Kletterblog & Berggeschichten
Scharnitzspitze (2463m) via Direkte Südwand (VII)
Scharnitzspitze (2463m) via Direkte Südwand (VII)

Scharnitzspitze (2463m) via Direkte Südwand (VII)

Literatur: Im extremen Fels*

Fast freundlich

Christoph Klein, Im extremen Fels
Eine markante Berggestalt: die Scharnitzspitze mit ihrer Südwand

Pause-Touren – das sind die je nach Zählweise rund 120 Kletterführen, welche in Walter Pause’s Kultbuch „Im extremen Fels“ Einzug gehalten haben und seitdem eine legendäre Sammelliste für Alpinkletterer bilden. Innerhalb dieses Blumenstraußes an Touren wird der gesamte Alpenbogen abgeklappert und von fast schon gemütlichen Halbtagestouren bis zu den ganz großen Wänden eigentlich alles abgedeckt. Mit etwas Leidenschaft für alpinere Klassiker ist es sehr leicht dem Nimbus einer Pause-Tour zu verfallen – und wir haben da ohnehin keinerlei Standhaftigkeit bewiesen.

Nachdem wir uns 2024 mit der Fiameskante in den Dolomiten eine der formal leichtesten Pause-Touren hochgewurschelt hatten, haben wir das Thema unfreiwillig ein Jahr ruhen lassen. Der oft regnerische Sommer 2025 ließ ohnehin nur wenige Lücken für längere Touren und als wir dann im Herbst voller Tatendrang die Fehrmann-Verschneidung in der Brenta und die Nordkante des Fußsteins anfassen wollten, machten uns Logistik und übervolle Winterräume den Garaus. Erst im Frühling 2026 und nur wenige Tage nach der letzten Skihochtour schleppen wir die Kletterrucksäcke mal wieder an den Wandfuß einer solchen Linie. Und diesmal ist es auch kein exotisches Ziel in weiter Ferne sondern ein zackiger Berg direkt vor unserer Haustür: Die Scharnitzspitze.

Scharnitzspitze Direkte Südwand

Der formschöne, dreigipflige Berg klemmt ein bisschen verloren zwischen Oberreintalschrofen und Schüsselkarspitze im südlichen Wettersteingebirge. Im Vergleich zu der fast doppelt so hohen Wand der Schüsselkarspitze kommt die Scharnitzspitze mit ihrer 250 Meter messenden Südwand erstmal recht überschaubar daher. Zu Gunsten der Scharnitzspitze kommt es aber erst gar nicht erst zu einem solchen Vergleich – im Zustieg ist nämlich nur ihre Wand zu sehen und damit auch der steile Weg, den die Seilschaft Spitzenstätter-Baldauf hier 1957 durch den bunten Kalk fand.

In 7 Seillängen sucht sich die Kletterei ihren Weg durch den fast schon verstörend farbenfrohen Fels in der direkten Gipfelfalllinie und erreicht dabei den 7. Grad. Eigentlich möchte man direkt den allerschlimmsten Bruch erwarten – denn man kennt ja den verwitterten, rotgelben Schrott im Wetterstein. Doch irgendwie herrscht hier die Ausnahme zur Regel und die markanten Kletterstellen, Schuppen und Dächer trotzen ob der alarmierenden Signalfarben seit vielen Jahrzehnten dem Klima und den Begehungen.

Wahrgenommen haben wir diese Tour schon vor zwei Jahren bei unserem Ausflug in die Phantasia. Zu der Zeit waren aber ohnehin einige Blicke auf die schöne Wand gerichtet, die kurz zuvor einen tragischen Absturz gesehen und unsere Stimmung ehrlich gedämpft hat.

[…] neben unserem Tagesziel thront die schweigende Südwand der Scharnitzspitze, in der Martin Feistl vor wenigen Wochen tödlich verunglückt ist. Ein Unfall, der uns unbekannterweise ziemlich mitgenommen hat, da uns Martin mit dem was wir von ihm im Netz gesehen haben mehr als nur einmal eine Inspiration war.

Hinter der Wettersteinhütte bauen sich langsam aber sicher die Felswände auf

Zustieg

Wir steigen vom Parkplatz im Gaistal über die Wettersteinhütte auf. In der kalten Morgenluft kommen wir schnell voran und optimieren den vor zwei Jahren noch etwas sperrigen Zustieg über die Forststraße um die kleinen, wesentlich schöneren Steiglein. Wir passieren die Wangalm, in der wir auch vor zwei Jahren das Gewitter und eine regnerische Nacht ausgesessen haben. Dann steigen wir bereits durch grüne Wiesen auf unser Tagesziel zu.

Statt den Schlenker über das Scharnitzjoch zu machen steigen wir direkt im Kar auf den Wandfuß zu. Das ist zwar steil aber auch relativ kurzweilig. Passagenweise will man sogar sowas wie einen kleinen Pfad erkennen, der lustigerweise auch in manchen Karten eingezeichnet ist.

Der grobe Routenverlauf mit dem von uns gewählten rechten Einstieg

Wir erreichen die Wand an ihrem tiefsten Punkt und machen eine kurze Rast in einer noch recht frostigen Gufel. Über uns fängt die Wand bereits die ersten Sonnenstrahlen ein – es wird aber noch ein bisschen dauern, bis wir aufeinander treffen. Im kalten Schatten der Felswand holen wir kurz das Frühstück nach, schlüpfen in die Gurte und stapfen rüber zum rechten Einstieg auf den Vorbau. Hier scheiden sich direkt die Geister. Je nach Führerliteratur wird der Vorbau entweder von links oder rechts angegangen – und manch ein Topo zeigt einfach beide Varianten und überlässt den Kletternden die Qual der Wahl. Nach gründlicher Recherche und einem Blick in meinen neuen Topoguide* habe ich mich auf den rechten Einstieg eingeschossen. Und überhaupt – zum linken Einstieg heißt es im Internet:

Wer den linken Einstieg geht ist ein Depp. So wie wir. Wer den empfiehlt tut es wohl mit böser Absicht.

Vorbau & 1. Seillänge (IV+)

Jetzt kann man mir natürlich böse Absichten unterstellen – aber sooo schlimm sieht der linke Einstieg dann auch nicht mehr aus. Zumindest aus der von mir eingenommenen Perspektive im rechten Einstieg. Der ist nach einer rutschigen Platte nämlich auch ordentlich brüchig, grasig, nicht absicherbar und ein gutes Stückchen länger als der von links kommende Aufschwung. In einer kurzen, steilen Verschneidung besteht für mich mangels Absicherung völliges Flugverbot und ich bin ehrlich erleichtert als ich nach wackeligen 40 Metern den umgeschlagenen Klebehaken am Beginn der eigentlichen 1. Seillänge finde. Vielleicht müssen wir uns einfach darauf einigen, dass beide Einstiege Mist sind. Und uns darüber freuen, dass es danach sehr schnell & sehr nachhaltig besser wird.

Nach uns steigt später auf jeden Fall noch eine 3er-Seilschaft über den linken Einstieg ein und scheint das auch überlebt zu haben. Näher befragen konnten wir sie dazu aber nicht – unsere Wege haben sich an diesem Tag nicht mehr gekreuzt.

Der zunächst plattige Aufschwung auf den Vorbau. Spätestens ab der grasigen Verschneidung links der Bildmitte wird es aber auch hier rustikal, splittrig und kaum absicherbar.

Etwas demoralisiert steige ich weiter. Wer den rechten Einstieg wählt, ist wahrscheinlich mit einem Zwischenstand gut beraten. Die Seilführung ist sonst nicht ideal und ich benötige beinahe die vollen 60 Meter um mit bösem Seilzug den Standplatz unter der Schlüsselstelle zu erreichen. Schade ist das insofern, als dass der Fels hier endlich bombenfest ist. Für eine IV+ geht die steile Kletterei an Zangen und Platten aber auch gar nicht mal so flüssig von der inzwischen halb gefrorenen Hand.

Mal sehen was dieser Tag noch bringt…

Hannah erreicht den Standplatz und ist auch gar nicht mehr so begeistert von unserem jungen Klettertag. Der Fels ist wie so oft an jungen Klettertagen im Frühsommer bescheuert kalt und meinen Wackel-Vorstieg hat Hannah am Wandfuß in viel zu dünner Jacke abgewartet. Wofür hingegen niemand außer Hannah etwas kann, ist die Idee mit der kurzen Hose. Aber es ist ja Sommer. Genau in diesem Moment kriecht die Sonne um’s Eck und wirft die ersten fahlen Strahlen durch eine dünne Wolkendecke zu uns runter. Irgendwie beginnt jede gute Kletterei mit einem solchen Kaltstart. Und auch diesmal sind wir drauf und dran es vielleicht einfach sein zu lassen.

2. Seillänge (VII)

Dass sich Hannah zu einem Versuch an der Schlüsselstelle durchringen kann liegt wahrscheinlich nur an der Möglichkeit sich von den modernen Klebehaken relativ elegant zurückziehen zu können. Was folgt ist nicht weniger als der Wendepunkt unserer Begehung.

Vom Standplatz weg muss erstmal mit einem kleinen Schwenk nach links die etwas schaurige Schuppe angeklettert werden. Dass aus dieser ein frisches Eck ausgebrochen ist stiftet auch erstmal gar nicht so viel Vertrauen in die Beständigkeit der Landschaft. Gut, dass der Haken über der Schuppe im soliden Fels klebt. Schlecht, dass er einige Meter vom Standplatz entfernt ist. Hannah hangelt sich weiter ans Eck an dem mein Horizont endet und die Schlüsselstelle wartet. Nach einer kurzen Rast am Haken, geht sie diese an.

Von den bisherigen Umständen her rechne ich fest damit, dass ich gleich ein Zu höre und wir uns die Passage genauer anschauen müssen. Stattdessen legt Hannah irgendeinen Schalter um, klettert einfach weiter, tritt weit rechts raus und verschwindet hinter dem Eck. Steile Vorlage. Und während der schwere Fels meine Seilpartnerin kaum ausbremsen konnte tut es wenig später die Wegfindung. Eigentlich warnen alle gängigen Skizzen vor der verlockenden Verschneidung leicht rechts oben – Hannah probiert sie trotzdem aus, klettert wieder ab und korrigiert dann leicht links über den luftigen, cleanen Risspfeiler zum Standplatz an der Monsterschuppe.

Ich tu mir im Nachstieg deutlich schwerer und brauche eine Pause auf Höhe der Schlüsselstelle. Mir fehlen Tritte und Griffkraft um an einer Hand hängend den Friend zu entfernen, den Hannah hier im Vorstieg platziert hat. Generell – das luftige Eck kommt wirklich unangenehm abdrängend daher und ist auch schon spürbar poliert.

Auch wenn wir damit wahrscheinlich eine marginal leichtere Variante geklettert sind: nicht nur die sanierten Haken locken nach rechts aus dem Riss hinaus, auch kleine Seitenleisten und ein weit entfernter Tritt lassen sich hier nutzen um einen kurz technisch-kleingriffigen Move an eine filigrane Rissspur zu vollziehen. Keine Ahnung wie Hannah das im Vorstieg so schnell gelöst hat – ich klemme unter Aufwand maximaler Spannweite und unter maximaler Nähe zum Abschmieren in der Passage und wuchte mich eher mit Glück in den rettenden Riss.

Darüber wird es wieder leicht – bleibt aber beeindruckend steil. Nach einigen Metern gilt es links auf einen sehr steilen, zersplitterten Pfeiler zu klettern. Hier weisen – anders als zuvor – keinerlei Haken den Weg zum Standplatz. Mit etwas Vertrauen in Topo oder zweifelhafte Internet-Blogs lässt sich die Passage aber nicht nur gut mit Friends absichern sondern im bunten und henkligen Fels auch sehr beeindruckend klettern. Der Ausstieg wird sich irgendwo im unteren 6. Grad abspielen und mündet fast unweigerlich neben dem Prunkstück der Direkten Südwand: der fotogenen Riesenschuppe in der 3. Seillänge.

3. Seillänge (VI-)
Quergang über die griffige Monsterschuppe

Der Vorstieg fällt mir zu und so geht es ran an die griffige und schaurig freistehende Felskonstruktion. Möge sie noch eine ganze Weile in der Wand kleben. Am großen Zahn der Schuppe lässt sich eine Köpflschlinge legen – die Kletterei ist ausgesetzt aber relativ einfach sofern man stets tief und entspannt an dem gewaltigen Henkel bleibt. Richtig spannend wird es eigentlich erst nach einigen Metern, wenn es darum geht die Schuppe wieder zu verlassen. Zum Glück entschärft ein Haken das Eck – es fällt aber trotzdem schwer den gewaltigen Henkel zurückzulassen und sich auf die plattige und kleingriffige Sequenz hinüber unter die fast überhängend anmutende Verschneidung einzulassen.

Die ersten Meter in der besagten Verschneidung sind wahrscheinlich die unangenehmsten – vor allem wenn noch ein wenig Restfeuchte in dem schattigen Riss lauert. Der Aufschwung auf den ersten Absatz kommt wirklich ziemlich abdrängend und nicht allzu übersichtlich daher. Hat man dagegen den Haken neben dem finsteren Loch erreicht, so jagt ein Überraschungshenkel den nächsten und die begeisternd steile und kräftige Kletterei endet viel zu früh in dem exponierten Quergang nach links.

Hier bestünde auch die Möglichkeit einige Friends zu versenken – die Haken sind aber zumindest für mein Empfinden so „freundlich“ platziert, dass sich mit etwas Puffer in Sachen Schwierigkeit die Bastelei im Herzen der Verschneidung gar nicht lohnt. Für einen Hauch von Grusel wurden ohnehin ein paar miese Schlaghaken in der Verschneidung belassen, die bei Bedarf noch geklippt werden können.

Hannah auf der Schuppe – Blick vom Standplatz am Ende der Verschneidung

Der Quergang führt dann wirklich beinahe horizontal und fantastisch luftig einige Meter nach links – ich musste mich an der Stelle kurz orientieren weil ich noch zu sehr im Aufwärtssteigen gefangen war. Eigentlich weisen hier aber Klebehaken und tolle, farbenfrohe Henkel den Weg zum Standplatz, der in wieder leichterer Kletterei erreicht wird. Auch mein blinder Passagier – ein Schmetterling, der seit der Schuppe auf mir sitzt – erreicht den 3. Standplatz.

4. Seillänge (VI-)

Inzwischen sind wir mehr als dankbar hier heute eingestiegen zu sein. Die Kletterei ist atemberaubend schön, der brüchig anmutende Fels hat bisher ein Feuerwerk an tollen Griffen und richtig feinen Kletterpassagen abgefackelt und uns dämmert langsam, dass Christoph Klein (†) in seiner Neuauflage von Pause’s Klassiker gar nicht so unrecht hatte:

Fast freundlich

Christoph Klein, Im extremen Fels

Auch die nächste Seillänge verspricht eine Fortführung vom bereits lieb gewonnenen Stil der sonnigen Südwand. Für Hannah geht es eine markante, rot-grau getigerte Rissverschneidung empor. Diese beginnt ganz offensichtlich mit einem strengen Aufschwung am ersten Haken und führt dann in schöner Kraxelei an weitläufigeres Gelände heran.

Hier ist es vor allem die Suche nach dem Standplatz, die uns wieder für einige Minuten beschäftigt. Am Ende der Verschneidung würde eigentlich eine kurze aber glatte Plattenstelle im unteren 6. Grad warten. Hannah fühlt sich von dem Reichweitenproblem nicht angesprochen und komponiert stattdessen eine tiefe Querung nach links, welche die Passage zwar umgeht aber dabei mindestens den noch nicht erfundenen 14. Grad erfordert. Für mich reicht im Nachstieg ein etwas beherzterer Zug um die Henkel über der Platte zu erwischen, sodass ich mich mit der Variante überhaupt nicht auseinandersetzen muss.

Nach der Doppelriss-Verschneidung – die wie gesagt sehr offensichtlich ist – gilt es leicht ansteigend deutlich nach links zu traversieren. Die Absicherung wird hier dünner (den einen Haken, den es hier geben sollte finden wir nicht) und der Standplatz versteckt sich linkerhand auf einem kleinen, grauen Pfeiler der über eine kurze, henklige Rampe erreicht wird. Für einen kurzen Moment haben die Klemmgeräte am Gurt doch wieder eine Daseinsberechtigung.

5. Seillänge (IV+)

Kann ja nicht Alles eine 10/10 sein

Najaaa…

Also sonst würde es ja auch langsam fad werden…

In der 5. Seillänge zeigt die Wand dann doch noch eine etwas rustikalere Seite. Das graue, löchrige Wändchen lässt sich mit leichtem Hang zur rechten Seite ganz gemütlich klettern – ein Haken sichert die Kletterei in gewohnter Manier ab. Danach steht der Vorsteiger – in diesem Fall ich – aber erstmal auf einem Geröllband und sucht einen Weiterweg, der nicht völlig bescheuert aussieht.

Steil geht es hier nicht weiter – aber zumindest der Beginn des hier ansetzenden Aufschwungs ist wirklich genau so brüchig wie er aussieht.

Den Versuch hier mobil zu sichern verwerfe ich rasch – die Landschaft ist mobil genug.

Schiebend und zaghaft belastend stemme ich mich links in eine Verschneidung, in der der Fels nach einigen Metern wieder ein bisschen besser wird. Ein „bisschen besser“ sei hier aber keinesfalls mit „gut“ zu verwechseln. Die Seillänge ist wirklich einigermaßen brüchig und einige große Blöcke warten schon darauf am Wandfuß einzuschlagen. Zum Glück ist die Wand unter dem Band so steil, dass darunter kletternde Seilschaften davon im Idealfall nur ein bedrohliches Zischen mitbekommen.

Mit 50 Metern ist die Seillänge ziemlich lang und die zwei Haken in der langen Verschneidung haben eher wegweisenden Charakter. Es ist aber ohnehin der knallrote Überhang anzupeilen. Über eine rote, brüchige Nische erreiche ich einen plattigen Absatz unter dem roten Dach, welches die letzte richtig markante Einzelstelle im oberen 5. Grad darstellt.

6. Seillänge (V+)

Da hoch??

Hannah, Im roten Bruch

Im klassischen Sinne einladend ist die dachartige Verschneidung wirklich nicht. Insbesondere der Weg dahin wirft Fragen auf. Der erste Haken scheint erst oben vor der schweren Kletterei zu stecken – darunter wollen aber gute 10 Meter an einem steilen und unglaublich brüchig anmutenden, roten Vorbau geklettert werden.

Für die ersten zwei Züge trifft das auch wirklich zu. Die sind wirklich relativ heikel und erfordern das Belasten von Strukturen, die definitiv keinen TÜV mehr kriegen würden. Steht man erstmal ein paar Meter in dem Wändchen, so reihen sich dann doch ein paar vertrauenswürdigere Griffe und Tritte aneinander und dem markanten Riss rechterhand traut Hannah sogar einen Friend zu. An der steilen, verwinkelten Verschneidung wird es dann wieder genüsslich und – wie wir es heute schon öfters gehört haben – fast freundlich.

Die Passage ist zumindest in unseren naiven Augen nochmal ein richtiges Highlight! Berauschend steil, interessant zu klettern aber keinesfalls zu schwierig. Mit etwas Blick für den gesamten Raum lässt sich die fast überhängende und brutal ausgesetzte Passage fast schon albern leichtfüßig und kraftsparend lösen. Bei einem Blick zu meinen Schuhen muss ich aber anerkennen, dass ich niemals gedacht hätte mal solch steile Wände mit so einer Freude zu durchsteigen. Die Spitzenstätter/Baldauf sucht sich wirklich einen sehr gangbaren aber auch reichlich grotesken Weg durch die Gipfelfalllinie.

Über der Verschneidung lässt sich übrigens ganz gut ein kleines Stückchen rechts in eine raue und strukturierte Platte ausweichen. Das erspart einem zumindest den Kontakt mit einigen semi-soliden Klemmblöcken. Der Weiterweg zum Standplatz ist dann nur noch einfaches, gestuftes Gelände bei feinster Aussicht.

7. Seillänge (V-)

RAAAAH

Nach kurzen Unklarheiten über den genauen Weiterweg (im Panico und im Topoguide für meinen Geschmack etwas schwammig „geradeaus“ skizziert) setze ich mich für den deutlichen Schwenk nach links über eine absurd glatte Hangelschuppe ein. Kann ich auch so machen – ich bin nämlich im Vorstieg.

Die Schuppe – gar nicht so trivial wie man es sich wünscht – endet in einem Kamin, welcher zu Beginn mit einem Klebehaken entschärft wird. Der Kamin – auch nicht so trivial wie man es sich wünscht – verdient für meinen Geschmack nochmal ein wenig mehr Beachtung als ein karges IV. Zumindest muss ich mich ganz ordentlich abmühen bis ich mich über einen großen Klemmblock gerobbt habe. Also wirklich gerobbt.

Meine (kaum wiederholenswerte) Beta bestand nämlich darin mich schimpfend immer weiter auf den Klemmblock zu schieben, bis ich an dessen Rückseite vorbei wieder auf meine Füße blicken konnte und tatsächlich sowas wie einen Tritt gefunden habe. An dem Punkt war mein Schwerpunkt aber eh schon so weit über dem Block, dass ich im Falle eines „Sturzes“ wahrscheinlich einfach kopfüber hinter dem Klemmblock stecken geblieben wäre. Wenn schon höchste Not, dann richtig.

Nicht zu verachten. Auch in der letzten Seillänge muss geklettert werden.

Kaum habe ich jegliche Ästhetik hinter mir gelassen wird das Gelände weitläufiger und einfacher und klettert sich endlich wirklich wie ein ganz gewöhnlicher Ausstiegs-4er. Ich bleibe in der breiter werdenden Rinne und orientiere mich oben raus leicht rechts in eine griffige und solide Platte. An einem Felsenfenster mit Blick ins Oberreintal sind nur noch ein paar letzte Meter auf die großen Blöcke des Grates zu überwinden und schon stehe ich am höchsten Punkt der Scharnitzspitze und am Ende unserer zweiten Pausetour. Den Standplatz richtige ich mit einer langen Schlinge am großen Gipfelblock ein und hole Hannah nach.

Hannah hat die Stelle im Kamin übrigens markant schöner über das linke, mit Leisten bespickte Wändchen gelöst. Das ist bestimmt ein wenig angenehmer als der Kamin – sorgfältig klettern muss man aber auch in dieser Variante. Die Seillänge braucht sich vor der vorherigen auf jeden Fall nicht verstecken.

Gipfel

Aus dem Oberreintal tönt der Oberreintalgruß zu uns rauf – eine Seilschaft hat gerade den Gipfel des Unteren Schüsselkarturms erreicht. Wir genießen die Aussicht, machen eine kleine Rast und haben den höchsten Punkt des dreigipfligen Berges ebenfalls für uns alleine. Nachdem die Tour selbst ein absolutes Geschenk war, hoffen wir dass der Abstieg keine dramatisch anderen Pläne mit uns hat. Ein kleines Fragezeichen war nämlich noch die Schneelage in den nordseitigen Abkletterpassagen. Mit Blick zur Zugspitze gibt es nämlich noch ein wenig Schnee im Wettersteingebirge. Mit Blick auf den Nahbereich sollte das Stück in die Wangscharte aber schon ganz gut passen.

Am Gipfel der Scharnitzspitze – im Hintergrund Deutschland’s Nummer 1.

Abstieg (II-III)

Wie auch an der benachbarten Schüsselkarspitze ist auch der Abstieg von der Scharnitzspitze ein kleines Abenteuer für sich. Dieses bleibt hier zwar in einem überschaubaren Rahmen – ein wenig Reserven sollten aber einkalkuliert werden. Vom Gipfel klettern wir in nordöstlicher Richtung in die Scharte zwischen Hauptgipfel und Mittelgipfel ab. Das schaut von oben erstmal imposant steil und ausgesetzt aus – löst sich aber im einigermaßen festen Fels ganz gut auf.

Hannah in der steilen Rinne unter dem Hauptgipfel

Die eigentliche „Crux“ des Abstieges ist nach meinem Empfinden die etwas splittrige und ausgesetzte Querung auf der Nordseite (im Abstiegssinne links) des Mittelgipfels. Der Fels ist hier auf einigen Metern relativ würfelig und unübersichtlich. Wir peilen einen kleinen Absatz am Eck an und gucken dort angekommen in eine ziemlich steile Rinne, die uns zum Abklettern zu kühn erscheint.

Stattdessen finden wir aber eine schöne Variante neben der Rinne – kurz weiter um den Turm herum halten und dort auch schon viel weniger exponiert in das kleine Schotterbecken abklettern.

Am tiefsten Punkt des winzigen Beckens ist eine Abseilstelle eingerichtet, welche eine in Richtung Wangscharte abfallende Rinne überspannt. Da wir Steilheit und Schneelage nicht wirklich einsehen können zücken wir nochmal eines unserer Halbseile, machen kurzen Prozess und gelangen mit den vollen 30 Metern ins Gehgelände unter der ausgewaschenen Rinne. Schon wenige Meter in der Abseilerei stelle ich fest, dass das wahrscheinlich auch seilfrei gut gegangen wäre.

Beim nächsten Mal – mit der nun erlangten Ortskenntnis – würde ich das wahrscheinlich so machen. Wird schon mal im III. Grad sein – der Fels sieht an den entscheidenden Stellen aber solide aus und im Vergleich zu den vorherigen Passagen ist das hier nicht mehr wirklich ausgesetzt. Die Rinne windet sich – brüchig aber einfach – noch ein paar Meter hinab und führt dann an das kleine, wenig steile Schotterfeld an der Wangscharte heran. Das hier tatsächlich noch überdauernde Schneefeld ist genau so klein wie es sein muss, um es total entspannt zu umgehen – früher im Jahr kann es hier aber bestimmt auch nochmal etwas trickreicher werden.

À propos Ortskenntnis: Das ist ja ein ganz blumiges Wort und da stellt man sich jetzt pfiffige Wegwahl in bekanntem Gelände vor. An der Wangscharte waren wir auf jeden Fall vor zwei Jahren schon einmal – die zugehörige Ortskenntnis ist aber irgendwo im Sumpf der letzten zwei Jahre verschollen. So marschieren wir ganz selbstbewusst auf die falsche Einbuchtung in der Wangscharte zu, steigen ab, freuen uns über die „neuen Trittstifte“ die hier installiert wurden und stellen erst in einer überhängenden Stahlsprossenleiter fest, dass wir letztes Mal definitiv nicht hier waren. Gar so neu sind die Trittstife entsprechend auch gar nicht.

Stattdessen gibt’s hier nochmal einen kleinen Ausflug in die Vergangenheit – die Stahltritte sind wohl Reste der Tiroler Ferrata am Schüsselkar-Westgrat, welche 1988 von der Leutascher Bergrettung angebracht wurde, um ihre Einsätze in den Kletterwänden zu erleichtern. Dass diese Steiganlage 1990 in einer Nacht- und Nebelaktion wieder abmontiert wurde geht wohl auf Kappe bayerischer Alpinisten aus dem Werdenfelser Land. Das zugehörige Foto tauchte erst 34 Jahre später auf. Hoffentlich ist inzwischen Gras über den Streit gewachsen. Bei den Sprossen dauert’s hingegen noch eine Weile bis sie vom hier oben kaum vorhandenen Gras geschluckt werden.

Wir nutzen den passagenweise überhängenden Abstieg bis auf einen Absatz, an den wir uns dann doch noch erinnern. Mit einer kurzen, einfachen Querung nach links gelangen wir in die übliche Abseilpiste und werfen nochmal für die letzten 20 Meter eines der Seile über die kompakten Platten unter der Wangscharte. Wenige Momente später stehen wir schon am Wandfuß und haben einen tollen Blick hinüber in die heute durchstiegene Wand.

Wir stapfen den schönen Wiesengrat hinunter, werfen aus Gründen noch einen Blick in die Hänge hinter der Erinnerungshütte und finden früher oder später unseren Weg ins Tal und zur Eisdiele. So extrem war dieser Klettertag für uns gar nicht. Allerhöchstens extrem schön: denn spätestens ab der Schlüssellänge sind wir aus Flow und Freude gar nicht mehr herausgekommen. Und so sind wir ziemlich begeistert, dass wir bereits so früh im Klettersommer so solide und flott durch eine Wand gekommen sind, vor der wir schon einen gewissen Respekt hatten und aus der wir zuvor auch schon andere Geschichten gehört hatte.

Fest steht – der zweite Pausepunkt war der genüsslichere. Für eine Fiameskante, „nur“ im 5. Grad, haben wir zu der Zeit viel mehr kämpfen müssen – die Tour ist mir wesentlich ernster in Erinnerung geblieben. Und natürlich stochern wir hier nur in den wirklich gemäßigten Pause-Abenteuern herum. Aber irgendwie auch schön zu sehen, dass auf der legendären Liste nicht nur ganz wilde Felsfahrten und überlange Tage gibt.

Extrem bunt, extrem farbenfroh, extrem schön…oder eben fast freundlich.


Schwierigkeit, Versicherung und Material

Eine sanft sanierte Führe von beeindruckender und interessanter Linienführung in einer farbenfrohen und steilen Wand. Die Klebehaken sind gut platziert – dazwischen muss aber auch mal obligatorisch geklettert werden. Einige weitere Runouts im leichten Gelände (bis ca. V) sind auch ausreichend alpin, erfordern einen kühlen Kopf und sind nicht immer perfekt absicherbar.

Die Hauptschwierigkeiten konzentrieren sich auf die 2. und die 3. Seillänge, welche in sich auch einigermaßen anhaltend anspruchsvoll sind. Speziell die Schlüsselstelle ist erst kräftig-abdrängend und etwas schmierig, danach diffizil kleingriffig und technisch und zuletzt hakenfrei vertikal. Die Verschneidung in der 3. Seillänge ist ausdauernd steil – löst sich aber fein auf und ist speziell oben raus wirklich schön henklig. Danach überwiegen Einzelstellen, die definitiv keine Ausdauer-Aufgaben mehr sind aber abwechslungsreiche und trickreiche Einzelmomente abwerfen. Der Fels ist über lange Strecken überraschend gut und teils herrlich griffig – nur die 5. Seillänge ist fast durchgehend unangenehm splittrig. Der Vorbau ist wahrscheinlich von beiden Seiten her unangenehm.

Trotz der Kürze der Tour und der blinkenden Klebehaken sollten genügen Reserven eingeplant werden: eine sanierte und eben nur fast freundliche Pausetour sollte nicht über das durchweg ernste Ambiente hinwegtäuschen. Die Wand ist deutlich verwittert und dass ein Felssturz vor zwei Jahren durch die unmittelbar benachbarte Hannemann abgegangen ist, zeigt dass hier wahrscheinlich noch Potential schlummert. Auch der frische Ausbruch aus der ersten großen Schuppe und das morsche Gelände im Bereich der 5. Seillänge wären für mich Grund genug nicht einzusteigen, wenn bereits eine andere Seilschaft in der Wand ist. Bei Wetterumschwüngen ist die Scharnitzspitze wahrscheinlich kein allzu schöner Ort.

Wir waren mit ~ 10 Expresschlingen, einigen Schlingen und einem kleinen Satz Totem-Friends unterwegs. Die waren schon nett – kamen aber effektiv viel weniger zum Einsatz als ich vermutet hätte. An 2-3 (meist eher einfachen) Stellen lassen sie sich aber ganz gut anbringen, andere Passagen mit Hakenabständen jenseits der 10-15 Meter lassen sich aber auch kaum sinnvoll absichern.

Zusammenfassung

Ein erstaunlich gütiger Tag im „extremen Fels“ der Südwände des Wettersteingebirges. Und für mich persönlich beinahe ein „Ankommen“ im etwas steileren Fels, der sich durchaus durch den Bergsommer 2026 ziehen wird. Denn sowohl in Sachen Klettervermögen als auch in der psychischen Substanz hat sich über den Winter im Vergleich zu den Vorjahren einigermaßen viel getan. Das dann auch noch mit solch einem feinen Klettertag attestiert zu kriegen ist ein Geschenk.

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