Kletterblog & Berggeschichten
Sabotørfossen (WI5)
Sabotørfossen (WI5)

Sabotørfossen (WI5)

Vemork – ein Wasserkraftwerk mit einer langen Geschichte und Schauplatz eines berühmten Sabotageaktes gegen Hitler’s vermutetes Atomprogramm:

Was 1911 als das damals größte Kraftwerk der Welt erbaut wurde ist im zweiten Weltkrieg die einzige Produktionsstätte für Schweres Wasser (Deuterium) in Europa und damit ein elementares Puzzlestück für die Kernwaffenforschung. Nach der Besetzung Norwegens durch Nazi-Deutschland wurde genau hier die Produktion von Deuterium deutlich aufgestockt. Ein Zufall?

Nachdem erste Operationen der Alliierten gegen das besetzte Kraftwerk scheiterten gelang es norwegischen Widerstandskämpfern nach längerem Ausharren auf dem Bergplateau über dem Kraftwerk am 27. Febraur 1943 die Schwerwasser-Produktion per Sprengung zu sabotieren und unerkannt zu entkommen. Fast auf den Tag genau vor 83 Jahren.

Kraftwerk Vemork

Es folgen Bemühungen des Wiederaufbaus der Nazis und weitere Bombardierungen. Der Versuch, das bereits produzierte Deuterium nach Deutschland zu überführen endet dann im unweit gelegenen Tinner See. Die Fähre Hydro, welche die Fässer mit dem Schweren Wasser zum Weitertransport nach Tinnoset hätte bringen sollen befindet sich inzwischen am tiefsten Punkt des Sees und ihr Weg dorthin wurde durch den erneuten Einsatz von Sprengladungen deutlich beschleunigt.

Die Schwerwasser-Aktionen waren beim Wettlauf um die Atombombe nicht entscheidend. Deutschland legte die Bombenpläne bereits 1942 auf Eis. Die Sabotagen trugen allerdings dazu bei, dass deutsche Atomwissenschaftler niemals einen Uranreaktor in Gang bekamen

Zeiten, die glücklicherweise vorbei sind und hoffentlich nie wieder kommen. Die Geschichte um die norwegischen Saboteure am Kraftwerk Vemork ist auf jeden Fall weit über die Grenzen von Norwegen hinweg bekannt und das Kraftwerk Vemork ist heute Museum und Weltkulturerbe. Und auch eine markante, schmale und düstere Eisrinne, die sich vielleicht auch schon zu Kriegszeiten am Fuße des Kraftwerks bildet, erinnert an die Geschichte dieses Ortes: Sabotørfossen.

Der Sabotørfossen

Der Sabotørfossen

Hannah hat die mit ca. WI5 bewertete Linie bereits vor zwei Jahren bei ihrem ersten Besuch in Norwegen entdeckt und den Eisfall in Bildern und Schilderungen als die beeindruckendste Tour der Region mit nach Hause gebracht. Und damit auch die Idee, sich diese Tour mit viel mehr Routine und Selbstbewusstsein im Eis irgendwann nochmal auf den Zettel zu schreiben. Und das geht nicht nur uns so: der Sabotørfossen gehört zu einem der großen Klassiker im Gebiet.

Auf 150 Klettermetern folgt das Eis zunächst einer oft nur mager und dünn vereisten Granitplatte hinein in ein enges, scharf ausgeschnittenes Gully. An manchen Stellen ist das Eis so tief in die dunklen Wände unter Vemork verrückt, dass es in der Draufsicht hinter dem finsteren Granit verschwindet. Die Schlüsselstelle wartet ganz oben. Der Ausstieg erfolgt über einen je nach Bedingungen ziemlich steilen und abdrängenden Pfeiler von ordentlicher Ausgesetztheit im laut Führerliteratur 5. Eisgrad. Den sind wir bisher noch gar nicht geklettert.

Zustieg

Es ist schwierig die Stimmung in der Vemork-Schlucht zu beschreiben. Einen freundlichen Ort stellt man sich auf jeden Fall erstmal anders vor. Allein Kraftwerk Vemork strahlt – insbesondere an einem grauen Wintermorgen – eine nicht ganz greifbare Unbehaglichkeit aus. Zwischen leichtem Nieselregen und die tiefen Wolken scheinen Wärme und Geborgenheit ziemlich weit weg zu sein. Immer wieder hallen Schläge von den Bauarbeiten an der Vemorkbrücke durch die Schlucht, an dessen seitlichen Wänden einige schöne, blaue und andere magere, gelbliche Eisgebilde dem stillen Schneeregen trotzen.

Am Eingang in die Schlucht warnen Schilder vor plötzlichen Wassermassen, die ohne Vorwarnung aus den Überläufen der Wasserkraftwerke schießen können und die Vemorkschlucht in kürzester Zeit fluten. Auch der Eiskletterführer weist auf dieses – zugegeben sehr hypothetische, dann aber potentiell tödliche – Szenario hin. Eine akute Bedrohung ist das nicht – ehrliche Wohlfühlatmosphäre mag aber auch nicht aufkommen.

Wenig rosige Aussichten für Kletterer in der Schlucht. (Quelle)

Um die Routine und das Selbstbewusstsein steht es abseits der äußeren Einflüsse so mittelgut. Eigentlich haben wir uns bisher allerhöchstens ein wenig eingepickelt – in deutlich leichterem Eis. Dass wir so früh im Urlaub schon auf dem Weg zum Sabotør sind, liegt vor allem daran, dass es die Tage nochmal deutlich, auf dem Papier sogar kritisch, wärmer werden soll. Außerdem hat uns ein Vögelchen gezwitschert, dass der dieses Jahr ohnehin sehr dünn aufgebaute Fall, der in der Draufsicht wirklich wie ein dreckiges, vertikales Gerippe im Fels klemmt, schon kletterbar sei.

Einfach mal anschauen?

Als wir durch das im Winter trockene, eingeschneite Bachbett stapfen versuche ich die Stimmung für mich selbst auch nochmal einzuordnen. Fängt so ein perfekter Tag an? Schaut so eine super lässige Unternehmung aus?

Bisher sind keine Seilschaften in der Route. Am gegenüberliegenden Nedre Svingfoss, einem herrlichen Eisschild, wird schon geklettert. Fairerweise – hier am Wandfuß sieht der Sabotørfossen direkt ein bisschen weniger wild aus als in der Draufsicht von der anderen Seite der Schlucht, die wir bisher zur Verfügung hatten. Wir zögern trotzdem einen Moment. Eine weitere Seilschaft rückt an und erzählt uns, dass man hier gestern anstehen musste um seinen Versuch am Sabotør zu kriegen. Nicht, dass wir uns nicht insgeheim eh schon für den Einstieg entschieden hätten. Aber die Aussage motiviert mindestens, die aktuell noch greifbare Pole-Position in der offenbar doch ziemlich beliebten Route zu nutzen.

Wir binden uns ein und Hannah startet in die erste Seillänge. Die beiden polnischen Kollegen erfüllen das, was man speziell von etwas betagteren Seilschaften in Eis wie Fels leider immer noch in regelmäßigen Abständen erwarten darf:

…she is going to lead??

Oh boy. Aber sonst sind die beiden ganz lieb.

Führerliteratur beschreibt sowas treffend als „Smear“ – die dünn überflossene und vereiste Platte in der 1. Seillänge

1. Seillänge (WI4)

Hannah stapft das kurze, steile Schneefeld am Wandfuß hoch und schwingt sich in die vereiste Platte. Der seichte Streifen Eis ist üppig eingepickelt und gibt einen Vorgeschmack auf den Rest der Linie: wirklich gute Tritte und tiefe Löcher / Aufleger bei nicht ganz einfacher Absicherung. An einzelnen Idealpunkten kriegt Hannah eine 13 Zentimeter Schraube platziert – wirklich viel geht nicht.

Dass die Touren vor einigen Tagen per Rjukan Ice Festival ordentlich Besuch bekommen haben ist kaum zu übersehen und macht die Kletterei erstmal einfacher. Der hinterlassene Schweizer Käse hat aber auch seine Tücken. Die Absicherung gestaltet sich in dem löchrigen Eis als ziemlich knifflig und richtig solide Schläge ins Eis sind in den dreidimensionalen und hohlen Strukturen kaum möglich. Stattdessen ist ein Groß der Route an Auflegern zu klettern, was wohl näher am Drytooling als am Eisklettern ist. Gut, dass wir Ersteres heuer völlig vernachlässigt haben.

Mit einem beherzten Runout im geneigteren Eis und Schnee erreicht Hannah den Standplatz auf der linken Seite der Rinne und holt mich nach.

2. Seillänge (WI4+)

Ich übernehme die Führung und quere das kurze Schneefeld an den Beginn des engen Eiskamins. Die dort stehende, löchrige Eissäule erinnert in ihrer Form und Optik ziemlich an die Crux im Dornröschen am Heimgarten – fällt aber ein gutes Stück länger aus.

Der Respekt wird rasch zu Genuss als ich eine ziemlich gute und massive Stelle für eine lange Eisschraube an der Rückseite des Pfeilers finde und feststelle, dass sich auch hier sehr fein an den bestehenden Strukturen klettern lässt. Der fast ein wenig überhängend abdrängende Aufschwung lässt sich per Spreizschritt auf die leicht vereisten Außenwände des Kamins überwinden und die folgenden etwas flacheren Meter haben Neuschnee bekommen unter dem sich gutes, teils beinahe softes Eis versteckt. Nach einer einigermaßen kurzen Seillänge taucht auf der rechten Seite des Kamins ein Standplatz auf, welchen ich beziehe um Hannah nachzuholen.

Das macht verstörend viel Spaß!

Auch Hannah ist inzwischen im Flow angekommen und der Weiterweg im engen Gully – der Teil, welcher bisher verborgen war – sieht ebenfalls sehr lösbar aus. Kurzum – es kommt sogar der Gedanke auf, dass wir hier ziemlich gut durchkommen könnten. Und das sogar wider Erwarten mit ziemlich viel Spaß und ziemlich wenig Stress. Gut, das letzte Wort hat immer noch die letzte Seillänge, die aus der Ferne ehrlich schaurig erschien. Aber bisher sind die Kapazitäten bei Weitem noch nicht erschöpft.

Es bleibt weihnachtlich

3. Seillänge (WI4+)

Hannah übernimmt den nächsten Vorstieg und arbeitet sich einen weiteren, schmalen Eisaufschwung empor. Wie auch in meiner Seillänge geht die Kletterei nie wirklich an die Substanz – auf steile Aufschwünge folgen stets Absätze und Vorsprünge um eine Pause zu machen oder sich um die Absicherung zu kümmern. Ein steiler Aufschwung an einem löchrigen Gerippe führt zu einem Schwenk nach rechts, wo es etwas weitläufiger und schneereicher zur Sache geht. Gut für’s Stapfen, ungut für die Absicherung.

Hannah bezieht den Standplatz an einer solide gefädelten Eissanduhr am Fuße der „Headwall“ und packt noch Schrauben zur Redundanz dazu. Tatsächlich hätte es ganz links etwas am Eis vorbei in einem düsteren Spalt auch einen gebohrten Standplatz geben. Somit sind alle Standplätze in der Route mit Bohrhaken eingerichtet – eigentlich Luxus für eine Eislinie. Nur bei sehr üppigem Eisaufbau kann ich mir vorstellen, dass besagter Standplatz unter dem Eis liegt oder schwer erreichbar wird. Wir übersehen ihn schlicht und einfach und sind mit unserer Lösung am massiven Fundament der Schlüssellänge auch nicht allzu unzufrieden. Sie ist bloß ein wenig exponiert gegen Eisschlag. Oder was einem halt sonst noch so entgegen fliegen könnte…

4. Seillänge (WI5)

Das ist eigentlich deine…

Die letzte Seillänge in der Draufsicht von der gegenüberliegenden Seite der Schlucht. Das Seil der beobachteten Seilschaft führt über Rechts unter dem großen Vorhang entlang. Wir sind stattdessen die linke Säule geklettert.

Eigentlich würde der Wechselführung folgend mir der Vorstieg der imposanten Schlüssellänge zufallen. Und tatsächlich traue ich mir dieses Stück Eis heute auch zu. Aber ich weiß auch, dass der Saboteur Hannah’s Wunsch und Träumchen war und es fast schöner wäre, wenn sie den Sack zu macht. Das Angebot fruchtet und Hannah entscheidet sich den Vorstieg durch das vertikale Finale zu übernehmen.

Ein Hauch von Unaufhaltsamkeit liegt in der Luft.

Wir nähern uns der Headwall von Links über eine gestufte Rampe. Und wenn ich wir sage, meine ich Hannah. Das Gelände ist zu Beginn noch relativ einfach und gleicht einem Vorbau. An guten Stufen und Löchern ist rasch der Absatz erreicht, an dem es wirklich imposant und anhaltend aufsteilt. Nicht mehr ganz so steil, wie es in der Draufsicht den Anschein machte. Aber steil genug um das anhaltendste und kräftigste Stückchen Eis unseres jungen Lebens zu sein.

Mit beeindruckender Ruhe arbeitet sich Hannah den sehr röhrigen und unten kurz beinahe überhängenden Pfeiler empor. Die teils filigranen und löchrigen Gebilde erlauben hier für mehrere Meter wirklich keine zu kräftigen Schläge mehr und Schrauben lassen sich auch nur an einzelnen Idealpunkten mittels Prinzip Hoffnung anbringen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dort oben hätte vorsteigen können. Wahrscheinlich nicht.

Hannah erreicht einen kleinen Absatz unter einem Felsdach und damit auch eine kleine Insel der Ruhe. Hier erlaubt das solide Eis eine wirklich gute Schraube und moderate Tritte eine kurze Entspannung für die Arme und Waden. Die folgenden Meter werden nochmal sportlich, das sehe ich auch von unten. Da der direkte Weiterweg durch ein Felsdach versperrt ist gilt es nach rechts um ein sehr exponiertes Eck auf die Hauptsäule zu traversieren, dort scheinen dann noch 3-4 senkrechte Meter zu warten bis sich das Gelände langsam zurücklehnt.

So eine Pause will natürlich genutzt werden und es dauert nicht lange, bis Hannah beim Zählen ihrer Eisschrauben feststellt, dass sie nur noch meine Petzl Schrauben am Gurt hängen hat. Das ist insofern problematisch, als dass die viel schwerer einzudrehen sind als die feinen Blue Ice Schrauben. Und die letzte der besagten feinen Blue Ice Schraube steckt gerade vor ihr im soliden Eis des gemütlichen Absatzes. Die Idee, hier noch in Ruhe eine Petzl Schraube einzudrehen und dafür die Blue Ice Schraube ins steile Finale mitzunehmen ist naheliegend. Hannah macht sich ans Werk und übersieht, dass auch das im Eis steckende Eigerät relativ naheliegend ist.

Eine Umdrehung später wird aus naheliegend nahefliegend.

Wie in Zeitlupe sehe ich das Eisgerät aus 20 Metern Höhe auf mich zu trudeln. Ein freier Fall ist es nicht – eher ein Hüpfen und Rutschen. Sensorische Überforderung stellt sich ein. Denn auf das folgende Dilemma hat mich das Leben noch nicht vorbereitet: Eigentlich weicht man fallenden Objekten aus – mit Eis- und Steinschlag habe ich das bereits einige Male üben dürfen. Dem Nomic – durchaus scharf und unberechenbar – würde ich grundsätzlich auch erstmal ausweichen wollen. Mir dämmert zeitgleich, dass ein Verlust des Gerätes aber auch alles andere als ideal ist und dass das Hüpfen und Rutschen neben mir in eine Schneerinne führen wird, in der ich den Pickel auf Abwegen wahrscheinlich sogar stoppen könnte. Konsequenterweise mache ich einfach gar nichts. Also weder Ausweichen noch Auffangen. Fast wie damals in der 4. Klasse beim Fußballturnier…

Bevor die Kindheitstraumata übernehmen besinne ich mich auf die anderen Seilschaften, die gewarnt werden wollen und brülle durch die kalte Vemork-Schlucht:

NOOOOOMIIIIIIIIIIIIC

Auch hier würde ich mir nächstes Mal vielleicht ein bisschen was Griffigeres überlegen, mit dem das internationale Publikum etwas anfangen kann. Das Gerät fühlt sich auf jeden Fall auch von dieser Rückrufaktion nicht angesprochen, springt über die Kante und verschwindet lautlos in der Schlucht. Dabei verfehlt es zum Glück auch die nachsteigende Seilschaft und etwaige Kletterer am Wandfuß. Auch unsere Freunde auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht bekommen den Vorfall mit – nicht aber ob das Nomic vielleicht auf einem erreichbaren Absatz gelandet ist. Gehen wir mal vom Totalverlust aus.

Mein erster Impuls ist: Sache gelaufen, Abseilen. Mit unseren – wahrscheinlich auch der Umgebungstemperatur geschuldeten – kühlen Köpfen hecken wir in kürzester Zeit aber einen viel vernünftigeren Plan aus, der wohl unseren zweiten und finalen Impuls darstellt.

Einfach pfiffig

Wozu ist man denn im Eis, wenn man dessen Vorzüge nicht nutzt. Hannah schraubt sich an Ort und Stelle einen Standplatz in die solide Säule und ich schließe zu ihr auf. Die Kletterei ist bereits bis zu diesem Punkt spektakulär steil und kräftig – einen Vorstieg hatte ich für heute nicht mehr auf der Bingokarte. Am Stand angekommen tauschen wir Material und ich bastel mich unter dem Dach heraus und über ein unfassbar luftiges Eck in den letzten steilen Aufschwung. Ein letzte, kurze Schraube wandert ins Eis und ein letztes Mal saust der Blick zwischen den Zacken der Steigeisen bis auf den Boden der Schlucht hinab. Dann wühle ich mich schon im zunehmend geneigten Schnee auf ein kleines Bäumchen mit einer Schlinge zu. Der letzte Standplatz, das Ende vom Sabotørfossen.

Hannah klimmzugt (und seilzieht) sich mit ihrem neugewonnenen Handicap hinterher und steckt wenig später ihren Kopf über die Kante zur Vemork-Schlucht. Außenstehend könnte man meinen, dass das allerhöchstens ein Happy-End zweiter Klasse ist. Das Innenleben spricht eine andere Sprache: was für ein Hammertag, was für eine Hammertour!

Abstieg

Wir verstauen unsere drei Eisgeräte und Seile und folgen den Begehungsspuren ein Stücken nach oben in den lichten Wald. Hier queren wir nach Links zum Kraftwerk, dessen abweisende Mauern rasch erreicht sind. Noch ein Stückchen weiter oben finden wir einen Durchschlupf unter den mächtigen Fallrohren die hier aus dem Nebel hinabziehen. Robbend gelangen wir in die Mitte der Fallrohre wo der Weiterweg vom Schnee versperrt ist. Ein Weiterkommen ist nun nur mehr oben – von Rohr zu Rohr – möglich. Wahrscheinlich ist das Abstiegsmanöver fast risikobehafteter als das Eisklettern selbst. Nur Nomics fliegen hier keine rum.

Wir erreichen den Wanderweg, der auf der linken Seite der Rohre entlangführt und steigen nun gemütlich und auf ganz offiziellen Wegen zurück zum Ausgangspunkt.

Ich hab (leider erst im Nachgang & konträr zum Guidebook) gelesen, dass der Fußabstieg nicht gerne gesehen wird, insbesondere wenn Eiskletterer über den Zaun ins Kraftwerk Vemork klettern. Ich würde zu unseren Gunsten sogar anführen, dass wir das gar nicht gemacht haben – die Mauer auf das eigentliche Gelände des Museums sind wir nämlich weiträumig umgangen. Für die eigene Planung ist das aber vielleicht ein zusätzliches Argument für die Abseilfahrt. Ich würde sie beim nächsten Mal ehrlicherweise auch bevorzugen – weniger mühsam ist sie allemal!

Zimtschnecke

Inspiriert durch unseren Ritt über den Sabotørfossen steigt nun auch die Seilschaft J&J ein und birgt unser Nomic, welches den Schnellabstieg unbeschadet überstanden hat. Wir kümmern uns inzwischen um die obligatorische Versorgung mit Feierabend-Zimtschnecken und erreichen einige Kalorien reicher pünktlich zum Finale den Aussichtspunkt auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht. Die beiden machen den Sack souverän zu – und das sogar mit vier Geräten.

Janos am Ende der Schlüsselstelle

Was bleibt sind die Erinnerungen an einen wahnsinnig flowigen Klettertag im löchrigen Eis und eine wahnsinnig lässige Linie. Die fast schon „Boulderhallen“-Bedingungen mit riesigen Tritten und Hooks hat es uns rein klettertechnisch wahrscheinlich ein wenig leichter gemacht und hatte mit Eiskletterei in seiner Reinform nicht so viel zu tun. Die Absicherung war dafür relativ knifflig und bestimmt nicht immer so solide, wie man sie sich in derart steilen Eisgebilden wünschen würde.

Und dass wir die Linie so genüsslich haben klettern können, macht uns dann doch ein bisschen stolz. Zumindest sehen wir in den Folgetagen auch noch Seilschaften, die sich in der Headwall gewaltig abmühen und sich viele Male mit gepumpten Armen in die kippeligen Schrauben setzen müssen. Hätte Hannah ihr Eisgerät nicht weggeworfen, wäre das eine runde Sache geworden. Und dann war es trotzdem eine runde Sache – denn so haben wir uns die Schlüsselstelle fair aufgeteilt. Eigentlich kann man nur gewinnen.

Teamwork makes the dream work


Schwierigkeit, Versicherung und Material

Wie immer im Eis extrem von den Bedingungen abhängig und fluide – weshalb ich diesem Abschnitt auch weniger Mühe zukommen lasse als bei Felsrouten. Wir haben den Sabotørfossen in relativ dünnen aber üppigst eingepickelten Verhältnissen angetroffen: in Sachen Kletterei hatten wir damit ein leichtes Spiel. Steiles Eisgerät-Aufleger-Bouldern kennen und lieben wir aus der Taschachschlucht. Durch den regen Ansturm auf die Linie wird man hier wahrscheinlich nur sehr selten wirklich unbearbeitetes Eis vorfinden – dann stelle ich mir aber insbesondere die Headwall deutlich härter vor. Nur die Absicherbarkeit hat unter dem Andrang ein bisschen gelitten. Die Suche nach wirklich brauchbaren und soliden Plätzen für Eisschrauben ist in den löchrigen Skeletten der ohnehin schmalen Säulen ein bisschen aufwendiger ausgefallen. Dass alle Standplätze gebohrt sind hilft hier enorm – es ist wirklich nur für Zwischensicherungen zu sorgen und mit etwas Mut zur Lücke kommt man in den sehr kurzen Seillängen auch mit relativ wenigen Schrauben aus.

60 Meter Halbseile machen definitiv Sinn und Spaß, wenn man schnell wieder abseilen will – eine (oder mehrere) Bandschlingen für die eher zarten Bäumchen am Ausstieg sollten auch am Gurt hängen. Ansonsten braucht es neben der üblichen Eisausrüstung und einigen Schrauben (ggf. mit etwas Fokus auf 13cm statt 16cm) nur gute Verhältnisse, keine zu lange Schlange und eventuell einen frühen Start um letztere zu vermeiden.

Wandbild
Grobe Übersicht über den Routenverlauf und die gebohrten Standplätze
Zusammenfassung

Eines meiner tollsten Eiserlebnisse bisher. Die Linie – richtig geil. Der Nimbus – vorhanden. Das Eis – naja. Der Flow – unbestreitbar. Dazwischen waren es vor allem die düstere Ausstrahlung der Schlucht und die vielseitige Kletterei, die mich fasziniert haben. Der Ausstieg über und durch das historische Kraftwerk Vemork und der stille Mix aus Regen, Graupel und Schnee runden den abenteuerlichen Tag ab. Die abendliche Zimtschnecke versöhnt mit etwaigen Mühen und Strapazen – die heute aber überraschend gering ausgefallen sind.

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