Offensichtlich

Wer den DAV-Hüttengutschein erfunden hat, fährt heute wahrscheinlich mit einem farblich zum Outfit passenden Porsche an der Gramai Alm ein. Zumindest würde mich arg interessieren, wie Ausstell- und Einlösequote des „perfekten Geschenks“ sich zueinander verhalten. Gutscheine verfallen, Bergjahre sind kurz und Hüttennächte rar.
Und so stehen auch wir einem zum Ende 2025 ablaufenden Hüttengutschein gegenüber und stellen fest, dass die allermeisten Hütten der DAV Sektion Oberland sich ohnehin schon in den wohlverdienten Winterschlaf verkrümmelt haben. Dem nahenden Winter trotzt eigentlich nur noch die Johannishütte am Großvenediger und für uns aktuell eher uninteressante Stützpunkte in den bayerischen Voralpen. Oh und die Lamsenjochhütte im Karwendel.
Hold my Panico!
Als kleine Kletterarena im östlichen Karwendel wäre das doch tatsächlich eine schöne Idee? Das Angebot an Mehrseillängen und Klettergärten ist im Nahbereich der auf 1953 Metern liegenden Hütte ganz ordentlich und so buchen wir uns direkt vor Saisonabschluss noch in die so spät im Jahr wenig besuchte Schutzhütte ein und verbraten damit erfolgreich den Gutschein. Als Auftakt am Zustiegstag bilden wir uns den offensichtlichen Klassiker im Gebiet ein: die Nordostkante auf die Lamsenspitze. Nicht wirklich schwer aber mit 470 Klettermetern einigermaßen lang und auch halbwegs alpin. Immerhin – die Erstbegehung im Jahr 1912 liegt schon über 100 Jahre in der Vergangenheit.
Zustieg
Zwischen Porsche und Zirbensauna starten wir den Marsch hinauf in die Berge, in denen wir mit unseren löchrigen Hosen und Kletterseilen wohl besser aufgehoben sind. Der (im Sommer kostenpflichtige) Ausgangspunkt an der Gramai Alm hat aber den Vorteil, dass er den Zustieg zur Kante auf ziemlich kurzweilige 5 Kilometer und 900 Höhenmeter reduziert. Logisch – keine Arco-Verhältnisse. Aber für eine längere Linie im Karwendel ist es fast schon ein Segen nicht mit E-Bike und einer Horde Träger-Alpakas losziehen zu müssen. Unter den gewaltigen Mauern des Sonnjochs ist es schon richtig herbstlich. Die Sonne scheint bereits zur Mittagszeit schon auf Halbmast zu stehen, die Wiesen sind trocken und golden, das Laub bunt und die Luft in den langen Schatten der Berge schon richtig kalt. Oben hat es sogar schon ein bisschen geschneit.
Blick von der Hütte zur Lamsenspitze
Die imposante Sonnjoch-Südwand überragt mit ihren über 1000 Metern Wandhöhe alles
Die Stände sind mit einzelnen Klebe-Ringhaken eingerichtet
Wir passieren die Hütte, melden uns kurz an und laden etwas Ballast ab. Mit leichterem Gepäck geht es den Steig in Richtung Lamsenspitze empor an den Fuß der Kante. Sonnige Serpentinen über der Hüttenterasse, von der wir mal wieder neugierig beobachtet werden. Wir sind aber halt auch irgendwie erneut die Kanarienvögel mit Seil am Rucksack und punkten heute zusätzlich mit einem ambitioniert späten Einstieg an einem sowieso schon kurzen Oktobertag. Was tut man nicht alles für Ruhm und Ehre.
Der Einstieg ist rasch gefunden und liegt heute exakt auf der Grenze zwischen Licht und Schatten in der Falllinie der Kante, welche hier direkt aus der Wiese in die Höhe wächst. Ein einzelner Ringhaken und eine verblasste, rote Anschrift räumen alle Zweifel aus. Wir bestücken unsere Gurte und steigen ein. Vom Gipfel trennen uns grob 12 Seillängen, vom Abendessen zusätzlich auch der nicht ganz simple und möglicherweise verschneite Abstieg.
1. Seillänge (IV+)
Keine Ahnung, was ich verbrochen habe aber der Vorstieg der ersten Seillänge fällt heute mal mir zu. Das ist super, denn die Schlüsselstelle über einen abdrängenden Wulst mit Wasserrille ist offensichtlich nass. Durch die Wasserrillen tropfen die Reste des darüber schmelzenden Schnees und auch der rettende Absatz ist feucht und kalt.
Feine Wolkenspiele begleiten unseren Aufstieg
Aufschwung über die nasse Wasserrille
Im Plattenpanzer der 3. Seillänge (III+)
Gar nicht mal so fein
Ich eiere durchaus einige Male hin und her bis ich mich in eine überzeugende Ausgangslage für den rupfigen Zug aus der Platte manövriert habe. Es gibt wahrscheinlich mehrere Möglichkeiten die nominelle Schlüsselstelle der Tour zu lösen – einige fallen heute aber der Nässe zum Opfer. Weniger Möglichkeiten gibt es dagegen bei der Absicherung. Es sind nur 2-3 harte Meter vom Boden weg – diese sind aber für den Vorsteiger zwingend frei zu klettern. Fixes Material gibt es nicht, mobile Absicherung geht sich erst im leichteren Gelände wieder aus. Auf den folgenden 30 Metern finde ich noch einen Zwischenhaken und zwei freundliche Sanduhren ehe ich leicht rechtshaltend den nächsten Ringhaken erreiche und den ersten Standplatz beziehe.
2. Seillänge (II)
Hannah übernimmt die Führung und bringt uns rasch in einer wenig ereignisreichen Links-Rechts-Schleife zum nächsten Ringhaken. 40 Meter sind zu überwinden, Haken gibt es auf dem Weg keine. Das Gelände ist einfach, gestuft und nicht wirklich steil – es sei aber auch direkt angemerkt, dass sich der oft etwas würfelig-brüchige Fels nicht allzu gut und üppig absichern lässt.

3. Seillänge (III+)
Mich lacht eine offensichtliche Rampe auf der rechten Seite einer imposanten Plattenwand an. Nach ein paar Metern auf diesem Irrweg ist der Fehler erkannt und ich klettere den teils brüchigen Kram wieder ab. Es geht tatsächlich ziemlich geradeaus in eine steile Plattenzone – um ein Haar wäre ich den besten Fels der gesamten Nordostkante umgangen!
In der Länge stecken zwar zwei Haken, der erste nach dem Standplatz ist aber mächtig hoch und darf bereits mit einem recht eindrücklichen Runout angeklettert werden. Dafür ist der Fels hier herrlich griffig, ziemlich fest und an großen Absätzen und Schuppen beinahe verschwenderisch henklig geraten: Zumindest gemessen an dem, was uns sonst so auf den knapp 500 Klettermetern begegnet ist. Zum Standplatz geht es dann doch nach Rechts. Nur halt viel höher als auf dem Band, das ich zu Beginn fälschlicherweise anvisiert hatte. Ich hole Hannah nach und genieße den inzwischen beeindruckenden Blick ins Inntal und über den feinen Grat zum Hochnissl, an dem sich kleine Wölkchen bilden.
4. Seillänge (III)
Hannah hat heute bisher den in Kletterschwierigkeiten gemessen etwas weniger intensiven Rhythmus zugewürfelt bekommen. Erneut geht es einem vagen Rampensystem folgend recht gestuft hinauf zum nächsten Standplatz. Erneut wird erst nach links und dann nach rechts geeiert. Erneut ist die Seillänge ziemlich clean und nur an Idealpunkten abzusichern – sofern es das im überwiegend gemütlichen Gelände überhaupt braucht.
5. Seillänge (IV)
Vor uns steilt die Kante, welche sich bisher kaum als solche gezeigt hat, wieder ordentlich auf. Der Weg ist diesmal sehr offensichtlich und die Haken sind – orientiert an den nun etwas schwereren Klettermetern – auch wieder ein wenig zahlreicher in den Fels gestreut. Dessen Qualität ist hier nicht mehr überragend – aber gut genug um sich auf die luftigen Klettermeter an der steilen Rissschuppe zu konzentrieren. Spreizen und sauber Treten helfen hier enorm – reines Hochrupfen an den teils feinen Leisten stelle ich mir dann doch recht wild und anstrengend vor. Der sehr schöne und interessante Auftakt in die Länge verläuft sich nach oben leider relativ schnell wieder in schotterige Bänder, die rechterhand zum Standplatz führen.

Ich klettere besonders achtsam um Hannah nicht mit Steinen zu bombardieren und freue mich kurz über die Tatsache, dass wir die Tour für uns alleine haben. Sind mehrere Seilschaften in der Wand, so liegt hier schon genug Munition für sportlicheren Steinschlag und brenzlige Situationen. Die Steine würden auch keinesfalls seitlich verschwinden – der wandartige Charakter der Kante behält alle Seillängen und den Wandfuß in der Falllinie aufgereiht.
6. Seillänge (III+)
Schon lässig!
Die zweite klettertechnische Schlüsselstelle – ein steiler Aufschwung an einer luftigen Rissschuppe
Hannah auf dem Weg in den roten Kamin
Eine vage Rinne verbindet die Scharte nach dem Kamin mit dem Grat – Hannah ist hier wahrscheinlich schon ein Stück weg vom richtigen Weg
Am Grat – unverhofft nochmal mit einer interessanten und in der Draufsicht recht imposanten Seillänge über eine exponierte Rampe
Zu einer runden Sache gehört auf jeden Fall noch, dass Hannah heute auch noch ein paar interessante Klettermeter im Vorstieg bekommt. Der Rote Kamin, eine unverkennbare Passage die sich auch von der Hütte aus gut im oberen Drittel der Linie ausmachen lässt, verspricht genau das. Vom Standplatz löst Hannah einen kleinen Plattenquergang nach links an den Fuß des Kamins. Der Standplatz ist deutlich neben der Falllinie des Kamins – was möglicherweise sogar bewusst so gewählt ist. Denn da war ja die Sache mit dem Steinschlag. Dafür hat man jetzt die Sache mit der Seilreibung, die wir mit langen Exen gut entschärft kriegen.
Wenig später verschwindet Hannah schon stemmend und spreizend in dem markanten Kamin und erreicht an dessen Ende eine kleine Scharte mit einem Ringhaken.
Als ich nachsteige stelle ich mit Freude fest, dass der Kamin sein Versprechen gehalten hat. Ein paar schöne, ausgesetzte Züge an guten Griffen – die aber auch hier mit Bedacht gewählt werden wollen. Das alpine Ambiente bleibt und man könnte für einen Moment meinen, man wäre in einer richtig ernsten Wand gelandet. Die ganz gut gesetzten Bohrhaken holen einen aber schnell wieder in die Realität zurück und an der kleinen Scharte liegen die klettertechnischen Schwierigkeiten theoretisch schon hinter uns.
7. Seillänge (zusammengelegt, III)
Dass die Kante nach oben fast nochmal ein wenig an Anspruch zulegt hatten wir nicht auf dem Bingo-Zettel. Hannah steigt erneut vor und folgt der vagen Rinne empor. Zu Beginn sieht das auch sehr genüsslich aus – der obligatorische Haken ist auch nicht zu verfehlen. Doch dann kommen wir irgendwie vom Kurs ab. Wahrscheinlich – mit Blick auf die Topos sogar sehr wahrscheinlich – wären wir oben raus besser weiter links geklettert. Hannah hat sich für einen Ausstieg über rechts auf den schmalen Grat entschieden, der sich aber als ziemlich brüchig erweist und kaum absicherbar ist.
So schnell kann Flow in knusprige Momente münden. Hannah überwindet die Kante und verpasst in ihrer Spur wahrscheinlich auch den Standplatz. Als das Seil sich dem Ende nähert und noch kein Standplatz gefunden ist wechseln wir wie in solchen Situationen üblich aufs laufende Seil und ich schließe am Gratköpfl vor der letzten richtigen Kletterstelle zu Hannah auf. Dass, was normalerweise die Seillängen 7 und 8 sind haben wir jetzt irgendwie in einem Schwung rechterhand überholt. Lohnend? Mäßig. Der Grat ist hier recht bröselig – das „leichte“ Gelände macht nicht wirklich Spaß.
8. Seillänge (laufendes Seil, III-)
Wir wechseln ein letztes Mal die Führung und bleiben der simultanen Kletterei für die letzten 3 Seillängen zum Vorgipfel treu. Über einen kurzen Firngrat – unseren einzigen Schneekontakt auf der Kante – erreiche ich die schräg ansteigende Rissspur. Diese schaut in der Draufsicht imposant aus, lässt sich aber sehr schön und in hier plötzlich wieder recht gutem Fels klettern. Die Absicherung ist mit Schlag- und Bohrhaken auf völlig in Ordnung und wenig später strecke ich den Kopf in die Sonne und krabbel auf den Absatz, der wohl getrost als Vorvorgipfel bezeichnet werden darf.
Bis auf 2 Meter Firngrat ist die Route schneefrei
Die Lamsenspitze wirft bereits einen langen Schatten
Die Querung zum Vorgipfel lässt mehrere Varianten zu
Kurz unterhalb des Vorgipfels
Der Übergang zum Vorgipfel löst sich dann gut auf und ließe sich bestimmt auch seilfrei gehen – da wir aber eh noch gleichzeitig klettern bleibe ich das Stückchen in Bewegung und sammel den einsamen Bohrhaken ein, der den Zackengrat zwischen Vorvorgipfel und Vorgipfel ziert. Ein kurzer Aufschwung durch eine kleine Verschneidung rechts vom Grat soll nochmal den 3. Grad touchieren, danach führen wenige Meter leichtes Kraxeln auf den Vorgipfel.
Übergang zum Hauptgipfel (I-II)
Karwendelträume
Nördlich saust die schattige Wand in die Eng hinab, wo goldene Hänge und ein paar Reihen Vorgebirge in das zähe Nebelmeer des Alpenvorlands übergehen. Im Süden baut sich in ungetrübter Klarheit der Alpenhauptkamm auf und die großen Gestalten liegen wie an einer Perlenkette vor uns: Glockner, Venediger, Olperer, Zuckerhütl. Davor schattige Kalkwände mit abweisenden Schneeresten, sonnige Grate und zarte Wölkchen. Definitiv kein schlechter Zeitpunkt um diesem Eckzahn des Karwendelgebirges einen Besuch abzustatten.
Seilfrei weiter zum Hauptgipfel
Beeindruckender Kamm zum Hochnissl – leider recht akut von Felsstürzen bedroht
Der Aufschwung zum Hauptgipfel bietet nochmal einen kurzen Aufschwung in recht festem Fels
Tiefblick in die Eng
Wir verstauen die Seile und gehen den kurzen Gratübergang zum Hauptgipfel an. Auch der kommt sehr kurzweilig und direkt daher – die finstere Nordwand schindet aber schon Eindruck. Ein kurzer Aufschwung unter dem Gipfel lässt sich in direkter Kletterei über eine seichte Platte schön griffig und solide überwinden und schon stehen wir auf dem Hauptgipfel der Lamsenspitze.
Abstieg (I-II, A/B)
Nach einer kurzen Rast machen wir uns auf den Weg zu langen Rast: der Halbpension auf der Lamsenjochhütte. Der Abstieg – obwohl sonnseitig ausgerichtet – hat deutlich mehr Schnee gefangen und behalten als die Nordostkante. Gut – hier kommt halt auch das Wetter her und trifft auf flachere Absätze. Ein paar splittrige Kletterstellen und Schneefelder später erreichen wir den Absatz, an dem eine etwas längere mit Stahlseilen versicherte Klettersteigpassage der Schwierigkeit B den Normalweg zur Lamsenspitze bildet.
Von unten hören wir Stimmen. Bei uns oben liegen zahllose Steine. Wir warten einen Moment und versuchen uns mit den für uns gerade noch nicht sichtbaren Bergsteigern abzustimmen – erfolglos. Es wäre ja schon interessant zu wissen gewesen, ob die beiden im Auf- oder Abstieg sind. Im Zweifel hätten wir jederzeit gewartet. Als das aber nicht wirklich fruchtet, wagen wir einen Blick über den Abbruch und steigen vorsichtig und ohne Steinchen loszutreten in die kurze Steigpassage ein.

Irgendwie stellt sich heraus, dass es auf unsere Fragen wahrscheinlich gar keine Antwort im klassischen Sinne gegeben hätte. Die beiden befinden sich im sichtlich überforderten Aufstieg, der nach unseren Zusammenfassungen zur Schneelage und verbleibenden Strecke zum Gipfel rasch zu einem Abstieg wird. Natürlich gucken wir dabei auf zwei Köpfe ohne Helme, zwei Männer ohne Klettersteigset (welches hier zwar nicht notwendig ist aber mit ehrlicher Selbsteinschätzung schon die Konsequenzen fehlender Trittsicherheit und mentaler Grenzerfahrung abfangen hätte können) und auf durchnässte Turnschuhe. Eh klar.
Das ist auch alles überhaupt nicht schlimm – vor einigen Jahren war ich selbst in diesem Stil unterwegs. Schlimm ist nur, wenn nichts dabei mitgenommen wird. Und damit wir hier auch nicht ganz leer ausgehen können wir mitnehmen, dass ein Helm am Normalweg zur Lamsenspitze definitiv Sinn macht – vor allem bei Andrang. Die steile Klettersteigpassage liegt direkt unter einem Schotterfeld und wer weiß, wer dort gerade unterwegs ist.
Abstieg vom Hauptgipfel mit leichter Kraxelei und morschen Schneeresten
Die Mitterkarlspitze
Den Zeitplan voll im Griff
Zusammenfassung des Tages
Wir queren das Lamskar. Ein neugieriger Blick fällt schon jetzt in die sonnigen Südflanken. Große Wände sind es nicht – aber an kleinen Felsriegeln soll sich karwendeluntypisch genüssliche Kletterei in bestem Fels verstecken. Etwa in Form der Aqualine am subtilen Sonnenpfeiler, die wir am Folgetag genießen dürfen.
Dann wechseln wir durch die Lamsscharte wieder auf die Schattenseite und tänzeln hier – weiterhin dem Normalweg folgend – recht luftig und schaurig an Stahseilen über eine exponierte Plattenflucht. Wir passieren den Wandfuß der Nordostkante in der wir die letzten Stunden haben kraxeln dürfen und die Serpentinen zurück zur Hütte und zum Abendessen vergehen wie im Flug – heute ganz auch ohne Gleitschirm. Den packen erst übermorgen in den Rucksack, wenn wir uns an der Rotspitze im Rofan mit Hike, Climb & Fly die Nerven rauben.
Schwierigkeit, Versicherung und Material
Die Lamsenspitze Nordostkante ist eine feine, klassische Linie auf einen markanten Berg, welcher in eine brachial schöne Landschaft eingebettet ist. Von der Gramai Alm aus ist die Tour (ein wenig Kondition vorausgesetzt) auch als Tagestour drinnen – die Nacht in der Hütte ist optional. Die Kletterei ist für die Länge der Tour relativ kurzweilig und abwechslungsreich – die gestufte Wandkletterei wird immer wieder von interessanten Seillängen und steilen Passagen unterbrochen. Dem gegenüber steht die doch etwas wechselhafte Felsqualität, welche kleinräumig zwischen sehr gut und relativ mies pendelt. Bloß speckig ist sie nicht – was trotz im Sommer wahrscheinlich recht hohen Begehungszahlen eine bemerkenswerte Sache ist!
Die Tour ist relativ einfach, die Schlüsselstellen erfordern in meinen Augen aber schon ein gewisses Maß an innerer Ruhe und alpiner Erfahrung. In meinen Anfängen hätte ich mich gar nicht mal so gerne in dieser Tour gesehen – obwohl sie seit Stunde 0 auf meinem Wunschzettel stand und dort nun über die Jahre immer weiter nach hinten gerückt ist. Speziell die Rissschuppe in Seillänge 5 und der Kamin in Seillänge 6 sind recht luftig und nicht ganz übersichtlich zu klettern. Die Absicherung findet an einzelnen, punktuellen Zwischenhaken statt, die gut gesetzt sind aber keinesfalls Stürze erlauben oder das Klettern erleichtern. Bis in den (oberen) 3. Grad muss auch mal anhaltend ohne Absicherung geklettert werden – gute Placements für Friends und Keile sind wirklich rar. Die Standplätze sind an einzelnen Klebehaken einzurichten. Steinschlag ist – speziell bis zum Grat – ein allgegenwärtiges Thema.
Die Orientierung ist überwiegend einfach – die wandartige Kante ist einigermaßen übersichtlich und der rote Kamin lässt sich stets ganz gut anpeilen. Den Versteiger, den wir uns oben raus geleistet haben kann man sich wahrscheinlich gut sparen – tatsächlich finde ich aber dass es über dem Kamin nochmal ein wenig zäher und rustikaler wird als man mit Blick ins Topo meinen würde – die Tour ist hier auf jeden Fall noch nicht vorbei.
Wir waren – mangels Alternative && wie immer – mit den 60m Halbseilen unterwegs. Ein paar (Alpin-)Exen sollten am Gurt sein – gar so viele bringt man aber gar nicht unter. Friends und Keile können je nach Sicherungsbedürfnis in kleiner Auswahl schon mit. Die Erwartungen an die Absicherbarkeit sollten aber nicht zu hoch ausfallen. Die Anzahl tatsächlich gesetzter mobiler Sicherungsmittel ließ sich zumindest bei uns an einer Hand abzählen. An den entscheidenden Stellen sind eigentlich auch einzelne, gute Haken hinsaniert – dazwischen gibt es noch ein paar alte Schlaghaken und in Seillänge 1 ein paar Möglichkeiten für Sanduhren. Achso und falls noch nicht genug darauf rumgeritten worden ist: HELM!
Zusammenfassung
Im Prinzip reiht sich die Nordostkante perfekt in die „klassischen Kalkkanten“ ein, welche teilweise auch in Pause’s „Im schweren Fels“ Einzug gehalten haben: Höllentorkopf Nordkante, Zwölferkante, Roggalkante und viele mehr. In der lustigen Gesellschaft dieser von mir bisher gekletterten Kalkkanten ist sie aber nach meinem Empfinden die Einfachste.