Kletterblog & Berggeschichten
Piz Cengalo (3368m) via Normale (T5, II)
Piz Cengalo (3368m) via Normale (T5, II)

Piz Cengalo (3368m) via Normale (T5, II)

Parade-Auftakt in Mini-Patagonien?

Wie ich zum Bergell gekommen bin, ist tatsächlich ein wenig stumpfsinnig. Normalerweise hat man ja erst den Traum und dann mit der Zeit die passende Führerliteratur. Ich dagegen bin ich über die beiden Bände des „Nichts als Granit“-Führers von Mario Sertori gestolpert und habe mir diese in einem eher impulsiven Zuge gekauft. In freudiger Erwartung eines alpenübergreifenden Sammelwerkes über dieses Gestein. Granit interessiert mich ja eh! Zillertal, Hauptkamm, Chamonix, Bliblablubb!

Entsprechend doof habe ich geguckt, als ich festgestellt habe, dass die beiden Bücher wirklich nur einen einzigen Gebirgszug auf der Grenze zwischen der Schweiz und Italien abdecken. Wir lernen: Kaufentscheidungen etwas sorgfältiger und achtsamer treffen.

Ganze drei Jahre stehen die beiden Bücher also neben dem aktuell ähnlich überflüssigen Patagonien-Kletterführer im Regal und werden eher wenigen Blicken gewürdigt. Dabei ist das Bergell – anders als Patagonien – durchaus greifbar. So greifbar, dass es uns im September 2025 endlich dort hin verschlägt. Und noch etwas wird verschlagen. Unsere Sprache nämlich. Das Bergell stellt mit seiner rauen, ungezähmten Schönheit binnen weniger Tage Vieles auf den Kopf, was wir über die Alpen zu wissen geglaubt haben.

Impressionen aus dem Val Masino

Das Bergell

ist ein wildes Stückchen Landschaft, das seine Schätze zu hüten weiß. Von keinem der umliegenden Täler lässt sich ein so richtig verwertbarer Blick auf die Berggestalten des zur Bernina-Gruppe zählenden Gebirgsstockes werfen. Ein Geheimtipp ist es natürlich nicht. Kletterer und besonders Liebhaber langer und ernster Felsfahrten im jüngsten Granit der Alpen kennen es eh und das Tourenangebot füllt mindestens zwei Bücher, die sich ja unsinnigerweise in meinem Bücherregal befinden. Aber das schnelle „Wow“ von der Straße aus, welches wohl den Brenta-Dolomiten oder dem Langkofel seine zahlreichen Besucher beschert, bleibt hier erstmal aus. Die schiere Gewalt dieser Berge manifestiert sich nur denen, die den mühsamen Weg in ihre Mitte auf sich genommen haben.

Speziell die Gewalt des Piz Cengalo reichte in der Vergangenheit aber auch schon bis in die Tallagen. Im August 2017 kam es am Piz Cengalo zu einem Bergsturz, bei dem aus dessen Nordostflanke 3 Millionen Kubikmeter Gestein ausbrachen. Die resultierenden Murenabgänge erreichten den 4 Kilometer entfernten Talort Bondo und hinterließen dort eine Spur der Zerstörung und forderten auf dem Weg dahin das Leben von acht Bergsteigern. Richtig Stillstand ist seitdem nicht eingekehrt. Auch im August 2018 bewegten sich Teile des Berges schubweise um mehrere Zentimeter am Tag, 2019 kam es zu einem weiteren Felssturz. Theoretisch – so aktuelle Schätzungen – kann sich ein Bergsturz von ähnlicher Dimension an diesem Berg erneut ereignen. Wann es so weit sein wird, weiß nur die Zeit. Die Überwachung der Aktivität des Piz Cengalo wurde 2025 eingestellt.

Der Plan

In eben diesem Jahr nähern wir uns von Süden diesen schönen Bergen. Während die Nordseite ein paar ganz große Klassiker bereithält – etwa die Cassin in der Badile Nordwand – gilt der Süden als etwas zugänglicher und freundlicher. Die Wände sind ein wenig kleiner, das Ambiente nicht gar so rau. Im Tal – dem Val di Mello – wird in Wänden und Linien geklettert, die für den einen oder anderen Yosemite-Vergleich herhalten müssen. Darüber – einen mühsamen Hatscher vom Talboden entfernt – verläuft mit dem Sentiero Roma ein beliebter und anspruchsvoller Höhenweg. Und erst darüber ragen die eigentlichen Gipfel aus den Platten und Blöcken auf. Und was für Gipfel das sind…selbst von ihrer zahmen Seite.

Wir sind eigentlich zum Klettern hergekommen und haben uns einige Nächte auf dem Rifugio Luigi Gianetti und dem Rifugio Bonacossa reserviert. Zwischen den beiden liegt ein langer Wandertag auf besagtem Höhenweg. Und um sie herum wesentlich mehr Wände, Gipfel, Kanten und Grate als wir jemals klettern könnten. Entsprechend unscharf ist die genaue Routenplanung. Dass das Klettern per se unter Beschuss stehen wird ahnen wir noch gar nicht.

Die 1600 Höhenmeter mit schwerstem Gepäck sind kein Selbstläufer – wir sind reichlich strapaziert als wir die Hütte erreichen. Die Berge hängen in Wolken, alles ist nass und rutschig. Überall fließt Wasser aus dem Boden und donnert über von gewaltigen Quarzadern durchzogene Granitplatten. Ob das immer so ist oder nur Ergebnis der vielen Niederschläge der letzten Wochen ist wissen wir nicht. Gut für’s Kraxeln ist es auf jeden Fall nicht. Am Folgetag begrüßt uns ein episches Bild. Das Wetter ist zwar besser – aber die Berge die gestern wenigstens noch Grau waren präsentieren sich strahlendem Weiß. Vielleicht sollten wir mit dem Klettern einen Tag warten…

Plan B

Auf der Suche nach Alternativen diskutieren wir auch kleinere, leichtere Klettergärten und kurze Routen in Hüttennähe. Auch hier ist der Fels bestimmt grandios und die die Kletterei kühn und wild. Aber irgendwie lachen uns die großen Berge mehr an. Allen voran der Größte in der Runde – der Piz Cengalo – auf den ein vergleichsweise dankbarer Normalweg führt.

Gekauft!

Das Tagesziel – ein abweisender Anblick. Der Anstieg erfolgt über den SW-Grat von links heran.

Dabei müssen wir uns ein bisschen in Improvisation üben – denn das Material für Hochtouren oder kombiniertes Bergsteigen haben wir nur bedingt dabei. Pickel? Liegt im Auto. Schuhe? Schon steigeisenfest aber definitiv eher sommerlich gewählt. Steigeisen? Rate mal. Wir stellen trotzdem nach bestem Wissen und Gewissen einen Rucksack zusammen, der so viel leichter ist als das was wir am Vortag bewegt haben und treten nach einem rustikalen Frühstück vor die Tür des Rifugios. Im Zweifel wird man Schnee mit Seil begegnen müssen!

Aufstieg in Richtung Colle del Cengalo

Das erste Ziel ist der tiefste Punkt zwischen Piz Badile und Piz Cengalo. Beides namhafte Berge – beide übersäht mit eindrucksvollen Linien. Unser Wanderweg dagegen ist erstmal vergleichsweise flach und führt über Blockwerk und mühsame Schrofen mehr oder weniger weglos hinauf in den einschüchternden Kessel zwischen den gewaltigen Wänden. Steinmänner stehen hier überall rum – mal größer, mal kleiner, mal sinnvoll, mal weniger. Aber das Ziel ist eh vor Augen und man nehme wahrscheinlich einfach den leichtesten Weg dorthin.

Wir erreichen die Schneegrenze. Es beginnt mit einer rutschigen Glasur, die rasch in eine richtige, kleine Schneedecke übergeht. Die Wände und riesigen Granitplatten sind vereist. Der Schnee ist nicht direkt auf warmen Waldboden gefallen – bereits hier sind wir auf Höhe der Zugspitze und im Schatten der umliegenden Gemäuer ist es reichlich kalt.

Ein paar Querungen durch gestuftes Gelände und kurze Aufschwünge im 1. Grad bringen uns langsam an ein steileres Rinnensystem heran, welches die letzten 50 Meter in den Sattel überwinden soll. Schon jetzt liegt ein gewisser Ernst in der Luft. Unsere Wegwahl hatte stets versucht die großen, vereisten Platten zu meiden, auf denen man 100 Meter zurück in den Kessel schlittern könnte. Dabei nutzt man aber häufig auch Geröll, welches aus irgendeinem Grund auf besagten Platten haftet und Tritte anbietet.

Ein Tanz im Porzellangeschäft.

Immerhin sind wir nicht die einzigen, die den Berg heute im Visier haben. Ein Bergführer ist mit zwei Gästen unterwegs und wird den wunderschönen Gipfel kurz nach uns erreichen. Eine (natürlich männliche) Gruppe, die sich darüber belustigt, dass Hannah gerade das Seil trägt, wird sich nur wenige Meter später an einer banalen Stelle brutal anstellen, dann streiten und dann den Rückzug antreten. Überlaufen ist der Piz Cengalo heute nicht.

Brüchiger Kamin in den Colle (ca. III, bedingt empfehlenswert)

Die anderen Seilschaften beobachtend tun sich hier offenbar zwei Varianten auf: eine rechte Rinne, die auf den ersten Blick zwar steile aber schneearme und „logische“ Kletterei verspricht. Hier sichert der Bergführer gerade seine zwei Gäste hoch, als wir den Wandfuß erreichen. Daneben – weiter links – ein reudiges und gleichermaßen steiles Fixseil über rutschige Platten. Wir entscheiden uns für den mutmaßlich trockenen Fels und die rechte Rinne.

Zuvor legen wir aber schonmal die Gurte an, packen die wenigen Helferlein, die wir dabei haben an den Gurt und steigen dann seilfrei in die erste schärfere Kletterstelle ein.

Das Manöver entpuppt sich rasch als fragwürdig – zumindest fällt es mir schwer an Hannah dran zu bleiben. Der Fels ist nasskalt – was wie solider Granit aussah zerläuft unter den Fingern zu Sand. Die gesamte kaminartige Rinne und auch ihre theoretisch kletterbaren Seitenwände fallen bereits beim Anschauen in sich zusammen. Während es Hannah ganz gut gelingt sich hier rasch durchzuschieben blockiere ich direkt im ersten Aufschwung, als die ohnehin kleinen Leisten unter meinen Stiefeln zerbröseln. Ein unübersichtlicher Zug über einen zum Glück etwas robusteren Klemmblock bringt uns kurz in leichteres Gelände – die Flucht nach vorne führt über eine weitere steile Stufe, die oben in gestapelte, lose Blöcke mündet. Das ist zwar auch nicht gerade angenehm – verhält sich aber ein bisschen planbarer als der butterweiche Fels der unteren Passage. Dieser Aggregatszustand von Granit ist mir bisher auf jeden Fall noch nicht unter die Finger gekommen.

Drüber führt leichteres, gestuftes Gelände durch Schnee, Eis und Fels in den Colle. Die Männer-Seilschaft mit den lustigen Sprüchen ist hier bereits ordentlich am dampfen. Wir warten ihre Manöver über eine kurze, exponierte Querung ab und überholen sie dann im leichten Gelände wenige Höhenmeter unter dem Sattel.

Gipfelanstieg

Zum ersten Mal haben wir einen Blick auf die Nordseite des Massivs und damit auch hinab ins Val Bondasca, in welches sich der große Bergsturz 2017 ergossen hat. Daneben stürzen die unwirklich glatten und im Vergleich mit dem heimischen Kalkgestein pechschwarzen Nordabbrüche des Piz Badile in die Tiefe. Ein einschüchterndes Ambiente. Und auch wenn die nun zu querende Geröllflanke mit Schneeauflage für sich nicht wirklich tragisch ist – die Dimension des unweit darunter liegenden Abgrundes bewirkt doch eine gewisse Sogwirkung.

Einfache Unterbrechung – die kurze Geröllflanke über dem Colle del Cengalo

Nach wenigen Höhenmetern erreichen wir die erste Stahlkette, die einen sonst recht luftigen Quergang auf der Nordseite des Grates entschärft. Ein Klettersteig im klassischen Sinne ist hier natürlich nicht zu erwarten. Die Kette ist zwar solide verankert – hat aber reichlich Spiel und gibt ein gutes Stück nach. Wir schenken diesem Detail gar nicht so viel Beachtung – für die italienische Seilschaft hinter uns ist hier aber schlagartig Schluss. Laute Diskussionen und spannende Sicherungstechniken begleiten das Schauspiel hinter uns, welches eine Weile anhält und dann in einer Umkehr mündet. So richtig „verstanden“ haben wir das Problem an der Stelle nicht – letzten Endes führt der Vorfall aber rasch zu einer deutlichen Besserung der Stimmung am Berg. Denn der Bergführer mit seinen Gästen, der weiterhin vor uns ist, ist anders als die nun zum Colle zurück marschierende Seilschaft super drauf: Menschlich wie in Wegwahl, Tempo und Technik.

Hinter der Kette wartet eine ebenfalls halbwegs luftige Querung auf der Südseite über griffige Blöcke, die in einem scharfen Gratabschnitt von rund 20 Metern Länge mündet. Da uns dieser – mangels Sicht auf den Untergrund und offensichtlicher Absturzgefahr – auch relativ heikel erscheint zücken wir hier nun auch das Seil. Von einem Köpfel gesichert spaziere ich über den luftigen Grat, versenke zwei Totems im hier wenigstens wieder gewohnt festen Granit und hole Hannah an einem Köpfl am Ende der Querung nach. Die Erwartung, dass es hier nun wieder mit Gehgelände weitergehen könnte verpufft rasch – wenig später ist eine vereiste und sehr glatte Platte an einem etwas unangenehmen und abdrängenden Untergriff zu queren. Möglicherweise ist das auch bei regulären, trockenen Bedingungen eine der mentalen Schlüsselstellen.

Im Bergell gibt’s nichts geschenkt

Die Landschaft entspannt sich wieder ein bisschen. Nur die dramatische Wolkenstimmung, die alles in ein recht absurdes und bedrohliches Dämmerlicht taucht, bleibt. Ein wenig flacher und weitläufiger folgen wir einer verschneiten Flanke empor, bevor der nächste üppigere Gratturm in Aufstiegsrichtung rechts umgangen wird. Zahlreiche Steinmänner weisen den Weg. Wir bleiben am Seil, klettern simultan und versuchen stets ein paar Friends oder Schlingen zwischen uns zu behalten. Die „Normale“ auf den Cengalo ist heute eine wirklich rutschige Angelegenheit und das Seil definitiv der Möglich- und Muntermacher für einen sonst unverhältnismäßig heiklen Anstieg. Hätte man tiefen, greifendenden Schnee – anderes Thema. Was wir haben ist aber nasser, flechtiger Fels mit Eisglasur oder weicher, durchfeuchteter Neuschneedecke.

Es folgt ein weiterer Aufschwung – hier wieder ein bisschen kühner – welcher erneut auf der Südseite umgangen wird. Wobei „umgehen“ ein dehnbarer Begriff ist. Eine luftige Querung, ein steiles Schneegully und eine kurze aber abdrängende und beinahe überhängende Kletterstelle an riesigen Granitzacken würzen besagte Umgehung ordentlich nach.

Eine Querung später wird endlich der Blick auf zwei Dinge frei. Einen einfacheren, blockigen Gipfelaufbau. Und den darüber liegenden, tiefblauen Himmel. Ganz unverhofft hat sich der zähe Nebel aufgelöst und zum ersten Mal wird der wahnsinnige Berg, dem wir uns die letzten Stunden in tranceartiger Manier angenähert haben greifbar. An einer geeigneten Stelle dürfen wir den Bergführer und seine Gäste überholen und spuren rasch die gewaltige Blockflanke empor, die immer beeindruckendere Ausblicke bereithält.

Kurz unter dem Gipfelaufbau machen wir es uns nochmal schwerer als notwendig – ein steiler Riss zwischen zwei Blöcken, der wahrscheinlich korrekterweise irgendwo im 3. oder 4. Grad hergeht. Da völlig vermeidbar, soll er hier aber nicht weiter beschrieben werden. Wir genießen die Einsamkeit und Abgeschiedenheit, die wir so wohl bisher nur auf den wilderen Winterwanderungen gefunden haben – gepaart mit den Dimensionen und Ausblicken einer waschechten Hochtour, von denen wir bisher viel zu wenige unternommen haben.

Spuren im angezuckerten Blockgelände des Gipfelaufbaus

Im Hintergrund beeindruckt nicht nur die kühne Silhouette des Piz Badile – dahinter bauen sich am Horizont die 4000er des Wallis auf. Neben dem Monte-Rosa-Massiv ragt vor allem die Dom-Täschhorn-Gruppe aus dem weißen Einheitsbrei hervor. Auf der anderen Seite dominiert die gewaltige Figur des Monte Disgrazia das Bild.

Und dann geht es plötzlich nicht mehr weiter. Unter einem fantastischen Herbsthimmel erreichen wir das weiße Haupt des Piz Cengalo und haben einen Rundumblick auf wilde Gipfel zwischen zarten Quellwolken und hohen Cirren, in denen sich die Sonne bricht.

Ein Wahnsinnstag, der so überhaupt nicht auf dem Zettel stand. Niemand hatte vor auf den Piz Cengalo zu gehen. Niemand hatte sich durch winterliches Weiß zu wühlen. Man könnte sogar über Scheißwetter und frech vereitelte Kletterpläne schimpfen. Aber viel schöner ist es doch den Tag zu nutzen und speziell hier oben ertappe ich mich in einem Moment unfassbarer Dankbarkeit dafür, dass wir es immer wieder schaffen solch unverhoffte Traumtagerl aus dem Ärmel zu schütteln.

Nach einer andächtigen Rast und einem schüchternen Tiefblick in die grausige Nordflanke des Berges räumen wir den Platz als der Bergführer mit seinen zwei Gästen zum wohlverdienten Gipfel aufschließt. Der Abstieg – entlang der Aufstiegsroute – hält noch einige Fragezeichen bereit. Zum einen sorgt uns, dass der inzwischen sulzige Schnee einige Passagen im Abstieg zusätzlich erschweren könnte. Zum anderen haben wir für die Passage unter dem Colle die Aufgabe den anderen, noch unbekannten Weg über die reudigen Fixseile zu testen. Denn die Trauma-Rinne vom Vormittag wird bestimmt nicht abgeklettert.

Für dich kommen wir eh nochmal her – versprochen 🙂
Abstieg

Besagte Sorgen entpuppen sich als recht unbegründet. Der Spur folgend kommen wir rasch voran. Die oberen Passagen – im Aufstieg mehr aus Faulheit als aus Notwendigkeit am Seil gegangen – rauschen wir nun ungesichert hinab. Erst im Bereich der etwas sportlicheren, südseitigen Querungen holen wir das Seil wieder aus dem Rucksack. Aber auch mit Seil fliegt das Gelände förmlich unter unseren durchnässten Schuhen entlang. Es geht fix. Die Landschaft ist eine Wucht.

Mordor meets Eiskönigin

Kurz vor dem Colle zeigt sich die Kraft der Sonne. Die unangenehmen Plattenquerung ist erneut die Crux und verlangt nochmal ein bisschen Kreativität und Sorgfalt. Aber der Grat, der vor wenigen Stunden noch mit Schnee bedeckt war ist nun beinahe aper und deutlich planbarer. An seinem Ende packen wir das Seil wieder weg, klettern die luftige Querung zur Stahlkette und folgen dieser auf die Geröllflanke über dem Colle del Cengalo.

Der Colle ist schnell erreicht. Wir werfen einen letzten Blick in die gewaltigen Wände des Piz Badile und wenden uns wieder dem Süden und der „netten“ Seite des Bergells zu. Beinahe schneefrei passieren wir die kurzen Kletterstellen in der brüchigen Mulde und biegen dann explizit nicht in die Aufstiegsrinne ab. Stattdessen halten wir uns nun im Abstiegssinne rechts auf die Fixseile zu. Diesen muss man durchaus Vertrauen schenken – sie führen über steile und glatte Platten, die sonst nur in halbwegs kräftiger Kletterei an nicht immer soliden Leisten zu überwinden wären. Risikounfreudig wie wir sind werfen wir sogar einen kurzen Klemmknoten um das schmuddelige Fixseil und steigen dieses rasch ab.

Im irren Amphitheater zwischen den schwer greifbaren, bunten Granitmauern schaut es inzwischen wieder ein wenig sommerlicher aus. So sommerlich, dass wir für den Folgetag eine scharfe Kletterei auf die Punta Sertori auf den Zettel packen. Aber egal wie das dann läuft – dieser Auftakt im Bergell war wild, rau, frei und wunderschön. Wabi Sabi quasi?

Die Schönheit im Einfachen und Unvollkommenen

Ein Tag Sonnenschein wirkt: Kletterbare Bedingungen für das Morgen!?

Schwierigkeit, Versicherung und Material

Ein recht respektabler Berg – gewiss auch bei weniger winterlichen Verhältnissen. Der „geringe“ Höhenunterschied von rund 800 Höhenmetern vom Rifugio Gianetti verspricht eigentlich keinen allzu mühsamen Bergtag – ganz geschenkt gibt es den Cengalo aber auch nicht. Die schwierigsten Passagen konzentrieren sich um den Colle del Cengalo. Der Aufstieg in diesen ist in jeder Variante ein wenig ruppig – die Fixseile sind Stand 2025 definitiv nicht aus der Kategorie Plaisir. Die kurze Stahlkette entschärft zwar eine luftige Einzelstelle und eine kleine, steile Rissverschneidung – wenig später darf aber ähnlich exponiert auf eigene Faust operiert werden. Je nach Wegwahl sollten Stellen im II. Schwierigkeitsgrad einkalkuliert werden. Der Fels ist nicht immer fest, das Ambiente über lange Strecken einigermaßen alpin und ernst. Nach oben hin wird’s zwar leichter und blockiger – da der Abstieg aber ohnehin über den selben Weg erfolgt, ist diese Information auch nur von geringer Bedeutung.

Ich würde persönlich nicht sagen, dass grundsätzlich ein Seil mitgeführt werden muss. Zumindest hätten wir es unter normalen Bedingungen nicht eingepackt. Im Zweifel wird man damit aber bestimmt nicht alleine am Berg sein. Ein Blick für Granit und etwas Routine in diesem Gelände ist aber zwingend erforderlich – längere Passagen sind wirklich ordentlich absturzgefährdet. In meinen Augen sind weder Helm noch wirklich sichere, stabile Bedingungen verhandelbar.

Zusammenfassung

Joa geil.

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