Literatur: Alpinverlag Klettern im leichten Fels*
Renaissance des Kniegelenks!
Mit dem Bericht vom Grünstein Südwestgrat habe ich angefangen mit einem Gejammer, welches sich danach durch einige Beiträge gezogen hat. Zwei Monate hat mich mein Knie ziemlich beschäftigt und mich zu Gondelunternehmungen wie der Höllentorkopf Nordkante gezwungen. Ein paar hartnäckige Wochen ging auch mal so ziemlich gar nichts. Das ist zwar verglichen mit den möglichen Schicksalen dieser Welt eine Lappalie – ein wenig beängstigend ist es aber doch, wenn die Mobilität auf der ein Großteil des eigenen Tuns balanciert, kurzweilig in Frage gestellt wird.

Mit besagtem Gejammer soll heute aber auf jeden Fall Schluss sein – diese Tour war es, die mir wieder Hoffnung geschenkt hat, dass mit angepasstem Tempo und Kniebandage eben doch Einiges möglich ist und immer mehr möglich wird. Eine Perspektive, die mir bis zu diesem Zeitpunkt gefehlt hatte.
Meine Zweifel hatte ich schon, als ich Tami den Hatscher zur Vorderen Sommerwand vorschlage. Aber ich habe die Hoffnung, dass ich den langgezogenen und damit wenig steilen Anstieg besser Vertrage, als die vergleichsweise vertikalen Wanderungen in der Heimat. Gefragt war außerdem eine freundliche Kletterei im größeren Dunstkreis um Innsbruck – welche idealerweise auch ein wenig Restnässe verträgt. Denn neben meinem Knie präsentiert sich auch das Wetter im Bergsommer 2025 als durchwegs launisch.
Bei solchen Bedingungen bin ich wesentlich lieber im Blockwerk und Gneis unterwegs und so fällt mir der hübsche Grat wieder ein, der im Winter hinter der Franz-Senn-Hütte aufragte. Maximal dritter Grad, Absicherung mit Bohrhaken, vergleichsweise unkomplizierter Abstieg. Dann sollen Schnee, Wind und Regen halt kommen.
Zustieg
Damit die Tour nicht allzu schmackhaft klingt: der Zustieg ist laaang. Zumindest aktuell. Denn den ursprünglichen Ausgangspunkt, die schon auf 1750 Höhenmeter liegende Oberissalm, erreicht man inzwischen nicht mehr mit dem Auto. Das Oberbergtal ist aktuell für den öffentlichen Verkehr gesperrt und hat in den vergangenen Jahren durch einen Bergsturz und Unwetterschäden reichlich auf den Deckel bekommen. Zu- und Abstieg verlängern sich damit um 4,5 Kilometer und 300 Höhenmeter, der neue Ausgangspunkt ist Seduck. Insgesamt sind es über 10 Kilometer bis zum Einstieg der Kletterei: eine Tagestour für Leidensfähige (oder E-Bike-Besitzer). Gemütlicher ist es natürlich mit einem Aufenthalt in der Franz-Senn-Hütte.
Wolkenbasis auf Augenhöhe
Hat schon was!
Im Zwielicht oberhalb der Franz-Senn-Hütte
Es soll wahrscheinlich trocken bleiben. Sofern es denn überhaupt schon trocken ist. Denn als wir in Seduck loslaufen hängen dampfende Nebelmassen wenige Höhenmeter über dem Talboden. Nach einer eintönigen Weile passieren wir die Oberissalm und biegen auf das steilere Steiglein ab, welches in Serpentinen zur Alpein Alm hinaufziehen. Ich war hier bisher nur im Winter mit Skiern. Aber der Steig entspricht meiner Erwartung und bleibt in einer für meine aktuellen Problemchen sehr knieschonenden Steilheit und Beschaffenheit. Als das Gelände abflacht und wir den heute mystisch rauschenden Alpeiner Bach passieren, bin ich bester Dinge, dass das keine ganz miese Idee ist heute. Auch wenn die äußeren Umstände das aktuell noch nicht zu bestätigen scheinen.
Die Hütte lassen wir rechts liegen und biegen hinter der Hütte auf den Steig zur Sommerwand ab. Die Sommerwand ist ein dreigipfliger, langgezogener Kamm, der an der Inneren Sommerwand sogar die 3000-Meter-Grenze knackt. Unser Ziel soll aber die Vordere Sommerwand sein – ein gutes Stückchen niedriger.
Eingepackt in den Nebel und das monotone Gelände dauert es eine ganze Weile, bis sich plötzlich der dunkle Grat aus dem Dunst herausschält. Zum Glück tut er das! Sonst wäre es gar nicht so einfach gewesen den richtigen Abzweig ins das Meer aus Blöcken zu finden. Eine kurze Querung später stehen wir im nassen Gras auf einem kleinen Absatz am Fuß des Grates. Just in diesem Moment reißt der Nebel kurz ein und offenbart die dunklen und mystischen Gipfel der umliegenden Berge – ein ziemlicher Motivationskick im tristen Grau. Keine weiteren Fragen. Jetzt wird geklettert.
Spuren der Zivilisation
Für einen kurzen Moment ist der Beginn des Grates zu erkennen
1. – 4. Seillänge (III, laufendes Seil)
Plan war von Vorhinein den Grat in flott-flowiger Simultankletterei zu begehen. Die gute Absicherung und die kurzen Seillängen erlauben dies – wir laufen später sogar auf einen Hochtourenkurs mit Bergführer auf, der genau das übt. Dabei ist das doch nach bergundsteigen eine Seiltechnik aus der Grauzone.
Schaut man sich um, so stellt man fest, dass heute aber ohnehin die gesamte Region eine Grauzone ist, da kommt es auf das bisschen Seiltechnik halt auch nicht mehr an. Ich gehe den ersten Aufschwung an, welcher auf den ersten Metern doch ein wenig feuchter, plattiger und erdiger daherkommt. Ehrlicherweise – hatte ich mir rauer ausgemalt. Die für den niedrigen Schwierigkeitsgrat engen Haken sparen mir hier auf den ersten Metern doch ein paar Nerven.

Generell sind die wahren Schlüsselstellen heute die triefend nassen Graspolster, welche nach oben hin immer weniger werden und nach wenigen Seillängen gänzlich verschwinden. Wir kommen schnell voran, die Kletterei ist abseits der kurz etwas technischeren Einstiegsplatte homogen leicht und herrlich griffig. Der Fels ist recht fest – sofern man nicht an den allerdünnsten Schuppen zerrt. Und auch wenn die Wolke uns inzwischen wieder geschluckt hat: der Tiefblick macht was her. Der schmale, steile Zackengrat ist wirklich interessant und abwechslungsreich – die schöne Aussicht müssen wir uns heute dazudenken.
Kurze Fenster mit Bergblick
Mit Bodensicht wäre es wahrscheinlich auch hier schon recht steil und luftig
Error 404 Tiefblick not found
5. – 7. Seillänge (II-III, laufendes Seil)
Wir wechseln die Führung und Tami steigt auf dem kühn gezackten Urgestein-Grat dem fahlen aber ständig wechselnden Lichtspiel einer verdeckten Sonne entgegen.
Chamonix!

Gut – ich bin noch an dem Punkt, wo ungefähr alles, was ein wenig gezackter aussieht Chamonix ist. Ich habe sogar schon Chamonix im Kalk gefunden. Chamonix ist ja irgendwie auch mehr ein Gefühl als ein tatsächlicher Ort.
Der Fels ist sehr absicherungsfreudig und schluckt fast jede Form und Farbe an Klemmgeräten
Fast könnte man meinen es wäre Sommer
Die scharfe aber einfache Passage im Bereich des Notabstiegs
Rückblick
Was hier mit Abnahme der Steigung auf jeden Fall zunimmt ist der Tiefblick. Die Wolken sind einen Hauch dünner geworden und geben die rund 300 Meter Wandhöhe zum Höllenrachen, der tatsächlich so heißt, frei. Gemütlicher ist die linke Seite, denn hier verdeckt der Nebel weiterhin die Sicht. Bei weiterhin brauchbarer Absicherung und einfacher Kletterei überwiegt aber ohnehin der Genuss. Die Gras- und Erdpassagen des ersten Aufschwungs sind verschwunden, es überwiegt wirklich schöner, fester und rauer Fels.

Die Hakenabstände werden mit abnehmender Kletterschwierigkeit größer – vor dem Notabstieg sind auch mal 30 horizontale Meter am Grat ohne Zwischensicherung zu steigen. Das Urgestein bietet dafür aber jede erdenkliche Lösung an und verhält sich überaus freundlich. Hier funktioniert wirklich alles. Bilderbuch-Köpfl. „Sanduhren“ zwischen massiven, gestapelten Blöcken. Friends und Klemmkeile. Eine perfekte Übungstour für schnelles Seilhandling auf einfachen aber exponierten Graten – so wie man sie auf vielen klassischen Hochtouren antrifft.
Wir sind weiterhin flott unterwegs – Tami hat weitere 3 Seillängen zusammengehängt und vor einem markanten nach links geneigten Aufschwung Halt gemacht, weil ihr das Material ausgegangen ist. Wir wechseln wieder die Führung und ich schaue mir den nächsten Block an. Bisher stand unserer Flow-Begehung nichts im Wege – ein paar Stimmen aus dem Nebel vor und über uns lassen aber vermuten, dass wir gleich auf eine Seilschaft auflaufen werden.
Delikate Türmchen sind teils direkt zu überklettern
Kurzweilig klare Sicht auf den weiteren Gratverlauf
Bizarre Konstruktionen trotzen der Schwerkraft
Blick nach Osten auf das Becken des längst vergangenen Knotenspitzferners
8. und 9. Seillänge (III, laufendes Seil)
Der Aufschwung bietet nochmal interessante und ausgesetzte Kletterei. Links der Kante führt eine ansteigende aber recht delikate Serie aus Griffen und Tritten in leichteres Gelände. Fairerweise – der dritte Grat sitzt langsam schon. Aber hier jauchze ich nochmal kurz über zwei oder drei wirklich spaßige Züge an tollen Gneis-Henkeln mit reichlich Luft unter den Sohlen. So viel Genuss hatte ich im nasskalten Dunst wirklich nicht erwartet. Der Grat lehnt sich nach dem steilen Aufschwung rasch wieder zurück und besteht nun fast nur noch aus groben, grotesk gestapelten Blöcken. Wird schon halten. Mit einigen mobilen Sicherungen geht es durch Kraxelgelände weiter bis vor mir an einem Standplatz auf einem Grasabsatz tatsächlich eine Person aus dem Grau erscheint. Ich beziehe meinen Standplatz ein paar Meter tiefer und hole Tami nach.
10. Seillänge (III-, laufendes Seil)
Die Truppe vor uns entpuppt sich als ganzer Hochtouren- und Alpinkletterkurs, der die letzten Tage bei Dauerregen auf der Franz-Senn-Hütte blockiert war. Der Nordgrat auf die Sommerwand sei wohl ihr letzter und einziger Ausflug vor die Türe.
Sommer 2025: Muss man mögen
Der Grat wird felsiger und schroffer
Sieht steiler aus, als es ist: Tolle Kletterei im recht festen und griffigen Blockgelände
Wir reihen uns zunächst geduldig in das rege Treiben ein – merken aber schnell, dass das „im Nacken sitzen“ eher stressig ist und die Kursteilnehmer noch eine ganze Weile brauchen werden um dem nun immer unübersichtlicheren und dünner abgesicherten Grat gerecht zu werden. An einer geeigneten Stelle setzen wir mit Zustimmung des Bergführers zum Überholmanöver an. Der Grat wird ohnehin weitläufiger – es gibt inzwischen deutlich mehr als nur einen gangbaren Weg. Ein kleiner Aufschwung zeigt nochmal Zähne und präsentiert eine enge, etwas verkorkste Verschneidung auf der Westseite, die ein wenig eigenartig zu Klettern ist. Dann wird der Grat so weitläufig, dass wir uns dafür entscheiden den Weiterweg ohne Seil anzugehen. Die Schwierigkeiten liegen hinter uns – das Blockgelände ist toll strukturiert und in seiner Klasse reichlich solide.
Ausstieg zum Gipfel
Nochmal purer Flow und wiedergewonnene Einsamkeit tragen uns durch den Blockgrat. Ein kurzer Aufschwung fordert vielleicht nochmal ein paar Züge im unteren 2. Schwierigkeitsgrad – man hat aber stets die Wahl zwischen diversen Varianten – und schon versperrt ein gewaltiger Steinmann die Sicht auf den Nebel der seinerseits die Sicht auf das Gipfelkreuz versperrt.
Einfaches Gelände führt…
…zum großen Steinmann am Ende der Kletterei
Der kleine Vorgipfel ist rasch überschritten. Hier zweigt nach links der Normal- und Abstiegsweg ab, in den ich einen kurzen, prüfenden Blick werfe. Vor ihm hatte ich den meisten Respekt – nach einigen epischen Erfahrungen mit senkrechten, nassen T6-Wegen in den Stubaier Alpen. Die Express-Diagnose zeigt aber: trockener als gedacht, kürzer als gedacht, flacher als gedacht. Fein. Dann steht einem sorglosen Gipfelbesuch nichts mehr im Wege.
Ein paar luftige Abschnitte an windigen Drahtseilen führen uns in wenigen Minuten auf den kleinen Gipfel der Vorderen Sommerwand. Ein kurzes Wolkenloch offenbart ein paar der gegenüberliegenden Gipfel – dann ist es wieder düster und windig.

Für so ein Wetter waren wir heute wirklich in der perfekten Tour. An einem Sommertag – am besten am Wochenende – hätte ich den beliebten Grat wahrscheinlich nicht genießen können. Aber so – in schottisch-mystischen Ambiente und mit nur einem Kurs auf dem Weg – ist das eine richtig runde Sache.
Auf der Vorderen Sommerwand
Am Normalweg – ein luftiger Gratabschnitt mit einigen Stahlseilen und Trittbügeln
Sieht steiler aus als es ist – der Abstieg hinab ins Becken löst sich sehr gangbar auf
Abstieg zwischen imposanten Gletscherschliffplatten
Mein persönliches Highlight ist aber, dass ich weder die steilen Serpentinen noch den langen Hatscher zurück nach Seduck im Knie spüre. Das ist neu. Das ist anders. Die Spontanheilung kommt im Angesicht des anrollenden Urlaubs gerade rechtzeitig. Und in mir wächst ein Funken Hoffnung, dass sich diesen Sommer vielleicht doch noch ein paar etwas längere und ausgiebigere Bergtage ausgehen. Ohne Gondelunterstützung und aus eigener Kraft. Denn sowas wurde nun doch ein paar bange Wochen lang sehnlichst vermisst.
Schwierigkeit, Versicherung und Material
Ein wirklich schöner und einfacher Grat im griffigen Urgestein. Die teils durchaus imposanten Tiefblicke lassen sich bei der sehr dankbaren Absicherung gut genießen – der Grat ist auch für Anfänger im Alpinklettern eine interessante Unternehmung in fantastischer Landschaft. Entsprechend häufig wird er von Kursen auf der Franz-Senn-Hütte besucht. Nimmt man die Mühen in Kauf hier nicht zur absoluten Prime-Time aufzulaufen, darf man sich aber auf einen ehrlich hübschen Gneis-Grat freuen der doch tatsächlich auch noch 1-2 interessante Kletterstellen abwirft und auf seinen 400 Klettermetern für überraschend viel Abwechslung sorgt. Eine Abseilpiste (Notabstieg) im ersten Drittel entschärft die Tour zusätzlich ein wenig. Trotzdem – Obacht mit dem Wetter. In einem Sommergewitter möchte man in so exponierter Lage nicht landen.
Die Standplätze sind perfekt mit Bohrhaken und Ketten eingerichtet. Dazwischen gibt es zu Beginn viele Bohrhaken, später abseits der Standplätze eher sporadische Schlaghaken. Das hat aber auch den Grund, dass die Absicherbarkeit mit mobilen Mitteln nach oben hin immer einfacher und besser wird. Ganz ohne alpine Erfahrung und Praxis im Legen von Sicherungen sollte man aber auch nicht einsteigen – einige luftige Längen kommen auch ganz ohne Zwischenhaken aus. Idealerweise hat man auch eine Strategie für das leichte Ausstiegsgelände parat und kann sich nach oben hin zunehmend schnell bewegen – sonst darf dort noch eine ganze Weile gebastelt werden.
Das Material richtet sich ein wenig nach Sicherheit im Gelände, Kletterkönnen und Strategie. Klettert man von Standplatz zu Standplatz so reichen eigentlich 5 Expressen, 2-3 mittlere Friends / Keile und ein paar Schlingen. Möchte man ein wenig mehr Reichweite haben oder am laufenden Seil gehen, so ist es natürlich von Vorteil wenn sich der Vorsteiger ein bisschen mehr Zeug an den Gurt hängen kann.
Zusammenfassung
Endlich wieder Gneis, endlich wieder Knie. Wahrscheinlich der beste „eigentlich Regentag“ der Saison! Und ich habe gelernt, dass Bergfex-Wetter nicht immer lügt. Denn laut Meteoblue hätte das alles nicht so spaßig laufen dürfen.