Kletterblog & Berggeschichten
Alpspitze (2628m) via Nordwestabbruch (IV+)
Alpspitze (2628m) via Nordwestabbruch (IV+)

Alpspitze (2628m) via Nordwestabbruch (IV+)

Wir haben uns die Tour am Nordwestabbruch angeschaut, für sehr lohnenswert empfunden und daher saniert

…so schreiben es die Wetterstein-Bergführer, welche diesen bereits 1920 erstbegangenen Weg aus seinem Schattendasein geholt haben.

Und tatsächlich – der gewaltige Plattenfächer am westlichen Ufer der Alpspitze trägt eigentlich im großen Stil zur markanten Form und unverkennbaren Silhouette dieses Modeberges bei, steht aber völlig im Schatten der überlaufenen Nordwand-Ferrata und der zahlreichen Klettereien in der Nordwand. Seit besagter Sanierung 2023 habe ich die Linie zwar vage auf dem Zettel – absolut neugierig darauf was es an der Alpspitze möglicherweise noch an neuen Perspektiven zu gewinnen gibt. Wie so oft fehlte es aber stets an Zeit und Raum um wirklich mal für eine relativ kurze und gemäßigte Tour zum Wahrzeichen von Garmisch-Partenkirchen auszurücken.

Es brauchte erst hohen Besuch aus Franken und eine Ausrede, nicht nochmal in die Eisenzeit zu müssen, um den Nordwestabbruch wieder auf den Plan zu rufen. Gar keine schlechte Wendung. Aber der Reihe nach.

Zustieg

Für Peter ist es seine erste, alpine Mehrseillänge. Entsprechend günstig ist die Tatsache, dass der Nordwestabbruch nur einen Teil der Wand überspannt und erst auf rund 2300 Metern aus der Alpspitz-Ferrata abzweigt. Das gibt uns nämlich die Möglichkeit einen kleinen Einkletter-Realitätscheck an der Radelnden Hexe zu machen und dort zwischen engen Klebehaken und gut eingerichteten Standplätzen ein paar Seillängen abzuspulen, bevor es ins etwas alpinere Gelände des Nordwestabbruchs gehen soll.

Mit etwas Mut zur Lücke lässt sich insbesondere aus den linken Linien der Radelnden Hexe zur ersten Schulter der Ferrata austoppen – andernfalls bieten sich auch die BW-Touren an um den Zustieg über den Klettersteig zu verkürzen, den an sonnigen Wochenenden allgegenwärtigen Trubel zu umgehen und ein paar zusätzliche Meter griffigen Kalk unter die Finger zu kriegen. Wir starten mit der Hexe, die erstmal im unteren 4. Grad durch den herrlich griffigen Fels zieht – nach 1 1/2 Seillängen ereilt mich aber ein gewisser Linksdrall und ich lande wohl eher in der benachbarten Mickey Maus. Eigentlich ist das aber auch ziemlich egal – der rund 60 Meter hohe Felsriegel ist quasi überall kletterbar, bestens abgesichert und so früh am Morgen auch noch menschenleer.

Morgensport am Ausstieg aus dem Klettergarten Radelnde Hexe

Am Ende des Klettergartens steige ich über eine markante Rinne linkerhand unschwer (II-III) in Richtung Ferrata aus, die ich unterhalb der langen Leiter erreiche. Ich hole Peter nach, wir einigen uns auf einen durchaus gelungenen Realitätscheck, schultern die Seile und reihen uns in die Schlange an der Leiter ein. Das Manöver über die Hexe ist natürlich völlig optional – wer schnell zur eigentlich Tour will zieht wahrscheinlich den Klettersteig vor.

Diesem folgt man zur Scharte der lustigen Bergler und dann noch eine Reihe von Aufschwüngen weiter bis zu einer markanten Schotterquerung. Die riesigen Platten des Nordwestabbruches sind von hier gut einzusehen – der Zustieg ist aber nicht völlig offensichtlich und erfordert Trittsicherheit in etwas brüchigerem Ambiente.

Wir queren durch das Geröll zu einem markanten, grünen Fleck und laufen den dahinter liegenden, etwas brüchigen Kessel aus ohne Höhe zu verlieren. Es stellt sich ein kleines Wändchen in den Weg an dessen oberen Ende die Abseilstelle versteckt ist. Eine zugehörige, rote Markierung entdecken wir auch erst relativ spät als wir uns schon entschieden haben dort einfach mal hochzusteigen. Nach einem etwas brüchigen Einstieg löst sich das auch gut und griffig auf – wirklich viel mehr als der II. Grad muss nicht abgeliefert werden. Gehgelände ist’s aber auch nicht mehr.

Peter schließt zur Abseilstelle auf

Auf der Rippe angekommen werfen wir ein Seil in die rückseitige, rustikale Schlucht und seilen durch gestuftes und brüchiges Gelände ab. Sollte unten schon eine Seilschaft stehen, würde ich gerne dafür plädieren ganz im Sinne des Weltfriedens kurz zu kommunizieren, bevor man Seil & Steine in die schmale Rinne wirft.

Die flache Abseilfahrt führt über mehrere brüchige Absätze

Peter seilt zuerst ab und ich habe noch einen Moment Zeit um einen Blick auf die nun perfekt einsehbare Tour zu werfen. Eine wirklich beeindruckende Plattenrampe, die da hochzieht. In der Draufsicht viel steiler anmutend als sie in Wirklichkeit ist. Besonders abenteuerlich sieht der düstere und enge Ausstieg auf den Nordwestgrat aus – also die Stelle wo die Plattenrampe in einem Wulst aus Überhängen mündet, die nur eine kleine Schwachstelle abwerfen. Hier verbirgt sich auch die Crux unserer Tour.

Durchaus eine imposante Formation!

1. Seillänge (III)

Da ich die Zickzack-Overture durch die Radelnde Hexe in Dauerführung war kriegt Peter das scharfe Ende des Seils und steigt in den gewaltigen Plattenpanzer ein. Die Kletterei – ob der imposanten Kulisse – ist einigermaßen geneigt und von vielen Bändern und Absätzen unterbrochen. Dazwischen muss aber auch mal sauber in die Platte getreten werden oder ein Schotterfleck umtänzelt werden. Peter findet auf jeden Fall super solide seinen Weg durch die ersten 30 Meter, die mit zwei Bohrhaken abgesichert sind und landet rasch am sonnigen Standplatz.

2. Seillänge (IV)

Mit zugekniffenen Augen versuchen wir den nächsten Haken zu erspähen, was in der grellen Platte und bei den schon eher weiten Abständen gar nicht so leicht ist. Geblendet (natürlich von der Schönheit der Bergis) mach ich einfach mal Blindflug in Richtung oben und klettere beinahe am ersten Haken vorbei. Dann stellt sich ein sperrender Absatz in den Weg – im wesentlichen eine 2-3 Meter messende Abbruchkante innerhalb der riesigen Platten. Ich bleibe dem Blindflug nach oben treu und überwinde den Aufschwung frontal, brüchig und mit weitem Runout. Und irgendwie auch eher im 5. Grad. Tatsächlich findet Peter im Nachstieg leicht rechtshaltend einen Schlaghaken und eine festere und günstigere Möglichkeit auf die nächste Etage zu gelangen. Eigentlich geht das aus dem Topo der Wetterstein-Bergführer auch bestens hervor. Da hätte man nur vor dem Weiterklettern mal drauf schauen müssen.

Macht’s, aber macht’s besser

3. Seillänge (III)

Peter verschwindet wieder in das Plattenmeer – nun auch wieder mit etwas mehr Reibungskletterei im Portfolio. Die 3. Seillänge führt sehr weitläufig und großzügig über das breite Plattenband. Mehr oder weniger gerade empor, wobei ein leichter Links-Rechts-Schwenk vollzogen wird und es viele Möglichkeiten gibt sich das Leben leichter (oder schwerer) zu machen. Mit zwei Bohrhaken auf 45 Metern muss deutlich vom Haken weggestiegen werden – der Fels bietet auch keine allzu üppigen Sicherungsmöglichkeiten an. Das durchweg sehr gangbare Gelände, die freundlichen Absätze und der ziemlich gutmütige 3. Grad machen das Steigen aber dennoch zum Genuss.

Weite Hakenabstände und plattige Weiten in der 3. Seillänge

4. Seillänge (III)

Es wird sogar noch eine Spur einfacher. Die 4. Seillänge fällt wieder mir zu und folgt einem markanten Quergang durch eine Reihe von Rissen und Schwachstellen im Plattenpanzer. Dabei werden auch einige Graspolster überklettert, die bei Nässe sicher ein wenig unangenehmer sind. Ziel ist in jedem Fall das Nadelöhr am rechten Ufer des Plattenschildes. Denn die Kletterei in der Plattenzone neigt sich bereits ihrem Ende und die zwei folgenden Seillängen wollen uns in deutlich steilerer Kletterei aus dem Nordwestabbruch heraus auf den Nordwestgrat befördern.

Die grasige Querung in der 4. Seillänge

5. Seillänge (IV)

Peter übernimmt wieder die Führung und gerät in eine ziemliche spannende Seillänge. Die Plattenquerung zu einer offensichtlichen Verschneidung geht noch flüssig von der Hand – ist aber mit keinem fixen Material gesegnet. Der Bohrhaken, der die steile Verschneidung absichert ist erst nach einem etwas schwereren Zug zu erreichen. Und richtig spannend ist das vor allem deshalb, weil sich hier am Eck plötzlich ein brachialer Tiefblick ins Höllental auftut. Bisher – auf der stets weitläufigen und geneigten Platte – gab es keine wirkliche Ausgesetztheit. Umso berauschender der imposante Abbruch, der hier nun unter den Füßen lauert.

Mit zwei kräftigen und etwas technischeren Zügen an einem griffigen aber steilen Riss ist der Spuk schon wieder zu Ende und ein gemütlicheres Band führt in die schattige Nische unter der Schlüsselstelle. Die hellen Platten sind kurz farbigen, fast dolomitenhaft steilen Henkeln gewichen.

6. Seillänge (IV+)

Über uns tut sich eine wenige Meter messende Platte auf, die mit einer wilden Konstruktion aus Schlaghaken und alten Fixseilen bestück ist. Wirklich relevant sind diese nicht – sie enden vor der eigentlich schweren Passage. Besagte Platte lässt sich in einem feinen Risssystem linkerhand gut überwinden und spuckt mich unter dem abdrängenden Überhang aus. Die Diagnose steht schnell fest:

Oide Schule!

Die Crux. Die Fixseile enden unter dem Überhang, an dem die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen

Erstbegehung 1920? Check! Kurzurlaub in den Dolos? Check! Für IV+ darf auf einer Strecke von wenigen Metern richtig ordentlich steil und kräftig geklettert werden. Der abdrängende Aufschwung ist durchaus ausgesetzt und lässt sich prinzipiell gut ausspreizen bzw. gegen links Piazen – mündet oben dann aber doch auch ein bisschen eigenartig in einer Platte. Es hilft, wenn am Ausstieg aus der Passage noch genug Ruhe im System ist um die nicht ganz offensichtlichen Griffe am Rand der Platte zu finden und die Füße sorgfältig hochzubringen. Direkt über dem Ausstieg aus der athletischen Einzelstelle ist der Standplatz.

Nordwestgrat (bis IV-)

Wie cool ist das denn?

Die markante Platte am Grat verlassen wir links – oben drauf gibt es auch wieder Haken

Noch viel ulkiger als den eigentlichen Nordwestabbruch finde ich den Nordwestgrat auf dem wir nun gelandet sind. Ein wahnsinnig schöner, kleiner Gratabschnitt, den ich hier so ausgeprägt gar nicht erwartet hatte. Der Blickwinkel auf die Alpspitze ist eigenartig – die Tiefblicke fantastisch. Der Rhythmus in Sachen Absicherung ändert sich hier ein wenig und es tauchen nur noch einzelne Bohr- und Klebehaken auf. Wir passen uns diesem Rhythmus an, indem wir den Grat am laufenden Seil begehen. Prinzipiell lässt sich aber auch weiterhin in Seillängen klettern, wobei die Klebehaken wohl als Standplätze vorgezogen werden wollen.

Glaubt man meiner Uhr, so kommen hier nochmal knapp 300 bis 400 Klettermeter zusammen, die sich je nach Strategie auch nochmal ordentlich ziehen können. Die Kletterei folgt fast immer mehr oder weniger der Gratkante und wirft nochmal ein paar beeindruckend steile Aufschwünge ab, die sich überraschend gut auflösen aber im teils unteren IV. Grad auch nicht geschenkt sind. Besonders markant ist der plattige und exponierte Aufstieg auf den ersten größeren, gelben Turm im Gratverlauf.

Der imposante Turm wirft nochmal steile Klettermeter ab und wird über die linke, plattige Kante bestiegen

Danach wird der Grat immer leichter und teilweise brüchig. Wir passieren das Wandbuch und folgen den – grob alle 10-20 Meter auftauchenden – Haken zur Schulter, auf der wir wieder in die Nordwand-Ferrata einqueren.

Ich versuche ja meistens keine Zeiten anzugeben, würde hier aber zumindest mal anführen, dass es uns in relativ zügiger Kletterei am laufenden Seil gute 40 Minuten gekostet hat um die Ferrata zu erreichen. Das ist für meinen Geschmack gar nicht mal so wenig. Der Nordwestgrat ist im Topo der Wetterstein-Bergführer nicht mehr wirklich detailliert beschrieben und ich würde hier mangels richtig markanter Einzelstellen auch keinen Roman mehr darüber verfassen. Hängen bleiben sollte, dass der Nordwestgrat in Länge und Anspruch durchaus ein Drittel oder sogar die Hälfte der Tour ausmacht und es am Ende des Nordwestabbruchs kein kurzer Schwenk zurück zum Klettersteig ist sondern eine beinahe eigenständige, luftige und facettenreiche Gratkletterei in nicht mehr ganz so solidem Gestein.

Nach all dem Flow und dem dankbaren Kontrast zur Plattenkletterei am Abbruch verlassen wir das Klettergelände, packen die Seile weg und schwingen uns in die allerletzten Höhenmeter zum Alpspitz-Gipfel.

Abstieg

Da die Alpspitze die Alpspitze ist und das rege Treiben in der Ferrata noch nicht zum erliegen gekommen ist steigen wir über den Ostgrat ab. Hätte man nur einen Gleitschirm zur Hand. Dann käme der Wind zwar trotzdem aus der falschen Richtung, aber man hätte wenigstens einen Gleitschirm zur Hand.

Ostgrat

Dann geht es über den Nordwandsteig und durch dessen dauerfeuchte Tunnel zurück zum Osterfelderkopf und mit Blick auf das einsame Tagwerk zurück ins Tal. Ein wirklicher schöner Ausflug an einen Berg, an dem ich eigentlich nur wenig „Neues“ erwarte und heute doch gefunden habe. Neue Perspektiven, neue Blickwinkel und einen überraschend abwechslungsreichen und lässigen Anstieg über eine eindrucksvolle Felsformation. Vielen Dank für’s Wiederentdecken und Sanieren!


Schwierigkeit, Versicherung und Material

Wirklich facettenreicher Klettertag auf einsamen Wegen an der Alpspitze. In Summe durchaus komplett und umfangreich. Rustikaler Zustieg und Abseilstelle lösen nur das Ticket, die relativ einfache Kletterei auf dem Plattenschild mündet in zwei echt eher klassisch-herben Aufschwüngen von ordentlicher Ausgesetztheit und Steilheit. Der nachfolgende Gratabschnitt ist keinesfalls „nur“ Abstieg sondern überwindet nochmal einige eindrucksvolle Türmchen – stellenweise in luftiger und abwechslungsreicher Kletterei. Während mir die Seillängen im Plattenschild eher gemütlich in Erinnerung geblieben sind schadet es oben raus bestimmt, wenn die vorsteigende Person ihr Limit über dem oberen 4. Grad hat.

Die Route ist super saniert – behält aber einen alpinen Charakter und entsprechend weite Abstände zwischen den Fixpunkten. Die Standplätze im Abbruch sind gut eingerichtet, dazwischen nur einzelne aber stets recht sinnstiftende Haken. Im leichteren Gelände (III) müssen auch Hakenabstände jenseits der 10 oder 15 Meter toleriert werden. Am Grat keine Standplätze mehr bzw. nur noch an einzelnen Klebehaken. Dafür auch hier Haken in regelmäßigen und recht dankbaren Abständen – eine kurze Lücke im hinteren Drittel hat uns etwas irritiert aber auch nicht weiter aufgehalten.

Die Route lässt sich auch gut mit 50 Meter Einfachseil bestreiten – Abseilen ist eh keine Option. Ansonsten unbedingt Helm – speziell auf der Plattenrampe liegt viel Geröll, bei mehreren Seilschaften besteht sehr akute Steinschlaggefahr und bei Bedarf einige Friends / Keile. Die lassen sich zwar nur sehr punktuell einsetzen und sind bei etwas Kapazität in Sachen Schwierigkeit nicht zwingend notwendig – das alpine Ambiente fühlt sich ganz ohne Schlosserei aber auch komisch an. In der 5. Seillänge könnten sie tatsächlich hilfreich sein.

Zusammenfassung

Ein kleines Juwel im Alpspitz-Brei! Keine Frage – auch die Alpspitz-Nordwand hat interessante und bestimmt sogar lohnendere Linien zu bieten. Mir hat am Nordwestabbruch aber genau die Einsamkeit gefallen. Die Mehrseillängen in der Nordseite waren nämlich gut besucht, während wir hinten am Abbruch unsere Ruhe hatten. Ein bisschen unrund ist nur die Tatsache, dass die Tour erst mittig aus der Ferrata abzweigt und dann auch vor dem Gipfel wieder in dieser mündet. Das gibt der Berg aber einfach nicht anders her und wird mit spannenden Blicken und teils wilder und abwechslungsreicher Kletterei entschädigt.

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