Literatur: Wanderungen für jede Jahreszeit in den Ammergauer Alpen*
Die Klammspitzen sind wohl unschwer als Parade-Ammergauer erklärt. Zumindest sehe ich das so. Fährt man von Ettal nach Oberammergau, so dominieren sie den Blick ins Graswangtal. Sie ragen sie als zwei kühne Zacken aus dem langen Kamm heraus, der mit dem Kofel in Oberammergau ansetzt und schnurgerade bis kurz vor Füssen zieht. Ihre gemessen an der Wucht der Alpen geringe Höhe gleichen sie mit ihrer markanten Form und einer ganz eigenen Silhouette aus, die den Wanderer schnell zu dem Wunsch bringt, sich einmal auf ihr Haupt zu begeben. Zumindest sehe ich das so.

Ziel der Begierde ist wahrscheinlich normalerweise die Große Klammspitze, die mit ihren 1924 Metern die höchste Erhebung in ihrem Gebirgszug ist. Wie so oft, ist sie es auch, die mit einem recht gangbaren Normalweg gut erschlossen und üppig besucht ist. Die unweit entfernt liegende Kleine Klammspitze ist ein etwas härterer Brocken und erfordert bereits leichte Kletterei und souveräne Fähigkeiten in der Wegfindung. Bei unserem ersten Versuch den beiden Gipfeln einen Besuch abzustatten bewiesen wir leider nur Ersteres: wir kletterten was das Zeug hielt! In brüchigstem Ammergauer-Lehm-Gedöhns und nassem Steilgras. Deutlich über den Schwierigkeiten, die wir erwartet hatten. Bloß leider an völlig falscher Stelle.
An einem stürmischen Saharastaub-Tag im November kommt mir diese Ecke plötzlich wieder in den Sinn und ich bilde mir ein, dass das in herbstlicher Kulisse doch eine feine Sache wäre. Da ich das Gefühl habe die erste Erkältung des Winters auszubrüten, bin ich auch ganz froh um keinen allzu gewaltigen Plan. Für den Folgetag ist mit der Kubanek-Spindler am Musterstein ohnehin ein etwas ausdauernder Bergtag geplant. Und weil ich hier schon in einigen Varianten unterwegs war, entscheide ich mich für den „antizyklischen“ Aufstieg über das Sägertal und den Klammspitzgrat – der sich trotz Ansturm auf den Gipfel von der anderen Seite als zunächst sehr einsame Unternehmung herauskristallisieren wird. Alles fein!
Vom Parkplatz Sägertal zum Bäckenalmsattel
Um die gewählte Runde nicht zu überschwänglich zu loben: an ihrem Anfang und an ihrem Ende steht eine laaaange, seichte Forststraße. Schlappe 4,5 Kilometer geht es erstmal reichlich unspektakulär in den Wald hinein. Immer am Sägertalbach entlang. Am Ende steilt sie ein wenig auf und führt in einigen Serpentinen in hübscheres Gelände. Den kleinen Abzweig ins Lösertal lasse ich links liegen – hier falsch abbiegen muss man schon aktiv wollen.

Der Sattel ist durch das zunehmend interessante Sägerbachtal rasch erreicht. Davor geht es aber in homogener Steigung und auf bei Nässe extrem matschigen Pfaden durch ein hübsches Laubwäldchen und die einsame Stille des kleinen Tals. Üppigste Natur und eine verschwenderische Flora fangen den Blick ein, bevor sich am Sattel die Frage des Weiterweges stellt. Ich biege rechts auf den Steig zur Klammspitze ab und rasch tauchen die schönen Berggestalten im Bereich der Kenzenhütte auf. Mit der Hochplatte verbinde ich einige Erinnerungen – etwa die an eine abenteuerliche Winterüberschreitung. Der Geiselstein – ein Kletterberg wie er im Buche steht – hat seit Jahren einen Platz auf der langen Liste der Ideen und Ziele und mag dort einfach nicht so recht aufrücken.
Über Hirschwang und Feigenkopf
Auf dem Weg zum Hirschwang überquere ich ein hübsches Plateau und gelange in den Bereich der Tour, die heute dem pfeifenden Föhnsturm ausgesetzt ist. Den Abstecher hinüber zum Grubenkopf spare ich mir und halte mich weiter nach Osten in Richtung Klammspitzgrat. Hier setzt definitiv der schönste Abschnitt der Tour an, denn bis zum höchsten Punkt sind es noch fast 2,5 Kilometer in regem Auf und Ab entlang einer prächtigen Gratschneide. Diese hat stets einen guten Weg und ist an den schwierigsten Stellen mit Stahlseilen ausgestattet. Luftige Einzelstellen kommen recht kurzweilig und punktuell daher und konzentrieren sich um die Große Klammspitze – halbwegs schwindelfrei sollte man aber schon sein. Zu den Seiten sausen schon ziemlich steile Grasflanken hinab ins eben erst durchquerte Sägerbachtal.
Grubenkopf – dahinter schon der Forggensee
Herrlich-herbstlicher Gratweg durch goldene Grashänge
Mit dem Feigenkopf ist dann der erste Gipfel erreicht, der sich auch wie ein solcher anfühlt. Zwar schmückt ihn kein Gipfelkreuz – dafür ist er aber durch eine deutliche Scharte von den Klammspitzen abgetrennt. 120 Höhenmeter verliert man hinter dem Feigenkopf bis zum tiefsten Punkt des Verbindungsgrates. Die Perspektive, die man hier auf die beiden Klammspitzen hat überrascht mich auch. Bisher kannte ich die beiden Gipfel von Osten her und – aus weiterer Entfernung – von Hochplatten und Scheinbergspitze aus. In der direkten Draufsicht vom Feigenkopf geben sie ein beeindruckendes Zweigestirn ab an deren Grat die Grenze zwischen einer felsigen Nordflanke und einer grasigen Südflanke verläuft. Und genau entlang dieser Grenze verläuft mein Weiterweg.

Klammspitzgrat zur Großen Klammspitze
Langsam bröckelt die Einsamkeit, die ersten Gruppen kommen mir vom Gipfel der Großen Klammspitze entgegen. Die meisten Tourenportale beschreiben diese Runde nämlich genau anders herum und vom Schloss Linderhof aus – den langen Talhatscher hebt man sich damit bis zum Schluss auf. Ich bin mit meiner Gehrichtung aber eigentlich ziemlich happy. Mit Ausgangspunkt Sägertal ist der ohnehin nicht richtig vermeidbare Hatscher zweigeteilt und der Aufstieg gestaltet sich so zwar deutlich länger aber eben auch flacher und einsamer.
Ein paar luftigere Querungen auf der Südseite später stehe ich schon unter dem letzten Aufschwung hinauf zur Großen Klammspitze, die ein phänomenaler Aussichtsberg ist. Nur die Weitsicht ist heute ein wenig getrübt. Theoretisch lässt sich hier aber vom Karwendelgebirge über die Zugspitze bis rüber zu den Tannheimer Bergen ein tolles Panorama bestaunen. Wobei das Interessanteste wahrscheinlich der hier fast schon chirurgische Einblick in das Herz der Ammergauer Alpen ist.
Blick zur Kleinen vom Gipfel der Großen Klammspitze
Türmchen aus brüchigem Fels wollen teils luftig umgangen werden
Blockwerk Orange
Eine wunderschöne Gratüberschreitung mit kurzweiligen Schlüsselpassagen
Scheinbergspitze in trüber Kulisse
Nach einer kurzen Rast entscheide ich mich gegen einen weiteren Versuch an der Kleinen Klammspitze. Die Sinne sind eigentlich schon voll und die steilen Schrofen und Flanken sind nass vom letzten Niederschlag und mit kleinen, tropfenden Schneeresten gesäumt. Muss heute nicht. Stattdessen geht es – bei moderatem Gegenverkehr – durch den felsigen Abstieg zu den Brunnenkopfhäusern. Ein Geheimtipp – ein einsames Juwel – wie in einigen Tourenführern behauptet – ist diese Überschreitung am Wochenende gewiss nicht mehr. Was die Schönheit der Runde aber nicht weiter beeinträchtigt.
Abstieg über die Brunnenkopfhäuser
Ein paar wilde Felszacken und Türmchen schmücken den Abstieg, welcher in ein tolles Amphitheater und den Wänden der Klammspitzen führt. Mit einem moderaten Gegenanstieg gelangt man stets unter dem Grat querend zur den Brunnenkopfhäusern, die die ehemaligen Jagdhäuser des bayrischen Märchenkönigs sind. Für Gipfelsammler lässt sich mit wenig Aufwand der Brunnenkopf mitnehmen. Ein kühner, kleiner Zacken, welcher einen tollen Blick zurück auf die zuvor besuchten Klammspitzen bereithält. An der Brunnenkopfhütte kann man einkehren – muss man aber auch nicht. Zumindest für mich geht’s direkt weiter – der Wanderflow will nicht unterbrochen werden und den Trubel, der hier herrscht, werde ich auch gleich wieder hinter mir lassen.
Lässige Türmchen und Felsgebilde zieren den Abstieg
Der „Schnellabstieg“ zum Linderhof, der gar keiner ist
Statt dem üppig ausgebauten Reitweg zum Linderhof zu folgen, welcher in sehr vielen Serpentinen durch den immergleichen Bergwald irrt, biege ich bei einem kleinen Stadl auf 1570 Metern rechts auf den kleinen Steig ab, der über eine kleine Weide in den Wald führt. Hier geht es – in der Regel wesentlich einsamer – über erneut aussichtsreiche Grashänge und kleine Pfadspuren hinab. Auf 1250 Metern ist aber auch hier Schluss mit lustig. Die letzten 300 Höhenmeter sind auf einer faden Forststraße abzusteigen, die dann im Schloss Linderhof mündet. Der Reitweg hat schon auch seine Berechtigung – er ist auf seiner ganzen Länge homogen als Wanderweg ausgebaut und führt am Schluss auch kurz an die plätschernden Wasser des Dreisäulergrabens heran. Geschmacksache 😉
Hatscher zum Parkplatz
Zwei weitere Kilometer bringen mich ohne weitere Höhenmeter zurück zum Parkplatz Sägertal und zum Schlusspunkt dieser feinen Runde. Wer die innere Ruhe für einige flache und eintönige Kilometer mitbringt wird mit einer fantastischen Himmelsleiter über dem Graswangtal belohnt werden, der es definitiv nicht an Abwechslung und Facetten fehlt. Ein runder Wandertag in Bilderbuch-Ammergauern.
Schwierigkeit, Versicherung und Material
Mit einer Strecke von 18 Kilometern und 1200 Höhenmetern spricht sie wohl eher den konditionsstarken Wanderer an und kann durchaus tagesfüllend werden. Die langen Talhatscher werden nicht Jedermann begeistern – es gibt wesentlich direktere Bergtouren. Je nach Zählweise werden am Weg allerdings bis zu 4 Gipfel gesammelt von denen die Große Klammspitze definitiv das Highlight darstellt. Am Grat sind einzelne, kurze Passagen mit Stahlseilen versichert – sie gehen gut von der Hand, sind aber relativ luftig. Der Umgang mit steilen, sandigen Steigen und brüchigem Fels sollte zuvor erprobt worden sein und auch im Absturzgelände sitzen. An der Klammspitze kommt es – wahrscheinlich auch wegen ihrer Beliebtheit – immer wieder zu tragischen Unfällen und Abstürzen. Insbesondere bei Altschnee oder Nässe sind die eigenen Fähigkeiten in meinen Augen schon mal kurz kritisch zu hinterfragen.
Zusammenfassung
Landschaftlich schöne und abwechslungsreiche Runde durch die Bergwelt der Ammergauer Alpen. Für mich mal wieder eine super gelungene Solo-Auszeit an einem Fleckchen Erde, dass ich bisher oft angekratzt aber noch nie so richtig bewusst angeschaut habe. Heute war endlich mal Zeit und Raum dafür. Und der federleichte Lauf über den windgebeutelten, herbstlichen Wiesengrat hat mich in die Art von Flow versetzt, die zwischen vielen planungsintensiven und technischeren Kletterausflügen rar geworden ist.