Kletterblog & Berggeschichten
Gimpel-Südostvorbau – Paradies (VI+)
Gimpel-Südostvorbau – Paradies (VI+)

Gimpel-Südostvorbau – Paradies (VI+)

Literatur: Panico Alpinkletterführer Allgäu*

Die Tannheimer Berge sind unter Kletternden längst kein Geheimtipp: das talnahe Kalk-Eldorado lockt mit seinen sonnigen Südwänden zahlreiche Seilschaften in den Fels, sodass zwischen der Roten Flüh im Westen und der Gehrenspitze im Osten eine regelrechte Kletterarena aufgespannt ist. Während es auch eine Menge lohnende, klassische Wege gibt, sind es vor allem die schönen Plaisirrouten von Pat Schwarzmann, aus denen fast zu jeder Tages- und Jahreszeit die bunten Helme blitzen. Und die allermeisten dieser Routen (und folglich auch Helme) hat es am Gimpel-Südostvorbau. Wer hier Einsamkeit erleben will muss wahrscheinlich im Winter und zur bereits goldenen Nachmittagssonne anrücken. Woher ich das weiß…?

Paradies

Dezember auf der Sonnenseite der Tannheimer Berge

Mit 4-6 Seillängen und 130 Klettermetern überwindet die 2005 erschlossene Linie den Vorbau im sehr kompakten Fels einer vagen Einbuchtung, welche zwischen den zwei vordersten Pfeilern direkt aus dem Gimpelkar ragt. Ich habe mir in dieser Wand bisher nur die etwas weiter oben beginnende Wirklich oben bist du nie angeschaut, welche zu der Zeit aber wahrscheinlich ein kleines Stückchen außerhalb der Komfortzone lag und entsprechend Körner gekostet hat. Heute – 2 Jahre später – erhofft man sich einen etwas entspannteren Durchstieg. Zumal wir eine feste Verabredung im Tal haben. Dass es heute das Paradies werden soll, liegt aber vor allem auch an der Begeisterung anderer verlässlicher Quellen. So heißt es etwa bei geiselstein.com:

…eine Route, deren Name Programm ist

Zustieg

Da es bisher noch nicht wirklich geschneit hat und die waldigen Südflanken über Nesselwängle die Energie der Sonne konsequent in Wärme umsetzen, befindet sich der Steig zum Gimpelhaus in beinahe sommerlichen Zuständen. Erst in den flachen Senken des Gimpelkars konnte sich der Schnee halten. Da der Weg zur Roten Flüh aber ohnehin gespurt ist, bremst uns das nicht nennenswert aus. Bloß zum Einstieg unserer Route – nur wenige Meter über dem Normalweg und minimal rechts oberhalb des tiefsten Punktes des Vorbaus – dürfen wir ein paar Schritte durch den aufgeweichten Schnee wühlen.

Links der Gimpel, rechts sein (aus dieser Perspektive durchaus eigenständiger) Vorbau. Mittig das Paradies.

Mit einem Wandbild kann man den Einstieg übrigens kaum verfehlen. Vom tiefsten Punkt des Vorbaus wenige Meter empor zur ersten Einbuchtung neben der ein kleiner, abgespaltener Vorbau ansetzt. Hier führt ein offensichtlicher Kamin in die Platten unserer heutigen Tour.

1. Seillänge (VI)

Wir bestücken unsere Gurte und ich starte voller Tatendrang in die erste Seillänge. Der Kamin – irgendwo im oberen 4. Grad anzusiedeln – geht noch ganz gut von der Hand. Er erinnert aber irgendwie auch direkt daran, dass das letzte Mal im Fels schon wieder ein paar Wochen her ist. Wir haben zuletzt sehr viel Zeit unter fliegenden Plastiktüten verbracht und unser letzter „großer“ Streich wird wohl die Musterstein-Südwand vor einem Monat gewesen sein. Zum Reinkommen gönnt mir die Wand genau 5 Meter. Dann gilt es links in eine ziemlich glatte und griffarme Platte zu steigen.

Die kurze Querung nach links zu einem splittrig anmutigenden Pfeiler will sorgfältig getreten werden – was weder mein Kopf noch meine nassen Kletterschuhe optimal unterstützen. Bloß der Pfeiler entpuppt sich dann als solide genug um die Nerven wieder zu beruhigen. Was aus der kurzen Beschreibung hervorgehen sollte – hier wartet wahrscheinlich auch außerhalb des Dezembers ein kleiner Kaltstart und eine kurze aber diffizile Einzelpassage.

Die knifflige Plattenquerung in die Wand – darüber ziemlich offensichtlich die feine Untergriff-Leiste

Hat man den kleinen, etwas unübersichtlichen Pfeiler erklommen, so gilt es an einer markanten Schuppe mit Untergriffen wieder einen kühnen Schritt nach rechts zu machen und sich auf das Band mit dem Standplatz zu arbeiten. Begeisternde, technische Kletterei mit nicht zu offensichtlichen Lösungen. Ich hole Hannah nach, die den paradiesischen Einstieg ein wenig zügiger meistert und sich damit auch direkt für die nominelle Schlüsselstelle der Tour aufwärmt.

Rückblick in die 1. Seillänge
2. Seillänge (VI+)

Der guten Absicherung folgend marschiert Hannah auf das unscheinbare Wändchen zu, welches die Erstbegeher mit dem oberen 6. Grad versehen haben. Eine steile, kleingriffige Einzelstelle erinnert mit ihrem gelben Fels an Dolomiten-Kletterei und löst sich mit sorgfältig gesetzten Tritten und den vorhandenen Untergriffen begeisternd auf. Auch wenn die meisten Topos hier Plattenkletterei veranschlagen, klettert sich die zweite Seillänge für unser Empfinden eher wie eine seichte Verschneidung in der sauberes Spreizen durchaus hilfreich sein kann. Zumindest macht Hannah das so vor, kommt damit einwandfrei durch & ich stelle im Nachstieg keine weiteren Fragen.

Hannah über der nominellen Schlüsselstelle

3. Seillänge (VI-)

Bereits die ersten zwei Seillängen haben uns mit homogener, genüsslicher und steiler Kletterei begeistert und auch die dritte Länge setzt diesen Trend fort. Ein bisschen weniger kompliziert – dafür reichlich henklig und flowig – geht es durch eine löchrige Plattenwand. Die Griffe verstecken sich stets genau dort, wo man sie erwartet – der optionale Zwischenstand ist nicht nötig um ohne Seilreibung unter das markante Dach zu gelangen. Ganz oben verjüngt sich die Wand in eine kaminartige Rinne, welche rauesten und wasserzerfressenen Fels bereithält und mich direkt in das kleine Adlernest unter einem großen Überhang entlässt.

Wo Wasser den Fels derart bearbeitet hat, muss es auch gelegentlich vorhanden sein. Und tatsächlich – bei unserer Begehung sind Teile des Kamins von schwarzen, nassen Streifen durchzogen. Nach längeren Regenfällen ist das Paradies bestimmt nicht der trockenste oder zugänglichste Weg durch den Gimpel-Vorbau – auch das Dach der folgenden Seillänge tropft wahrscheinlich ein wenig länger als benachbarte, plattigere Touren.

Am Ende der rauen Rinne

4. Seillänge (VI)

Was ist das denn?

Ein beflügelnder Quergang nach links

Nach der wunderschönen Wandkletterei der letzten Seillängen stehen wir vor der ersten Passage, die optisch erstmal eher an rustikal-alpines Allerlei in einer richtig ernsten Wand erinnert. Auch hier – entschärft durch gut platzierte Bohrhaken.

Die steile Direktvariante im oberen 7. Grad lacht uns nicht wirklich an, sodass es für Hannah in den kurzen aber unglaublich ausgesetzten Quergang geht. Unter den kleinen Tritten gibt es keinerlei Vorsprung oder herausragenden Wandabschnitt mehr, der den direkten Blick auf das 100 Meter tiefer liegende Gimpelkar verschleiern würde. Die berauschend luftige Traverse löst sich an guten Leisten schön auf – erfordert aber einen besonnenen Vorstieg. Nutzt man den Standplatz direkt hinter der Querung nicht, so sollte man zu Beginn sehr lange Expressschlingen einhängen – die Seilreibung wird sonst fast so phänomenal wie die Kletterei.

Hannah verschwindet in der Sonne, die zufällig genau am Eck steht und traversiert über mir wieder nach rechts zurück in die Falllinie des Standplatzes. Dabei klettert sie – wie ich später im Nachstieg feststellen muss – nochmal eine ziemlich kräftige und etwas eigenartige Einzelstelle an einer schmalen, abdrängenden Rampe. Nur Mut – hinterm Eck wartet ein feiner Henkel. Den muss Hannah auch gefunden haben.

Was Hannah nicht gefunden hat sind alle weiteren Bohrhaken, die auf der rechten Seite der schrofigen Rinne durch etwas besseren Fels einer plattigen Kante führen wollen. Stattdessen arbeitet sie sich die grasige Rinne empor, wundert sich über die fehlende Absicherung und erreicht dann letzten Endes aber schon den vorgesehenen Standplatz. Ich muss dann aber doch kurz schmunzeln als ich sehe wie selbstverständlich meine Seilpartnerin sich ganze fünf Bohrhaken gespart hat um der inneren Alpinistin zu folgen und den leichtesten (aber grasigsten) Weg zum Ziel einzuschlagen.

Hattest du keinen Bock mehr auf Fels?

Hier ist das Paradies auch schon zu Ende. Bei Bedarf kann relativ günstig noch die letzte Seillänge der Nachbarroute Jedem Tierchen sein Plaisirchen angehängt werden, die mit einer kurzen Stelle im unteren 6. Grad wahrscheinlich noch ganz gut ins Konzept passt. Uns flüstert die Uhr aber zu, dass es an der Zeit ist abzuseilen. Man hat ja schließlich auch noch andere Hobbies. Kaffee und Kuchen etwa.

Abseilfahrt

Mit nur zwei längeren Abseilern gelangen wir über die Route Zeit zum Fädeln auf sehr offensichtlicher Linie wieder zurück an den Wandfuss. Da wir ohnehin völlig alleine in den Wänden des Gimpel-Vorbaus sind, geht das ganz ungeniert und flott. Im Sommer möchte man sich wahrscheinlich schon erstmal noch erkundigen, ob man nicht einer anderen Seilschaft Seil, Stein oder Mensch auf den Kopf wirft.

Ein kurzweiliger aber wunderschöner Kletter(nachmit)tag geht zu Ende und während die Sonne langsam hinter den umliegenden Gipfeln versinkt, tun wir das gleiche im angewehten Schnee am Wandfuss. Unsere Verabredung wartet schon im Tal. Also schnell Rucksack einsammeln, Schuhe wechseln und rüber zur Zwerchenwand stapfen. Man hat ja schließlich auch noch andere Hobbies.

Abstieg

…verging irgendwie wie im Flug??

Bis zum nächsten Mal!


Schwierigkeit, Versicherung und Material

Tolle, abwechslungsreiche und erlesene Route durch den Gimpel-Vorbau, die an längeren Tagen bestimmt auch mit weiteren Unternehmungen in der Region kombiniert werden will. Die Kletterei ist ziemlich homogen im oberen 5. bis unteren 6. Schwierigkeitsgrad unterwegs und folgt fast durchgehend sehr lohnender, steiler Kletterei durch festen und löchrigen Fels. Unterbrochen wird der Anstieg von drei technischeren Einzelstellen, die etwas kniffliger ausfallen: der Aufschwung in der 1. Länge, das kleingriffige Wändchen in der 2. Länge und die abdrängende Rampe in der 4. Länge. Die nehmen sich in meiner Wahrnehmung untereinander auch gar nicht so viel. Schwierigkeiten sind stets eher Einzelzüge und nie richtig anhaltend.

Die Absicherung ist einwandfrei – bloß über dem Einstiegskamin hätte ich mir vielleicht einen etwas zugänglicheren Haken gewünscht. Je nach Strategie sollten für den Quergang oben raus auf jeden Fall lange Expressschlingen mitgebracht werden. Mobile Absicherung braucht’s nicht und mit 10 Exen kommt man eigentlich schon gut durch die Wand. Für eine fast schon verboten schnelle Abseilfahrt bieten sich 60 Meter Halbseile an.

Zusammenfassung

Feine Winter-Kletterei im Paradies. Wenn man dem überhaupt etwas vorwerfen wollen würde, dann wirklich nur, dass es ein wenig zu kurz geraten ist.

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