlich nur eine Frage:

Was gibt’s eigentlich zum Abendessen??

An der Hütte weiß man über unsere Tour Bescheid – der Blick auf die Uhr bestätigt aber auch, dass eine solide Punktlandung zum Abendessen hinlegen werden. Da es etwa zu dieser Uhrzeit immer die obligatorische Befragung der Gäste nach ihren Wünschen gibt, fühlen wir uns plötzlich auch sehr angesprochen und klären das Wichtigste direkt an Ort und Stelle.

Hello? We’re just calling to let you know, that we will make it for dinner! We take the Pasta!

Zurück zur Abseilerei. In vier mittellangen Abseilfahrten über mitteltolle Abseilstände erreichen wir das rund 100 Meter tiefer liegende, riesige Felsband, welches etwas oberhalb des Wandfußes als Auffangbecken für einige imposante Blöcke dient. Auch hier stellt sich noch keine wirkliche Rastplatz-Romantik ein. Dafür gibt es eine beeindruckende Riesenschuppe zu bestaunen und der Blick in die massive Wandflucht verblüfft weiterhin. Dass es immer wieder rumpelt gehört im Bergell beinahe zur Tagesordnung – der Kessel zwischen Sertori und Badile hat uns aber zum Glück sehr schweigsam passieren lassen.

Wir ziehen das Seil ab und steigen auf dem Band im Abstiegssinne nach links ab und peilen einen großen Felsblock an der Abbruchkante des Bandes an. An seiner Rückseite (links umqueren) finden wir einen letzten Schlingenstand und seilen – nun nur noch ein Seil benutzend – ein letztes Mal für einige Meter ins gangbarere Gelände ab. Theoretisch kann hier auch abgeklettert werden, das wird sich zu Beginn aber schon irgendwo im oberen III. Grad abspielen. Im plattigen Allerlei ein paar Meter tiefer verstauen wir die Seile und klettern den übrigen Vorbau im vielleicht II. oder unteren III. Grad ab. Gemessen an dem Rest der Tour ist das Gelände hier nicht mehr wirklich ausgesetzt – die Restnässe verschärft einige der Rinnen aber so, dass das verbleibende Quantum Konzentration nochmal bemüht werden darf.

Das Gelände flacht ab und wir laufen auf den riesigen Platten an der Punta Enrichetta vorbei in Richtung Pastaschmiede. Erst gucken wir blöd, weil links von uns ein paar Steinböcke mit beneidenswerter Präzision durch die steilen Platten spazieren. Einen kurzen Schlagabtausch später gucken die Steinböcke blöd, weil wir Pasta kriegen und sie nicht. Und so trennen sich unsere Wege, die Gruppe der majestätischen Tiere macht Steinbocksachen und wir machen Pastasachen und am Ende des Tages finden hoffentlich alle Beteiligten ihr Glück.

Über Stock, Stein und Quarzadern gen Rifugio

Pünktlich zum Abendessen und Sonnenuntergang laufen wir wieder an der Gianetti-Hütte ein und haben den kurzen Herbsttag überraschend ausgiebig genutzt. Die Punta Sertori – zu Beginn als eine fast „verhasste“ Pflichtlektüre zum Warmklettern eingeordnet, wird unsere letzte und längste richtige Mehrseillänge in diesem Urlaub sein. Denn ein paar Tage und eine Gleitschirm-Laternen-Landung später stehen wir wieder vor den vergleichsweise aufgeräumten Kalkwändchen im Sarcatal. Aber das ist eine andere Geschichte.

Am Ende des Tages war die Punta Sertori eine wunderschöne Felsfahrt, die allenfalls den Appetit auf Mehr geweckt hat. Das Bergell – liebevoll zum Patagonien für Arme erklärt – wird uns wohl zur rechten Zeit nochmal sehen.


Schwierigkeit, Versicherung und Material

Eine tolle, vielseitige und in Summe doch recht lange Kletterei in atemberaubender Landschaft. Ich habe für die Seillängen stumpf die hier teils etwas sperrige französische Skala aus dem Führer übernommen, die im leichten Fels kaum aussagekräftig ist. Sie funktioniert ja für höhere Grade ganz gut: 6b ist eine für jedermann greifbare Instanz. Aber was zur Hölle ist 2c? 3b? Naja…mein kleines Topo habe ich deshalb mit meinem subjektiven Eindruck aus der UIAA-Skala befüllt. Auf dem Papier muss man auf jeden Fall mit Schwierigkeiten bis 4c rechnen, was sich grob mit 5-/5 in der UIAA-Skala übersetzt.

Gemessen an den mir geläufigeren Nordalpen-Verhältnissen kommt das einigermaßen gut hin, der 5. Grad sollte aber auf keinen Fall das Limit darstellen. Schlüsselstellen – in meinen Augen drei Stück – kommen jeweils doch recht knackig und akut daher und sind nicht wirklich gut abzusichern. Stecken tut hier im Zweifel nur altes Schlaghaken-Zeugs oder auch mal gar nichts. Der oft recht geschlossene und von seichten Rillen durchzogene Fels lässt sich mobil nicht immer einfach absichern, die einzelnen Bohrhaken spenden definitiv etwas Sicherheit, sind aber eben nur an einigen der Standplätze anzutreffen und entschärfen keinerlei Kletterei. Im direkten Vergleich (da sich Länge und formale Schwierigkeit eh ganz gut decken) kam mir die Marimonti anspruchsvoller vor als der Nordpfeiler auf die Watzespitze.

Der Gesamtanspruch ist trotz eher geringer Kletterschwierigkeit und theoretischer Nähe zur Hütte ganz ordentlich: sinnvolle Rückzüge sind spätestens nach dem Passieren der Yin E Yang (die Route endet am 1. BH der Marimonti) kaum mehr möglich. Das Gelände ist durchgehend sehr exponiert – auch gegenüber Gewittern, welche im Bergell Gerüchten zufolge ganz schön rasch und heftig aufziehen können. Der Abstieg ist trotz „Abseilpiste“ lang und ernst.

In Sachen Material kann ruhig ein ausgewogener Satz Friends mitgenommen werden – je nach Wegwahl im Vorbau ist der mit langen Seillängen und mobilen Ständen rasch verraucht. Oben raus wird man pro schwererer Seillänge wahrscheinlich so 2-3 Klemmgeräte versenken, ein paar Schlingen schaden auch nicht. Keile finde ich persönlich im Granit deutlich unterlegen – sie wurden in der Marimonti zu keiner Zeit vermisst. Mit 60 Meter Halbseilen gelingt der Abstieg ohne Sorge, der zweite Abseiler von oben ist im Führer mit 50 Metern angegeben, verträgt aber auch ein paar Meter Puffer. Es gibt punktuell auch Zwischenstände von eher zweifelhafter Qualität – wahrscheinlich kommt man mit 2×50 schon auch runter – wir waren aber auf jeden Fall froh die riesige Wand so schnell wie möglich durchqueren zu können.

Topo
Zusammenfassung

Toller, semialpiner Gratverlauf auf einen unheimlich scharfen Vorgipfel des imposanten Piz Badile. Der Weg dahin: perfekter Fels, eine interessante Linie und ein paar besonders schöne Klettermomente an Verschneidungen, Rissen, Türmchen und brutal scharfen Gratschneiden. All das in einer Landschaft von verschwenderischer Schönheit. Abseits kleinerer Höhen und Tiefen ein geschenkter Herbsttag.

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