Kletterblog & Berggeschichten
Musterstein (2478m) via Kubanek-Spindler (VI-)
Musterstein (2478m) via Kubanek-Spindler (VI-)

Musterstein (2478m) via Kubanek-Spindler (VI-)

Macht mal weniger Laber-Rhabarber-Alpinismus

Ein guter Freund

Fair. Es gibt Touren und Wände, über die wurde hier in der Vergangenheit viel gelabert – mit wenig anschließender Handlung. Ein solcher Kandidat ist die Musterstein Südwand, welche ich kurzerhand und mit meinem aktuellen, begrenzten Horizont zur subjektiv schönsten Felswand im Wetterstein gekürt habe.

So heißt es schon im Oktober 2022 in meinem Beitrag zur Alten Ostwand an der Partenkirchener Dreitorspitze:

Ich liebäugele zunächst mit schwereren Routen in der Musterstein-Südwand, die mich von den Beschreibungen her ziemlich angefixt haben„.

Fast ein Jahr später, im Juli 2023 klingt’s dann auf dem Weg ins Dammkar zu einer eher banalen Ausweichtour noch konkreter:

Eigentlich sollte Ende Juli noch ein Tourenträumchen erfüllt werden, dass schon ein wenig länger auf der Liste steht obgleich direkt vor der Haustür. Die Kubanek-Spindler in der Musterstein-Südwand.

Und da heißt es sogar weiter…

Liebe auf den ersten Blick. Die Tour kann noch so unlohnend sein – klettern will ich sie trotzdem mal

Ganze zwei weitere Jahre sollen vergehen, bis wir an einem Novembertag unmittelbar vor dem Wintereinbruch aus der eiskalten Leutasch heraus ins Bergleintal aufsteigen. Endlich rhabarbern und weniger labern. Auf dem Zettel steht als letzte Felsfahrt eines hinten raus überlangen Klettersommers zum dritten Mal in unseren jungen Leben die Kubanek-Spindler durch die Musterstein-Südwand.

Kubanek-Spindler

Warum es ausgerechnet diese Führe ist, die unsere Aufmerksamkeit erregt hat, kann ich kaum mehr sagen. Für die Wand als Ganzes ist das hingegen rasch rekapituliert. Sie ist aus dem Örtchen Lochlehn heraus perfekt einzusehen und präsentiert sich schon aus dem Tal heraus als absolut senkrechte, symmetrische, abweisende und von filigranen Pfeilern durchzogenes Schild. Kühn und scharf mündet sie in ihrem Gipfel – dem Musterstein, der auch auf seinem Normalweg eines der ernsteren Ziele im Wettersteingebirge sein dürfte. Mit ihren grob 350 Metern Wandhöhe, ist sie gewiss kein Riese: Da sie sich aber so deutlich und direkt aus dem Schotter des Bergleintals in den Himmel wächst und in Gänze perfekt einzusehen ist, wirkt sie auf mich persönlich viel gewaltiger als die benachbarte, wesentlich bekanntere Schüsselkarspitze-Südwand. Bei Letzterer muss man sich schon geschickt positionieren, um die Wucht der Wand zu erfassen.

Nun aber zur Linie. Damals 25 und 23 Jahre alt haben die Erstbegeher Ludwig Kubanek und Wolfram Spindler hier schon 1926 eine steile Variante gefunden, welche das Schmidband (eine einfache, ansteigende Rampe im unteren Wandabschnitt) mit dem sechs Jahre zuvor erschlossenen Hannemannweg verbindet. Auf den dazwischen liegenden 220 Klettermetern fanden die beiden vor ziemlich genau 100 Jahren einen tiefen Kamin, einen luftigen Quergang und markante Risse vor und haben Wandpartien im unteren 6. Schwierigkeitsgrad überwunden.

Immer wieder beeindruckend

Grober Routenverlauf der Kubanek-Spindler, wobei die untere Hälfte der Wand auf das diagonal ansteigende Schmid-Band entfällt

Für Wiederholer heißt das, dass die Kubanek-Spindler eher als ein Puzzlestück in der prächtigen Wand anzusehen ist. Sie beginnt bereits deutlich innerhalb der Wand vom Schmidband weg und mündet deutlich unterhalb des Gipfels im Hannemannweg. Die Route ist sanft saniert. Standplätze sind stets mit Bohrhaken versehen und auch an den schwierigsten oder kaum absicherbaren Stellen sind einzelne Bohrhaken anzutreffen. Dazwischen gibt es etwas Potential für Eigeninitiative und einige Schlaghaken unterschiedlicher Verfassung.

Zustieg

Wir starten in eisiger Kälte und Dunkelheit am kleinen Parkplatz hinter dem Hubertushof. Die Tage sind kurz. Sehr kurz sogar. Der Pfad am Bergleinbach entlang ist flott gefunden – immerhin geht’s hier auch zur angeschriebenen Meilerhütte hinauf und so richtig verfehlen kann man den Steig auch ohne Licht nicht. Im Dämmerlicht steigen wir die steilen und mit Laub bedeckten Serpentinen über der Unteren Bergleinschlucht empor. Durchaus rutschig – durchaus absturzgefährdet. Laub und Nässe tun auf den glatten Wurzeln und Felsstufen ihr Bestes uns abzuschütteln – die Passage ist uns aus dem Oktober 2022 genau so in Erinnerung geblieben.

Ganz so entspannt gehen die Höhenmeter mit dem schweren Rucksack heute nicht von der Hand. Ich bin – wie für diese Jahreszeit üblich – leicht angeschlagen. Zu wenig um alle Pläne zu stornieren, zu sehr für volle Performance. Ein Hälsli nennen die Schweizer das. Uns begleitet also nicht durch das Rauschen des kleinen Baches und das Knirschen der Reste des ersten Schneefalls sondern auch mein Röcheln, Räuspern und Schimpfen.

Natur pur

Die Wand schleicht sich langsam wieder ins Blickfeld. Wir werden sie heute und so spät im Jahr komplett für uns alleine haben. Im fahlen Licht der ersten Sonnenstrahlen wirkt sie noch viel größer und makelloser als ich sie in Erinnerung hatte. Beschäftigen tut uns spätestens jetzt aber auch der Abstieg. Denn dieser führt über den Musterstein-Westgrat und ist eine leichte aber facettenreiche Klettertour für sich. Dass bereits hier unten einiges an Schnee liegt wirft durchaus Fragen auf. Etwa zur Machbarkeit der luftigen, nordseitigen Querungen, die uns im Abstieg erwarten sollen. Auch soll die Wegfindung – speziell von oben kommend, speziell ohne Vorkenntnisse – nicht gar so trivial sein.

Im Platt liegt schon mehr Schnee als vermutet

Ein paar schneereiche Kurven und kurze, weglose Stapferei bringen uns in den feinkörnigen Schotter am Fuße des offensichtlichen Vorbaus in der Wandmitte. Ein paar Meter höher setzt das Schmid-Band an, darüber türmen sich gewaltige, senkrechte Pfeiler in den blauen Himmel. Was für eine Wand.

Schmid-Band (ca. III)

Ich bin bekanntlich kein ganz großer Freund seilfreier Kraxelei. Ich krieg das schon gut und planbar hin – an leichten Touren wie dem Jubiläumsgrat hatte ich mit der richtigen Grundstimmung sogar ordentlich Freude. Aber so richtig aktiv suchen tu ich die Herausforderung in solchem Gelände nicht. Dafür bin ich historisch einfach immer noch einen Hauch zu nah an der Panikattacke gebaut. Der Weg zur Bergsteigerei war für mich ein wenig weiter und nicht nur von positiven Erlebnissen geprägt: Dass ich am beinahe familienfreundlichen Kofel-Normalweg blockiere und umkehre ist keine 5 Jahre her.

So ist mir doch ein wenig mulmig bei dem Gedanken nun ohne Seil mitten in diese große und abweisende Felswand zu steigen. Ausdrücken tut sich der Respekt in der Wahl des Schuhwerks – ich schlüpfe direkt in meine Kletterschuhe, während Hannah in den Zustiegsschlappen bleibt. Auch die Gurte legen wir bereits an. Wer weiß, wie viel Platz das Schmid-Band am Einstieg bereithält. Wir steigen in den gestuften Vorbau ein und nur wenige Meter später taucht die Sonne die Wand in goldenes Licht.

Das Schmid-Band ist einigermaßen schwer zu verfehlen. Es Bedarf allerdings ein paar kleinräumiger Entscheidungen um es ohne Zweifel zu erreichen. Der kleine, gestufte Vorbau geht im festen Fels sehr leicht von der Hand. Dann verläuft sich das Gelände in ein breites Band, welches mit splittrigem Schutt bedeckt ist. Wir folgen diesem Band für wenige Meter nach rechts – dann tut sich links bereits eine sehr offensichtliche Rinne auf. Macht fast Sinn.

Ein paar konzentrierte Züge im oberen II. oder vielleicht auch schon III. Grad bringen uns rasch durch den überwiegend festen Fels. Als sich die Rinne zurücklegt stehen wir schon auf der großen, nach links hochziehenden Rampe. Nennen wir sie einfach Schmid-Band! Vereinzelte Haken bestätigen den Eindruck hier goldrichtig zu sein. Zu meinem Wohlbefinden trägt bei, dass die Kletterei auf der zunächst breiten, fast schluchtartigen Rampe kaum nennenswert ausgesetzt ist. Das sah in der Draufsicht abenteuerlicher aus.

An zwei Stellen muss man die Hände aus den Hosentaschen nehmen

Andy84

Geschenkt gibt’s den Zustieg dann trotzdem nicht. Etwa auf halbem Weg zum Standplatz der Kubanek / Spindler gibt es nochmal eine ziemlich steile Verschneidung zu durchsteigen. Diese ist links von einer steilen und ausgesetzten aber sehr festen Plattenflucht begrenzt. Im Verschneidungsgrund dagegen geht es ein wenig rustikaler und brüchiger zur Sache. Das zugehörige Bild könnte auch aus einer Merhseillänge im 5. Grad stammen:

Eine anspruchsvollere Passage auf halber Strecke zum Einstieg

So schwer ist der Fels hier natürlichnicht zu Klettern – konzentriert sollte man aber schon sein. Hier darf schon nochmal für eine etwas längere Passage anhaltend und beherzt im III. Grad geklettert werden, während der Tiefblick durch die vorherigen leichteren Meter definitiv zugenommen hat. Danach lehnt sich das Gelände rasch und konsequent zurück, der Fels wird brüchiger und der Einstieg rückt immer näher. Zuerst kommen wir aber noch am Einstieg in den Dorothea-Wallner-Gedächtnis-Pfeiler vorbei. Eines Tages…

Der Einstieg in die Kubanek-Spindler ist dann aber auch schnell gefunden. Die Panico-Beschreibung trifft hier tatsächlich mal ziemlich unmissverständlich zu:

Über das Schmidband (…) bis zum Beginn der kurzen, waagerechten Querung zu einer rötlichen, brüchigen Rampe

Zur Orientierung hilft außerdem definitiv die massive, rote Verschneidung rund 80 Meter über dem Band. In der Draufsicht ist sie kaum auszumachen und auch am Einstieg in die zu passierende Nachbarroute bleibt sie verborgen. Erst im Nahbereich der Kubanek-Spindler schält sich die markante und symmetrische Felsformation aus der Wand heraus. Wir hängen uns in den gebohrten Standplatz ein und knoten uns in die Seile ein. Über uns liegt ein Meer aus dunkelgrauen Kalk, welcher von knallroten Verwitterungen geschmückt wird.

1. Seillänge (IV)

Anders als sonst üblich übernehme ich die erste Seillänge. Heute sogar mit einem gewissen Kalkül: So fällt mir der Gerüchten zufolge ziemlich anstrengende und kräftige Riss in der 5. Seillänge zu, während Hannah sich um die filigrane Plattenquerung in der 4. Seillänge kümmern darf. Eigentlich erstmal ein guter Deal. Die übrigen Seillängen ignorieren wir in unserer Kalkulation.

Ich gehe den ersten Aufschwung über eine über dem Standplatz ansteigende, schmale Rampe an. Wahrscheinlich wäre es einfacher gewesen auf dem Band noch die zwei Meter nach links zu laufen, bis man in der Falllinie der offensichtlichen, kleinen Verschneidung ist. Aber ich war jung, wild und wollte direkt in den Fels. Dieser entpuppt sich schnell als gar nicht so toll und gar nicht so einfach. Als ich den ersten Haken erreiche bin ich bereits subtil gestresst. Denn auch wenn der erste Blick Genuss verspricht: so solide ist der Fels hier gar nicht. Einen Griff muss ich beiseite Legen – also kontrolliert aus der Wand werfen. Es ist ein Kaltstart, wie man ihn inzwischen eigentlich kennen sollte.

Schaut besser aus als sie ist. Die 1. Seillänge führt links im Bild durch die kleine Verschneidung auf ein darüber liegendes Geröllband.

Die kleine Verschneidung verspricht kurz schöne, raue Griffe – löst sich dann aber erneut in groben Bruch und losen Blöcken auf. Sie ist aus der Nähe betrachtet auch reichlich schmutzig und erdig. Ich bin froh um die zwei soliden Bohrhaken, welche die zurückgelegten 30 Meter absichern. Der Ausstieg erfolgt dann besonders achtsam über lose und sehr reaktionsfreudige Blöcke, die fast schon von selbst in die kleine Verschneidung und die darunter liegende Wand poltern wollen.

Staaand.

2. Seillänge (I)

Hannah steigt nach und benötigt dabei wahrscheinlich nur die Hälfte der Konzentration, die das Sichern erfordert. Denn auch das Seil droht mit seinen Bewegungen damit, die hier lagernden Geschosse auf Hannah’s Helm zu befördern. Zum Glück kommt es nicht so weit. Würde eine leise Stimme in mir nicht vermuten, dass es hier schon immer so aussah, so würde ich fast die These aufstellen, dass es hier einen frischeren Felssturz gegeben hat. Aber konzentrieren wir uns auf die schönen Dinge. Sonne. Klettern. Ein prächtiger Blick auf den Öfelekopf.

Hannah kriecht in die 2. Seillänge, die eine kaum sinnvoll absicherbare aber sehr einfache Querung nach rechts ist. Die Felsqualität wird hier kurzweilig sogar noch mieser – es rutscht und rumpelt wirklich alles. Der morsche Fels bewegt sich schon vom Anschauen. Spreizend und stemmend versuchen wir die brüchigsten Stellen zu überklettern. Wobei es heute eh egal ist. Wir haben die Wand für uns. Aber nachkommende Seilschaften sollen hier ja auch noch „Spaß“ haben. Der Standplatz ist rasch gefunden und eingerichtet.

3. Seillänge (IV)

Über uns steilt die Wand spürbar auf – und darüber thront die feuerrote, riesige Verschneidung, die leider kein Teil unserer heutigen Linie ist. Mich würde fast interessieren, ob die Erstbegeher nicht insgeheim diese Wandpassage im Sinn hatten, als sie zum ersten Mal vom Schmid-Band abgebogen sind. Die symmetrische Verschneidung ist eines der eindrücklichsten und offensichtlichsten Gebilde im Gemäuer der Musterstein-Südwand und wäre nach meinem Verständnis auch der zu Zeiten der Erschließung naheliegendere Weg gewesen. Die Kubanek-Spindler hingegen vollzieht einen etwas eigentümlichen Flirt mit der Verschneidung, indem sie zunächst auf direkter Linie an ihren Fuß führt und dann abrupt nach links in eine lange Plattenquerung abbiegt.

Zu diesem Flirt gehört jetzt aber erstmal ein langer, markanter Spalt, der schnurstracks zur großen Verschneidung empor zieht und wohl den Weg des geringsten Widerstandes bildet. Und dieser Weg fällt passenderweise wieder mir zu, nachdem ich dieses Jahr schon verdächtig viel und intensiv mit „oiden Kaminen“ gerungen habe. Auf die Schnelle fallen mir das Rotspitze, Höllentorkopf und Punta Sertori ein. Drei ungelöste Traumata, zu denen sich gleich noch ein Viertes gesellen soll?

Kurz zweifele ich noch, ob es wirklich in den linken, steilen Kamin geht. Denn rechts tut sich auch sowas wie eine leicht anmutende, vage Rinne auf. Aber es geht wirklich links in den großen, schattigen Riss hinein. Der Fels ist auf den ersten Metern ordentlich brüchig, erholt sich dann aber rasch und lässt sich spätestens ab dem ersten Haken vergleichsweise sorglos klettern. Das Ambiente beeindruckt auch ohne Bruch. Die dreidimensionale Kletterei fordert wie eh und je alle Sinne, Körperteile und auch mal den Helm oder die Rückseite des Rucksacks. Die zwei Bohrhaken sind gut platziert – lassen auf 40 Metern aber natürlich noch reichlich Raum für Runouts. Bei Bedarf lässt sich mit größeren Friends (#1 – #2) und Schlingen an einzelnen Klemmblöcken ein wenig nachschärfen.

Ich brauche eine ganze Weile, bis ich das unübersichtliche und anhaltende Stückchen Fels überwunden habe und würde lügen, wenn ich behaupte, dass mir das leicht gefallen ist. Aber mit der Routine aus den oben genannten Traumata gestaltet sich die Seillänge heute als halbwegs lösbar und beherrschbar für mich. Mit einem IVer, wie man ihn aus modernen Mehrseillängen kennt, hat’s natürlich mal wieder gar nichts zu tun.

Aber das ist ein alter Hut.

Auch mein Hut ist inzwischen recht alt und der besungene Kamin hat ihm noch ein paar neue Macken mitgegeben. Vielleicht wird’s mal Zeit für eine Neuanschaffung. An einem spektakulären Eck treffe ich auf den Standplatz und hole Hannah nach, die sich souverän durch die Seillänge wurschtelt.

4. Seillänge (V+)

Da sind wir nun. An dem Punkt, an dem man eigentlich den Einstieg in die Monsterverschneidung erwarten würde. Dass es anders kommt wird gute Gründe haben – sollte ich diese jemals in Erfahrung bringen, lasse ich es dich wissen. Die Führe hat auf jeden Fall andere Pläne und präsentiert ab hier ihr Herzstück mit drei aufeinanderfolgenden, sehr unterschiedlichen aber durchweg recht kniffligen Seillängen.

Der fast horizontale Plattenquergang, den sich Hannah nun vornimmt, ist in unserer Ausgabe vom Panico Wetterstein Nord* noch mit einer glatten VI bewertet und würde damit die Crux darstellen. In einem neueren Topo, wurde die Passage auf V+ abgewertet, was wohl näher an der Realität liegt. Geschenkt gibt’s trotzdem nichts.

Direkt vom Standplatz weg stellt sich ein kleines, kniffliges 3-Meter-Wändchen in den Weg. Das lässt sich zwar rechts über die Verschneidung ganz lässig ansteigen – ist dann aber recht filigran und kleingriffig zu queren. Danach geht es leicht ansteigend nach links weg wobei kleinräumig kurze, nicht ganz einfache Aufschwünge zu überwinden sind. Selbst hier – in der Platte – ist der Fels nicht überall fest und einzelne Griffe sind weiterhin mit Bedacht zu wählen. Hannah hangelt sich aber sauber durch die Länge und verschwindet hinter dem Eck, hinter dem sich die Schlüsselstelle dieser interessanten Länge versteckt. Als ich nachsteige hangle ich mich von Aufschwung zu Aufschwung und staune am besungenen Eck nicht schlecht über den Tiefblick und die zunächst wenig einladende Crux.

Unter einem kleinen Überhang will an delikaten Griffen recht kühn und luftig auf eine glatte Platte abgeklettert werden. Im Vorstieg ist man hier sogar halbwegs angenehm von oben gesichert und stolpert hoffentlich über einen tiefliegenden, etwas versteckten Henkel. Spätestens sobald man die Schuhe auf der wenig einladenden Platte hat regelt ein ideal geneigter Piazriss den Weiterweg zum Standplatz. Die Seillänge ist mit 4 Bohrhaken und wenigen Schlaghaken auf ihren 25 Metern sogar ganz gut abgesichert – zusätzliches Material wäre in der Querung kaum anzubringen. Die Kletterei ist trotzdem sehr interessant, technisch und vor allem zu Beginn und Ende kurzweilig recht trickreich.

So kann’s doch bleiben?!

5. Seillänge (VI-)
Das Problem…

Ulkig.

Ich hab Hannah mal gefragt, ob es übertrieben oder reißerisch wäre, die folgende Seillänge als härteste 6- überhaupt zu betiteln. Wäre es wohl. Dazu müsste man aber eh erstmal alle verfügbaren 6- geklettert sein und wäre dabei ganz bestimmt noch über einige härtere Nüsse gestolpert. Festzuhalten wäre aber, dass die 5. Seillänge nach dem recht human bewerteten Quergang ordentlich reinhaut. In einem inzwischen leider nicht mehr aufrufbaren Blogartikel war das Ganze mal recht passend als „anhaltend anstrengend“ beschrieben. Aber der Reihe nach.

Einen Blick auf die 5. Seillänge kann man, anders als zuvor, nicht wirklich werfen. Ein kleiner Überhang versperrt wenige Meter über dem Standplatz den Blick in den weiteren Wandverlauf. Darüber soll ein langer, homogener Riss ansetzen, der auf dem Papier fast schon üppig mit Schlaghaken und einigen Bohrhaken ausgestattet ist. Ich denk mir gar nicht so viel dabei und steige ein.

Ich spare mir die ersten Rostgurken und steige direkt den Bohrhaken an, der den ersten Aufschwung entschärft. Das kleine Dacherl sieht zunächst recht unfreundlich aus – ich brauche einen Moment um solide Griffe auf seiner Oberseite zu finden – löst sich aber über rechts relativ dankbar auf. Der Blick zum Standplatz ist dem Tiefblick in die Schotterfelder am Wandfuß gewichen – luftig ist es schon. Und auf die Seillänge, in der ich mich plötzlich wiederfinde hat mich das Leben bisher auch nur mangelhaft vorbereitet.

Über dem Überhang setzt ein homogen unübersichtlicher, seichter Riss an. Nichts Ganzes und nichts Halbes: Zum Piazen ist’s zumindest für mich oft zu wenig Struktur. Zum Einspreizen fehlen solide Tritte oder gegeneinander gerichtete Außenwände. Für reine Wandkletterei sind’s gar nicht mal so viele Griffe oder Löcher. Was folgt ist ein hybrides Gewurschtel zwischen den Welten und über teils gar nicht so schönen Schlaghaken. Einzelne Exemplare hätte ich ohne Mehraufwand als Souvenir mitnehmen können. Ich bin ehrlich dankbar um die zwei weiteren Bohrhaken, welche die 40 Meter an dem exponierten Riss zumindest etappenweise entschärfen. Mittig lasse ich mich von Schlaghaken nach rechts auf eine kurze Rampe locken und bin mir nicht sicher, ob das der effizienteste Weg ist. Ganz oben – der Standplatz ist zum Greifen nah – gestaltet sich der Ausstieg aus dem Riss als für uns schwierigste Einzelstelle, die nochmal einen kühnen Zug an rettende Leisten erfordert.

Als ich Hannah hier im Nachstieg beobachte, frage ich mich doch, wie ich das gerade in einem Zuge vorgestiegen bin. Die Hannah fragt sich das auch. Zum Glück folgt der Rollentausch nur Minuten später. Die nächste Seillänge wäre ich im aktuellen Zustand nicht mehr hochgekommen.

6. Seillänge (V+)

Gar nicht so leicht, wie es aussieht

Eine letzte, schwere Seillänge trennt uns vom leichteren Ausstiegsgelände und einer Antwort auf die Frage, ob wir überhaupt so entspannt vom Musterstein runterkommen, wie wir uns das vorstellen. Per Wechselführung darf Hannah hier nochmal zaubern – und ich bin heilfroh darum. Die Seillänge entpuppt sich auf ihre eigene Art als weitere Herausforderung, der meine Vorsteigerin auch nach dem wuchtigen Riss noch gewachsen ist.

Vom Standplatz weg ist ein komischer, abdrängender und wenig solide anmutender Block anzuklettern. Die Wand und ihre Steilheit erfordern hier schon diesen Block in die Kletterei mit einzubeziehen – der Verstand hat aber eigentlich keine Lust an dem morsch und geklebt wirkenden Zeug herumzureißen. Ein Bohrhaken entschärft die Passage erst nachträglich.

Eine sehr trittarme und abdrängende Querung an einem schmierigen Riss führt nach links weg – miese Schlaghaken die geradeaus in einen überhängenden Riss führen ignorieren wir gekonnt und bleiben damit zumindest dem Panico-Topo treu. Hier kommt lange Zeit keiner der lieb gewonnenen Sanierungshaken mehr – fast zum ersten Mal am heutigen Tourentag werten mittlere Friends die Situation spürbar auf. Am Ende der Rampe stellt sich eine kleine, senkrechte Verschneidung in den Weg, die Hannah für einen Moment aufhält. In der Draufsicht verstehe ich das gar nicht so recht – aus der Nähe betrachtet: keine Ahnung wie sie hier sauber durchgekommen ist. Für mich ist im Nachstieg spätestens hier Feierabend. Also – Feierabend mit ästhetischer Kletterei. Der andere Feierabend ist erst an der Meilerhütte und noch einige Hürden entfernt. Irgendwie klemmend, rudernd, hoffend kriege ich einen eigenartigen Zangengriff über der Verschneidung gehalten. Meine andere Hand hängt irgendwie hinter einem wackeligen Klemmblock mit einer reudigen Schlinge im Riss rechterhand. Ein kurzer, sehr harter Zug manövriert mich in leichteres Gelände.

Hier übrigens leicht nach rechts in leichteren Fels (ca. III – IV) schwenken und dabe oben (also 20 Meter höher) die Verschneidung auf das Band im Blick behalten. Ein direkter Weg über einen lockenden Schlaghaken ist hart, brüchig und vermeidbar. Hat Hannah getestet. Rechts – wie angedeutet ein bisschen außerhalb der Falllinie – versteckt sich sogar noch ein richtungsweisender Bohrhaken und wenig später auch ein Standplatz. Ich schließe zu Hannah auf.

Karwendelträume von den Arnspitzen bis zur Nordkette

Im wunderschönen Licht der Herbstsonne nehmen wir uns gar nicht so viel Zeit die Aussicht und die nun hinter uns liegenden Schwierigkeiten zu feiern. Der Tag ist kurz und der Weg ins sichere Gelände noch weit. So spannend und lehrreich die drei zentralen Seillängen auch waren – sie haben auch Zeit und Körner gekostet. Dinge, die wir zumindest anteilig auch noch gerne für den Abstieg parat hätten.

Freudig nach vorne fliehen

7. Seillänge (IV)

Ich steige die kurze Ausstiegsverschneidung vor, die als eigenständige Seillänge eigentlich zu kurz ist, sich aber auch nicht wirklich gut an die Vorherige anhängen lässt. Einen Meter unter dem Band reiße ich noch einen faustgroßen, zuvor solide wirkenden Griff aus der Platte. Ach Musterstein…

In der Seillänge steckt kein fixes Material und auch keine der alten Rostgurken. Ich belasse es dabei und bemühe mich nicht noch irgendwo einen Keil hin zu fummeln. Stürzen ist hier eh keine Option mehr. Ein Mantra, dass nun den weiteren Auf- und vor allem Abstieg ziert.

Ausstieg aus der 7. Seillänge: Am Ende der Kubanek-Spindler
Ausstieg via Hannemann (II-III)

Ein letzter, toller Standplatz begrüßt uns auf dem sonnigen Band der Hannemann-Führe, die hier von links heranzieht und den leichtesten Weg zum Gipfel sucht. Da wir noch nicht ganz wissen, was uns erwartet, bleiben wir am Seil. Hannah verschwindet nach rechts um die Ecke und läuft auf rasch auf das nächste, wohlportionierte Abenteuer auf.

Muss man da wirklich durch das Loch krabbeln??

Eine Antwort wie sie etwa auf hikr.org zu finden wäre, haben wir in der Wand natürlich nicht parat. Denn dort heißt es:

Kleine Menschen können auch ohne Kletterei unter dem Klemmblock durch, alle anderen müssen ein paar Meter stemmen.

frehel

Wir interpretieren uns im Eifer des Gefechts einfach beide als kleine Menschen, was für mich mitsamt Rucksack wohl eher eine Grauzone ist. Beide – also mich und meinen Rucksack – schmücken nach dem engen Durchschlupf ein paar neue Schrammen. Wir wechseln nochmal die Führung, was mangels Absicherung aber ohnehin nur noch eine Formalität ist. Letzten Endes geht es nun am laufenden Seil in Richtung Gipfelkreuz. Rückblickend wäre es hier auch ohne Seil schön und flowig durch überwiegend festeren und griffigen Fels gegangen. Dabei folgt man einer offensichtlichen, immer breiter werdenden Rinne, welche nach rund 50 Metern auf den scharfen Gipfelgrat trifft.

Abstieg via Musterstein-Westgrat (III)

Wir genehmigen uns doch noch eine kleine Rast und Stärkung am höchsten Punkt. Davon gab es heute auch mal wieder viel zu wenig und am Musterstein ist man ohnehin nicht alle Tage. Die Täler liegen bereits im trüben Blau während die Nachmittagssonne die Kalkmauern des Wetterstein- und Karwendelgebirges in goldenes Licht taucht. Fast – aber nur ganz fast – kriecht eine melancholische Erinnerung an unsere Begehung der Alten Ostwand an der gegenüberliegenden Partenkirchener Dreitorspitze in meinen Kopf. Das ist jetzt ziemlich genau 3 Jahre her und mündete zur beinahe selben Jahreszeit und in ähnlichem Licht auf einem ähnlich isolierten Gipfel. Irgendwie ist seitdem extrem viel passiert. Irgendwie ist aber auch alles gleich.

Long Way Home

Der komplizierte Abstieg reißt uns rasch aus den Gedanken – das verbleibende Tageslicht will genutzt werden um den gröbsten Teil des anspruchsvollen Abstieges hinter uns zu bringen. Vom Kreuz weg geht es – fast sofort ziemlich ausgesetzt – in Kletterei im oberen II. Grad hinab in eine kleine Scharte unterhalb des Gipfelaufbaus. Wir halten uns südlich in einem Rinnen- und Rampensystem, was sich im festen Fels ganz gut auflöst.

Vor uns liegt nun die exponierte, nordseitige Querung, welche sich zum Glück überwiegend schneefrei präsentiert. Der eiskalte Fels und die düsteren Abbrüche spannen trotzdem ein ernstes Ambiente auf. Wir halten uns auf einem schmalen Band wenige Meter unter dem Grat hinüber zum offensichtlichen Durchschlupf auf die andere Seite. Eine unangenehme und mit rutschigem Schnee gefüllte Rinne bringt uns an den Abseilring und zurück auf die Süd- und Sonnenseite.

Von der Meilerhütte kommend ist hier ein Riss im wahrscheinlich unteren 3. Schwierigkeitsgrad zu klettern. Von oben ist dieser für uns nicht wirklich einzusehen – wir machen kurzen Prozess und seilen ab. Inzwischen glaube ich auch zu wissen, dass man sich hier von oben kommend ein bisschen mehr am Grat entlang orientieren muss, als wir es getan haben. Wir haben einmal in die Südwand geguckt, „hell no“ gerufen und das Seil geworfen. Passt eh. Wir landen mit dem Manöver und unter Aufwand von vollen 30 Metern aber auch ein bisschen hinter der Stelle, an der man hier wohl im Aufstieg in die Rinne abbiegt. Entsprechend ungemütlich ist der winzige Absatz, auf dem mir das Seil ausgeht.

Wir ziehen ab und klettern auf einem luftigen Band nach links und treffen rasch wieder auf die Steinmänner, die den Westgrat markieren. Auf der gegenüberliegenden Seite einer kleinen Schlucht baut sich bereits unübersehbar die markante Platte auf, welche die nominelle Schlüsselstelle des Westgrates bildet. Ein vielleicht 20 Meter messendes, geneigtes Wändchen aus sehr kompaktem Fels, welches mit einem Fixseil entschärft ist. Auf dem Weg dorthin müssen wir nochmal ein kurzes Stück über einen Block aufsteigen und dann erneut beeindruckend luftig über eine schmale Rampe in die nächste Scharte abklettern. Nicht schlecht – scharfes Gelände.

Da die Platte als erstes Stückchen Fels am Grat nicht wirklich exponiert daherkommt, wirkt sie auf uns fast beruhigend. Entsprechend entspannt steigen wir sie an und finden kurz vor dem steilsten Abschnitt eine günstige Querung nach links, die es uns erlaubt wieder auf den Grat zu gelangen ohne das Fixseil voll belasten zu müssen. Denn wer hängt sein Leben schon gerne an ein Seil, dessen Aufhängungspunkt von unten kaum einzusehen ist. Unsere „Umgehung“ ist dann zwar wieder sauber ausgesetzt – lässt sich im festen Fels aber überraschend angenehm und kraftsparend klettern.

Damit haben wir einen für uns wichtigen Meilenstein erreicht. Das war der Punkt, den wir unbedingt bei Licht erreichen wollten – hier endet das Labyrinth aus steilem Kalk. Der Grat wird nun einfacher – dann wechselt die Spur in die brüchige aber gangbarere Südflanke der beiden Törlspitzen. Auch wenn die Erinnerungen daran schon langsam verblassen: hier sind wir vor 3 Jahren schonmal rumgeturnt. Hier kennen wir uns quasi aus.

Von allen Seiten betrachtet ein wirklich wilder Berg

Wir passieren den gelben Turm – einen markanten Pfeiler an dem der Grat zu Gunsten der brüchigen Flanke verlassen wird. Im Dämmerlicht arbeiten wir uns durch das splittrige Geröll und auf die in wilden Farben leuchtenden Wolken zu. Alles perfekt. Ein Traumtag, dessen Inhalt in seiner Intensität wohl auch zwei Wochen füllen könnte. Wir reden nicht mehr viel. Inzwischen macht sich eine gewisse Müdigkeit bemerkbar.

Nur als wir uns – genau wie vor 3 Jahren – kurz vor der Meilerhütte versteigen, wird nochmal kurz debattiert. Für alle die hier schweigsam wandern wollen: Nicht zu tief abdrängen lassen. Der absteigende Pfad ist wahrscheinlich der Ausstieg aus einer der Südwandrouten an den Törlspitzen – im Zweifel immer so weit oben wie möglich bleiben.

Eine kurze Korrektur bringt uns dann auf den richtigen Pfad und schon schälen sich die Stahlseile und das Dach der Meilerhütte aus der Dunkelheit.

Endlich Feierabend!

Wir kehren auf eine kurze Jause in den Winterraum der Meilerhütte ein, der ebenfalls menschenleer ist. Die Versuchung ist groß hier einfach die Nacht zu verbringen – gemütlich genug ist es allemal. Aber wir hatten irgendwas feines als Abendessen geplant. Und obwohl ich vergessen habe, was das war, überwiegt der Wunsch sich nicht für die nächsten 12 Stunden von einem Riegel und einem halben Apfel zu ernähren. Außerdem ist November und es ist mitten am Tag schon stockfinster – wir haben gerade mal 17 Uhr. Also Abfahrt. 7 Kilometer und 1350 Höhenmeter.

Brotzeit im Winterraum

Abstieg

Die Grödel, die wir den ganzen Tag im Rucksack herumgeschleppt haben, dürfen ihren Zweck auch noch erfüllen und bringen uns rasch durch die schneebedeckten Schotterfelder zurück zur Waxensteinhütte. Hier sammle ich noch meine zuvor deponierten Stöcke ein und dann geht es auf dem selben Weg wie heute früh zurück durch das Bergleintal und hinaus in die Leutasch. Das Herz ist voll, der Winter kann kommen, das Hälsli soll weichen.

Die nächtliche Geduldsprobe zurück ins Tal

Schwierigkeit, Versicherung und Material

In meiner persönlichen Wahrnehmung eine doch einigermaßen rustikale und vielseitige Alpinkletterei der älteren Schule. Zumindest für unser aktuelles Kletterniveau. Die sanfte Sanierung mit Bohrhaken und die guten Standplätze entschärfen die Linie natürlich spürbar – so richtig über Bord werfen darf man den Fokus aber trotzdem nicht. Der Fels ist an den entscheidenden Stellen rau und einigermaßen griffig – ringsum aber oft auf längere Strecken auch gar nicht so solide wie man meinen möchte. Speziell auf den Bändern und in den Kaminen warten wirklich große, wackelige Blöcke darauf zur Gefahr für SeilpartnerIn oder andere Seilschaften zu werden.

Die Schwierigkeiten kommen schon irgendwie hin und die Kubanek-Spindler hat den Ruf innerhalb der Musterstein-Südwand eine der dankbareren Führen zu sein. Mit irgendwelchen Inntal-Mehrseillängen, lässt sich das gebotene wie so oft überhaupt nicht vergleichen – was jetzt auch Nichts wirklich Neues ist. Markant ist die Spannweite zwischen 5+ Seillängen mit wenigen Kilometern trennender Luftlinie allemal. Das liegt natürlich an den oft weiteren Hakenabständen aber auch am Stil der Kletterei: Bereits die Längen im IV. Grad sind nicht trivial – wer diese engen, unübersichtlichen Kamine nicht gewöhnt ist wird die 3. Seillänge als Ausreißer nach oben wahrnehmen. Der Quergang in der 4. Seillänge war im alten Panico-Topo noch als Schlüsselstelle aufgeführt – klettert sich aber fast am Schönsten von den drei schwereren Längen. Hier ist die Crux zwar ein trickreicher Downclimb kurz vor dem Standplatz – welcher aber ganz gut abgesichert ist und sich toll auflöst. Die 5. Seillänge dürfte mit Abstand die brutalste 6- sein, die mir bisher untergekommen ist. Unübersichtlich, unheimlich ausgesetzt, steil und lang. Wirklich gute Griffe oder Rastplätze werden rar und die Schwierigkeiten nehmen nach oben hin eher zu als ab. Die 6. Seillänge liefert kaum Entspannung und ist erneut kräftig, eigenartig zu klettern und viel schwerer als sie aussieht. Der Rest ist alpines Allerlei – welches als recht umfangreich in die Tourenplanung einkalkuliert werden darf.

Wir waren mit 60 Meter Halbseilen unterwegs – also so wie immer. Neben Exen und einigen Schlingen (es gibt ein paar Klemmblöcke in Länge 3 und 6) hatten wir auch ein paar Totems am Gurt hängen. Diese kamen vergleichsweise selten zum Einsatz und waren meist nur ergänzend gesetzt. Schaden tun sie nicht – die Linie ist aber schon so saniert, dass gute Kletterer mit wenig zusätzlichem Materialaufwand durch die Wand kommen werden. Der Fels präsentiert sich oft eher ungeeignet für mobile Absicherung jeglicher Form. Dort wo möglich macht es aber bestimmt Sinn auch mal ein klemmendes Teilchen zu versenken, die Schlaghaken sind stellenweise schon sehr wackelig und die Bohrhaken – wenn auch brauchbar und mit Bedacht gesetzt – sind weit voneinander entfernt.

Zusammenfassung

Vielleicht klettern wir einfach nicht so gut. Vielleicht werden diese alpinen Klassiker aber auch einfach nie so richtig leicht. In jedem Fall ein wahnsinnig schöner Tag in einer fantastischen Wand und einsamen Ecke des immer wieder beeindruckenden Wettersteins. Und wieder ist es gut, dass die Route so lange hat reifen müssen, bis wir eingestiegen sind. Denn vor 2-3 Jahren, hätten wir an den Stellen einen ordentlichen Denkzettel verpasst bekommen, die heute in die strapazierte Komfortzone gefallen sind.

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