Kletterblog & Berggeschichten
Zugspitze (2962m) via Eisenzeit (IV-)
Zugspitze (2962m) via Eisenzeit (IV-)

Zugspitze (2962m) via Eisenzeit (IV-)

Literatur: Panico Alpinkletterführer Wetterstein Nord*

Ich hab keinen Bock auf diese Geschichte

Halo, Zugi!

Ja warum denn gleich wieder so negativ starten, wenn es doch offensichtlich um den ganz heißen Sch**ß an Deutschlands Nummer Eins geht?

Nun…der Tag in der Eisenzeit hat bei Hannah und mir deutliche Spuren hinterlassen. Nicht wegen der moderaten Kletterei oder der Wegfindung. Nicht wegen den Schneeresten, einer Harakiri-Leiter oder den überschaubaren körperlichen Strapazen. Nicht wegen der Größe der Wand und auch nicht wegen dem halbnackten Cowboy am Gipfelkreuz. Die Abgründe, die uns auch Monate nach der Begehung noch beschäftigen sind zum ersten Mal in meinem Leben nicht die des Berges.

Dabei begann alles so unglaublich flowig, ruhig und perfekt!

Einen Bericht zu verfassen, der der Eisenzeit als wirklich faszinierende Linie mit spannender Geschichte gerecht wird und gleichzeitig die Ereignisse des Tages möglichst neutral aber bestimmt wiedergibt, wird eine viel größere Herausforderung als die Tour selbst. Ehrlicherweise – ich habe mich jetzt viele, schöne Monate davor gedrückt. Und entsprechend lang wird dieser Bericht von einem Oktobertag auf der Schattenseite der Zugspitze wohl werden. Wer schnelle Impressionen oder griffige Topos sucht ist hier wahrscheinlich falsch.

Die Eisenzeit

Blick in eine sommerliche Eisenzeit – einige Jahre zuvor

Lesenswert ist zunächst vor allem die Dokumentation, Entstehungsgeschichte und die Gedanken von Erschließer Michael Gebhardt zur Eisenzeit, die ich hier gar nicht in voller Breite wiedergeben möchte. Denn die Linie hat ihre eigene Website bekommen, welche perfekt für sich selbst spricht. Hier lernen wir auch, was ausgerechnet eine Marketingveranstaltung von Adidas mit der Führe zu tun hat und warum die Schlüsselstelle in ihrer ursprünglichen Form gar nicht mehr existiert obwohl sich am Fels wenig geändert hat.

In Summe bleibt eine „Kletterlänge“ von 1,2 Kilometern in einem grob 800 Meter fassenden Wandbereich zwischen Großer Riffelwandspitze und Zugspitze. Die Eisenzeit führt dabei zunächst durch die alten Steiganlagen der Tunnelbauer der Zahnradbahn bis zum geräumigen Tunnelfester 4. Dass hier bereits ab 1928 eine Infrastruktur durch Deutschland’s höchsten Berg erschlossen wurde, die noch heute Verwendung findet, ist schier unglaublich. Die Arbeiten an und im Berg forderten zu der Zeit aber auch 10 Menschenleben.

Der zweite Teil der Eisenzeit folgt dann einem neuen Weg, der fast 100 Jahre nach dem Bau der Tunnelfenster ausgearbeitet wurde. Er ist im wesentlichen eine lange Quergung, die einen gewaltigen Riss überlistet, an die Zugspitze heranführt und dann deutlich unter ihrem höchsten Punkt auf dem NO-Grat endet. Praktischerweise befindet man sich hier aber nur wenige Höhenmeter über dem Höllental-Klettersteig, welcher einen Weiterweg zum goldenen Gipfelkreuz ebnet. Weder die Tunnelbauer noch die Erschließer der Eisenzeit konnten ahnen, wie viel Verkehr in Zukunft in dieser rauen Wandflucht herrschen wird.

THE NORTHFACE!

Bergsport auf Instagram und Youtube

Wir kommen heute leider auch nicht um einen längeren Prolog herum, der mit den Bergen gar nicht so viel zu tun hat. Wir müssen kurz über Bergsport – und besonders seine Darstellung in der breiten Öffentlichkeit reden. Zunächt muss, kann und darf man mir selbst jugendliche Naivität vorwerfen! Denn ich bin lange kein „alter Hase“. Über den Kamm geschert bin ich ein klassisches Kind des Corona-Outdoor-Hypes um 2020, welcher wohl vielen der echten alten Hasen eine Karotte im Auge sein dürfte.

Ich betone das hier direkt, weil ich mich in keiner Passage dieses Textes zu einer allwissenden Instanz aufspielen möchte, welche zu Urteilen befähigt ist oder in irgendeiner Form besser ist. Auch habe ich mir die nagende Frage ob ich selbst Teil der Lösung oder Teil des Problems bin noch gar nicht abschließend beantwortet. Aber ich versuche es intuitiv mit Ehrlichkeit und Transparenz am Berg – und alleine das macht mich schon ein bisschen zum Antagonisten derer, die in dieser Geschichte noch einen spektakulären Gastauftritt hinlegen dürfen und den Tag in der Eisenzeit für uns mitgestaltet haben 🙂

In den 5 Jahren, die nun seit meinen ersten Wanderungen im Voralpenland verstrichen sind haben sich die Bergwelt und ihre Besucher in meiner Wahrnehmung rasant gewandelt. Das ist nichts Neues oder Schlimmes und zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Bergsteigerei und Kletterei. Als prominenter Streitpunkt sei hier der Bohrhaken und seine Daseinsberechtigung in den großen Wänden der Alpen genannt. Auch Jahrzehnte nach seiner Einführung kann man in den richtigen Kreisen ausgiebigst darüber debattieren und wird wahrscheinlich nie eine uniforme Lösung finden.

Heute scheinen die Probleme viel weiter vom Berg weggerückt zu sein – was wohl im Einklang mit der allgegenwärtigen Abstrahierung unserer Realität geschieht. Wie gerne würde ich mich hier über so etwas greifbares und handfestes wie einen Bohrhaken streiten: Das Ding kann man anfassen. Man kann ungeniert drauf zeigen. Im Zweifel auch mal mit einem Hammer draufhauen oder die Flex ansetzen. Ich bin vor einigen Jahren in eine Bergsport-Blase eingestiegen, deren Kontroversen und Diskussionen der Youtube-Boom ab 2018, der verfälschende Fisheye-Effekt von den ersten GoPros und die Verwendung von Apps zur Tourenplanung waren. Beinahe nostalgische Erinnerungen bei denen ich mich mit meinen zarten 28 Jahren schon reichlich alt und grau fühle.

Die Sache mit dem Ragebait

Die jüngste Erfindung der Menschheit ist wahrscheinlich der Ragebait. Er ist mal offensichtlich, mal ziemlich subtil aber sein Ziel ist immer das das Selbe: Wut und Empörung auslösen, die dann in Form von Interaktion zu Wachstum und Profit führt. Brillant. Jeder aufklärende Kommentar, jeder gut gemeinte oder im Sinne der Sicherheit abgegebene Hinweis spült Engagement und Aufmerksamkeit als virtuelles Gold in die Kassen eines Creators. Je kontroverser der Inhalt, desto effektiver seine Wirkung.

Im Glauben, wichtigen Widerstand zu leisten, spielen auch schärfste Kritiker und Gegner dem Empörenden in die Hände und verbessern dessen Reichweite. Der Algorithmus bewertet nicht den Kontext, in dem ein fragwürdiger Inhalt geteilt wird. Leite ich meinen Freunden ein Video weiter mit dem Vermerk sowas sollte verboten werden, dann habe ich aus Sicht von Instagram & Co trotzdem nur eines getan: den Beitrag durch das Teilen als relevanten Inhalt für andere mit meinem Interessenprofil markiert. Und das Rad dreht sich fröhlich weiter.

Die gute Intention nährt die schlechten Absichten…

Diese neue Art ist auch längst keine Randerscheinung, die sich nur in für den Bergsport irrelevanten Nischen abspielt: Spitzenkletterer Magnus Mitbø demonstriert mit einem fast schon aufdringlich naiven Hochglanz-Video einer reichlich unsouverän (dargestellten) Matterhorn-Begehung wie Ragebait funktioniert und provoziert damit Einordnungen und Reaktionen von anderen Größen im Bergsport die ihrerseits den Erfolg der ursprünglichen Videos befeuern und gleichzeitig selbst an dessen Kontroverse mitverdienen. Zeitungen und die Bergwacht kritisieren öffentlich einen TikTok-Alpinismus und liefern damit eine passende Beschreibung für eine Spielform des Bergsteigens, die längst bei uns Einzug gefunden hat und auch schon einige junge Menschenleben auf dem Gewissen haben dürfte. Videos von Nahtoterfahrungen und Beinahe-Unfällen gehen viral – der Prefix „Ohne Erfahrung auf …“ ist ein Garant für Aufmerksamkeit. Sebastian Lobinger von der AlpenAcademy findet sogar Stoff für ein ganzes Buch mit dem Titel Social Alpinism und bezeichnet seinen Text als Grundlage für eine längst überfällige Debatte. Mutmaßlich seriöse Bergsportmarken unterstützen neben Top-Athleten auch reine Ragebait-Produzenten mit Materialspenden und haben scheinbar nur Augen für die explosive Reichweite und eine neue Zielgruppe.

Guten Morgen am Riffelriß

Zurück ins Wir und Jetzt

Eigentlich hatten wir für diesen Tag etwas Größeres im Wetterstein geplant. Eine Idee, die mich für Wochen schon in Tagträume hat abschweifen lassen. Dass es dann doch die Eisenzeit wurde ist eine sehr spontane Fügung, nachdem die für Plan A essentiellen Flugbedingungen nicht zweifelsfrei abzusehen waren und der Tag mit etwas diffusem Herbstwetter möglicherweise ohnehin keine richtig große Tour zulassen würde.

So richtig hoch im Kurs stand der letzte für uns noch offene „Normalweg“ auf die Zugspitze bei uns ohnehin nicht: der Nimbus und die Faszination einer Eisenzeit erschließt sich nicht sofort, wenn man sonst von wunderschöne Kletterwänden, Eisfällen und Berggestalten träumt, die über den ganzen Alpenbogen verstreut liegen. Direkt unter der Gondel durch eine brüchige Flanke zu krabbeln, die gewiss nicht die Nordwand der Zugspitze ist und auch gar nicht direkt auf deren Gipfel endet muss man erstmal argumentiert kriegen, wenn man um die ehrlich beeindruckenden Kletterwände im übrigen Wettersteingebirge weiß.

Das soll die Führe und die Mühen der Erschließer überhaupt nicht schmälern. Im Gegenteil – historisch ist der Anstieg extrem interessant und in dieser Form auch einmalig. Aber setzen wir uns wirklich mit der Geschichte auseinander, wenn wir in die Wand mit dem klingenden Namen einsteigen? Oder wollen wir einfach den „schwersten Weg“ zur Zugspitze abhaken – der objektiv bestimmt nicht der Schönste ist?

Die Eisenzeit ist in meiner Wahrnehmung auf jeden Fall nicht die Kingline des Wettersteins. Sie behält diesen Ruf nur in einem kleinen aber medienwirksamen Kreis, dessen Horizont aber ohnehin am benachbarten Höllentalferner zu enden scheint und dann erst drüben am Glockner wieder beginnt. Die Eisenzeit ist auch nicht der schwerste Weg auf die Zugspitze. Aber was weiß ich schon.

Zustieg von der Station Riffelriß

Da wir ohnehin noch den Saisonpass haben, sparen wir uns ein paar der Höhenmeter und nehmen die erste Zahnradbahn zum Bedarfshalt Riffelriß direkt vor der Einfahrt in den Tunnel. Dort angekommen folgen wir dem Steig hinauf in Richtung Riffelscharte, biegen aber noch deutlich vor Betreten des Schotterfeldes vom ausgetretenen Hauptpfad ab und halten uns gen Sprengbahnhäuschen. Unter einem markanten Block setzen wir die Helme auf (wichtig) und schlüpfen in die Gurte (noch nicht so wichtig). Still ist es hier oben. Die grauen Wände gehen direkt in einen bleiernen Himmel über. Die Wandersaison ist schon vorbei – oben hängt bereits der erste Schnee in der Wand. Nur die bunten Bäume unter uns bringen ein wenig Farbe in die sonst recht trübe Kulisse.

Gamsbänder & Gamseck

Wir verlieren nicht viel Zeit und folgen dem Pfad und dem Metallschrott auf das markante Gamsband. In der Draufsicht sieht das alles recht exponiert und abschüssig aus – ist es nüchtern betrachtet wahrscheinlich auch. Der Steig ist aber so fein ins Gelände getreten, dass sich mit etwas Achtsamkeit relativ entspannt hinüber zum Bayerischen Schneekar queren lässt. Ein stabiler Tritt auf splittrigem Untergrund ist dafür aber dringende Voraussetzung – die Seilversicherungen sind Museumsstücke und dürfen auf keinen Fall als Absturzsicherung missverstanden werden.

An das regelmäßige Vorbeigleiten der Gondel hat man sich auch rasch gewöhnt und so steht einem genüsslichen Marsch durch die große Wandflucht gar nicht mehr so viel im Wege. Wir kommen gut voran und erreichen rasch das Gamseck, einen markanten Wendepunkt an dem sich das Gelände schlagartig ändert.

Über dem Eck – früher auf Grund eines hinterlassenen Schraubenschlüssels als „Schlüsselstelle“ bezeichnet – öffnet sich eine weite, homogen geneigte Felsflanke. Ganz oben wacht der Strahler über sie, der wie eine Mondlandefähre auf einem kleinen Absatz in der Wand geparkt wurde und den nächsten kleinen Meilenstein darstellt. Die große Flanke lässt sich zügig durchsteigen und gibt dabei keinen exakten Weg vor. Allerdings geht es – wie so oft – entlang der offensichtlichen Steigspuren am leichtesten. Die Tunnelbauer haben hier einen in vagen Serpentinen verlaufenden Steig in den teilweise plattigen Kalk geschlagen, welcher auch heute noch leicht nachvollzogen werden kann und selten wirkliche Kletterei erfordert. Dieser Steig wird nach oben immer deutlicher – aber auch zu Beginn liegt man mit dem Weg des geringsten Widerstandes nicht wirklich falsch.

Die Ausgesetztheit hält sich weiterhin in Grenzen – während die Größe der Umgebung mit den zurückgelegten Höhenmetern aber durchaus imposante Dimensionen annimmt. Es ist wunderschön sich so schnell und frei durch eine so gewaltige Landschaft bewegen zu dürfen. Ein Segen nach einem Sommer, in dem ich mich um einige körperliche Baustellen sorgen musste.

Fels, Stille, kalte Luft.

Wir gelangen in den perfekten Flow und folgen leise und andächtig dem Steiglein in die große, fahle Felsflanke.

Die lange Flanke zum Sendemast bietet mehrere Wege an – der Leichteste ist aber stets offensichtlich und führt in Serpentinen an die Harakiri-Leiter heran.

Unterhalb des Strahlers wird die Wand allmählich etwas steiler und der Steig ein wenig kühner. Bis an einer steilen Rinne eine andere, menschengemachte Lösung her muss:

Die Harakiri-Leiter

Ein erstes Highlight ist die Harakiri-Leiter. Die etwas zweifelhafte Konstruktion hängt ziemlich verloren im weiten Grau über dem Eibsee und wird früher oder später wohl die Fahrt ins Bayerische Schneekar antreten. Einschlägige Empfehlung ist es die fragile Leiter mit Seilsicherung zu überwinden. Dafür gibt es an ihrem Anfang und an ihrem Ende einen Bohrhaken. Schaut man sich an, wie die Leiter an ihrem Ausstieg aufgehängt ist, macht das auch definitiv Sinn. Zwar scheint es noch unübersichtlich viele Kontaktpunkte zum Fels zu geben, die Leiter ist sogar kontrolliert belastbar. Schaut man sich die Verankerungen aber aus der Nähe an, so wird schnell klar, dass man sein Leben hier nicht zwingend auf die Waagschale werfen muss.

Dass wir die Leiter trotzdem frei angehen liegt vor allem daran, dass wir gerade ziemlich im Rausch des Kraxelns sind und in der Rinne direkt neben der Leiter einen Aufstieg erahnen, bei dem wir die Harakiri-Leiter stets nur als einen von drei Punkten benötigen. Das klettert sich dann aber steiler, anspruchsvoller (ca. IV) und ist – machen wir uns nix vor – unnötig riskant. Die Passage – wenn auch nur kurz – ist wirklich ausgesetzt.

Über der Leiter geht’s in den gewohnten Serpentinen dem Strahler entgegen, der wenig später erreicht ist. Ein wirklich kurioses Platzerl über der Karibik Bayerns, welches wir eine Stunde nach Anlegen der Helme erreichen. Da wir die Eisenzeit ohnehin für uns allein zu haben scheinen und bisher fein in unserem Zeitplan liegen, lassen wir uns auch nochmal zu einer kurzen Pause hinreißen bevor es weiter in Richtung Tunnelfenster 4 geht.

Die Mondlandefähre über dem Eibsee

Nische (IV-)

Direkt über dem Strahler führt der Steig in eine markante Nische, aus der ein kleines – höchstens 3-4 Meter messendes – Wändchen mit Metallstiften herausführt. Hier wartet tatsächlich eine der nominellen Schlüsselstellen – also mal kein Scherz mit einem Werkzeug sonder wirklich ein paar Züge in etwas schwierigerem Fels. Da die Nische einen recht ebenen Boden hat und erst mit etwas Abstand zur Wand in eine brüchige Rinne abbricht entsteht auch hier kein wirklicher Eindruck von Exposition. Ohne lange zu fackeln gehen wir auch diesen kleinen Aufschwung seilfrei an.

Die Nische – ein kurzweiliger Moment im unteren 4. Grad

Auch das geht sich fein aus. Robuste Griffe wollen gesucht werden – sind aber eigentlich in ausreichender Zahl und Größe vorhanden. Das Wändchen ist mit vielen, positiven Leisten besetzt und lässt sich kraftschonend und mit wenig Dynamik klettern. Bereits nach 2 Metern wartet ein Absatz und leichteres Gelände. Der Flow bleibt gewahrt, die Nerven werden kaum strapaziert. Bisher löst sich die Eisenzeit absolut in Wohlgefallen auf und vereint klassisches Wetterstein-Bergsteigen mit den geschichtsträchtigen Überbleibseln vergangener Tage.

Ein wenig irritieren tut mich aber das Poltern von Steinen und – so scheint mir – leise Stimmen aus der Wand über uns. Hannah bekommt das nicht mit und bleibt bei der Meinung, dass wir die Wand für uns haben. Hätte sie bloß Recht gehabt.

Eine Leiter rauf, eine Leiter runter. Und schon stecken wir unsere Köpfe über die Kante zu den Tunnelfenstern, die mit scharfen Augen schon vom Parkplatz am Eibsee auszumachen sind.

Zeit für Pistazien-Schoki!

Tunnelfenster 4

Dass die Tunnelbauer hier einst über längere Zeit lebten ist zu Zeiten von Arbeitsschutzgesetzen schwer zu fassen. Viel Platz ist hier nicht und doch waren hier Unterkunft, Kantine und Büros in den Fels geschoben worden um zur Fertigstellung des Tunnels auch aus dessen Mitte heraus zu arbeiten. Heute gibt es hier nur noch wenige Überbleibsel aus dieser Zeit, die Stollen haben den Charme einer heruntergekommenen Bushaltestelle. À propos Bushaltestelle. Die Zahnradbahn donnert direkt hinter Tunnelfenster 4 in regelmäßigen Abständen durch den Berg. Sollte man in der Eisenzeit irgendein Problem bekommen – etwa mit dem Wetter – so sind die Tunnelfenster ein sicherer Rückzugsort und möglicher Ausgangspunkt für eine Rettung auch bei Nicht-Flugwetter. Aber das steht ja ohnehin in den meisten Topos und ist Grundlage der Tourenplanung.

Oder?

Nach einer kurzen Rast durchqueren wir die Stollen zum letzten Fenster und steigen dort wieder hinaus in die weite Wand. Hinaus aus der kurz einlullenden Sicherheit einer kuscheligen Höhle. Hinein in eine große Bergwelt und einen nun deutlich schneereicheren Weiterweg. Zur Feier des Tages wechsle ich hier auch auf meine schweren Bergstiefel, die ich bisher als Bonusgewicht im Rucksack dabei hatte und mir so lange wie möglich aufsparen wollte. Ich hab nämlich so ein Ding mit den Sprunggelenken. Irgendwas ist immer.

Weiterweg nach den Tunnelfenstern (II)

Die Eisenzeit ändert nun erneut die Richtung. Hier wechseln wir vom historischen Steig der Tunnelbauer auf die neue Führe, welche Tunnelfenster 4 mit dem Ausstieg auf dem Riffelwandkamm verbindet. Während es bisher stets relativ direkt aufwärts ging, prägen nun weitläufige Querungen den Verlauf der Führe. Denn eigentlich krabbeln wir gerade noch am falschen Berg herum und müssen ein gutes Stück in Richtung Zugspitze aufschließen.

Falls man sich in der Eisenzeit einen Verhauer leistet, dann wahrscheinlich hier. Kurz steil über eine kleine Rampe aus dem Tunnelfenster herausgestiegen öffnet sich durchwegs abschüssiges Gelände in dem die offensichtlichen Begehungsspuren etwas rarer werden. Hier hilft wirklich nur wachsam bleiben und auf Steigeisenspuren, die wenigen Haken und die Landschaft zu achten. Zunächst folgen wir noch den logischen Rampen und Bändern nach rechts bis links ein Stück in direkter Kletterei hoch zur Plattenquerung aufgestiegen werden muss. Zur Orientierung dient ein halbwegs markantes Plattenschild, welches von einem horizontalen Wulst bzw. Überhang durchzogen wird. Dieses ist nicht zu durchsteigen – wären vermutlich die lohnensten 10 Meter Fels in der ganzen Wand und irgendwo im 7. Grad – aber darunter befindet sich ein Bohrhaken der als Standplatz für die Plattenquerung dient.

Plattenquerung (III+)

Wir sind weiterhin seilfrei unterwegs gewesen und bauen im Angesicht der nun deutlich vereisten Platten und des etwas penetranteren Tiefblicks auf die Seilsicherung um. Weniger deutlich sind die Bohrhaken im gleichfarbigen Kalk. Aus der Plattenquerung wird eine Bröselquerung und ich verzichte auf einen eigentlich gut platzierten Haken am Weg indem ich die stelle deutlich zu hoch im splittrigen Fels überklettere. Als ich den Fehler bemerke gerate ich rasch wieder auf Kurs und biege ums Eck in die Situation, die den weiteren Verlauf der Eisenzeit ein wenig überlagern soll.

Direkt vor der Querung durch die große Schlucht laufe ich in ein für mich erstmal etwas skurriles Bild hinein. Vom nächsten Stand weg befindet sich eine Seilschaft im Vorstieg. Soweit nichts Ungewöhnliches. Daneben sitzt ein einzelner Bergsteiger – offensichtlich ungesichert – auf einem gefrorenen Häufchen Schutt und guckt in die Ferne. Also doch noch etwas Betrieb hier. Ich interpretiere die Konstellation so, dass der ungesicherte Bergsteiger wohl ein Sologänger sein wird, der auf die Seilschaft aufgelaufen ist und auf der luftigen Rampe kein Überholmanöver machen kann.

Ich schließe zum Standplatz auf, sag allen Beteiligten nett Hallo und übe mich im Smalltalk. Aufgrund subtiler Sprachbarrieren eher in Englisch.

Und du bist solo unterwegs?

Ja hätt ich wohl gern so. Stattdessen gibt er an sich die Hand verletzt zu haben und einen Helikopter zu brauchen. Die ihn in der Wand sitzen lassende Seilschaft sind seine Gefährten, mit denen er in den Tunnelfenstern biwakiert hatte und mit der er als 3er-Seilschaft aufgestiegen ist. Ich gucke hoch. Brüchige Überhänge. Gar nicht mal so ein feiner Ort um einen Helikopter kommen zu lassen. Wir sind doch direkt neben den Tunnelfenstern?

Besagte Handverletzung kriegen wir gar nicht richtig konkretisiert, jede Nachfrage und jedes Angebot der Hilfe trifft auf wenig fruchtbaren Boden. Ob er sich nicht wenigstens mal am Standplatz sichern will? Ob’s denn nicht eine Überlegung wert wäre zu den Tunnelfenstern zurück zu seilen? Eigentlich wären mit uns einige Bergetechniken am Start und ich bin mit meiner VDBS-Ausbildung zum Bergwanderführer speziell in alpiner Erster Hilfe auch nicht völlig fehl am Platz. Als Hannah zu mir aufschließt versucht sie es auch erst mit Krisenmanagement und dann nochmal mit Pistazien-Schokolade. Beides wird abgelehnt.

Bro, du verpasst was.

Überfordern tut uns nicht die Situation an sich, sondern die vorherrschende Beratungsresistenz und etwas unangenehme Tatsache, dass die anderen beiden sich begleitet vom lautstarken Poltern diverser Steine aus dem Staub machen und den Kollegen in der Wand sitzen lassen. Die bei ihrem Ex-Seilpartner vergessenen Steigeisen soll ich mitnehmen. Ich hake mal vorsichtig nach, ob denn die Bergwacht Grainau schon informiert ist?

No, I don’t have service

Prächtig. Erst auf mehrfaches Drängen versucht er es nochmal, kommt durch und gibt den Rettungskräften eine sehr unpräzise Lagebeschreibung: Irgendwas mit Zugspitze, Northface und Helikopter. Ja dann ist ja alles klar.

Hannah und ich haben inzwischen festgestellt, dass wir uns wahrscheinlich nicht der unterlassenen Hilfeleistung strafbar machen, wenn wir die Situation wieder ihrem natürlichen Laufe überlassen. Wir nehmen uns aber vor der Bergwacht nochmal eine brauchbarere Ortsbeschreibung zu geben, falls sich in den nächsten Minuten nichts tun sollte.

Tills Rampe (III)

Hannah steigt die Rampe vor, die in kurzen Passagen sogar ganz schön zu Klettern ist. Der Standplatz und der Rinne ist zum Glück überdacht und wir warten bis die Seilschaft vor uns deutlich über diese Seillänge hinweg ist. Die beiden klettern so achtsam wie ein Mähdrescher.

Zweite Schlüsselstelle & Rinne (IV-)

Ein kurzes, brüchiges Wändchen ist steil zu erklettern und mündet in einer etwas seichteren und griffigen Rinne. Der Fels ist gar nicht mal so mies, wie ich nach dem eben beobachteten Spektakel vermutet hatte. Speziell am Ausstieg sind ein paar Tritte und Griffe zu prüfen, es lässt sich aber definitiv ohne Ausbruch von Steinen durch die Rinne steigen. Dieser ist hier besonders kritisch, weil er direkt in die Flanke hinter dem Gamseck einschlägt in der sich nachkommende Seilschaften im Zweifel seilfrei bewegen.

Geröllfeld

Wir erreichen flacheres Gelände und stapfen am über den relativ üppigen Schnee gleitenden Seil über Bänder in das, was bei sommerlichen Bedingungen wahrscheinlich ein recht rustikales Geröllfeld ist. Bei einer reinen Sommer-Begehung würde man hier wahrscheinlich auch einiges in Bewegung setzen und ist wahrscheinlich besser beraten, wenn man das Seil kurz wegpackt. Das relativ leichte und weitläufige Gelände erlaubt das. Zeit den Blick schweifen zu lassen.

Da wäre der herrlich blaue Eibsee. Und davor – reichlich cinematisch – ein gelber Rettungshubschrauber, welcher in mehreren Anläufen versucht den verunfallten Bergsteiger per Winde aus der Wand zu holen. Als kleine Erinnerungsstütze an diesen Bergmoment helfen die epischen Aufnahmen, die nur wenige Stunden nach der Bergung auf Instagram viral gehen und die von der Seilschaft vor uns perfekt eingefangen wurden. Aber das wissen wir zu dem Zeitpunkt noch gar nicht und es überwiegt Erleichterung über die gelungene Rettung – auf die hoffentlich auch eine gute Besserung und baldige Genesung folgte.

Schwarzer Wulst (III)

Aus dem Geröllfeld heraus vollzieht die Eisenzeit nochmal einen Schwenk nach rechts und sucht sich auf dem Weg zu Grat tatsächlich nochmal ein paar sehr schöne Klettermeter. Die markante Querung unter dem Schwarzen Wulst gestaltet sich auf der vereisten Platte als vergleichsweise anspruchsvoll, ist aber ausreichend abgesichert und landschaftlich herrlich imposant. Es liegen inzwischen doch einige Meter schattiger Fels zwischen uns und den bunten Blättern im sonnigen Tal. Hier treffen wir auch wieder auf die Seilschaft vor uns und ich kriege noch die Steigeisen übergeben, die ich seit Till’s Rampe am Gurt baumeln habe. Ein Happy End.

Ausstieg (II-III)

In zwei Seillängen überrascht die Eisenzeit nochmal mit schöner und fester Kletterei im homogen dritten Grad. Speziell oben raus ist die Kletterei für die Schwierigkeit überraschend steil und henklig. Macht Spaß – und beflügelt mit dem hier maximalen Tiefblick ins bayerische Schneekar durchaus die Sinne – zumal die Hakenabstände nicht zu eng gewählt sind.

Der Schnee auf den positiven Absätzen stört nicht wirklich – wir kommen bei den heute vorherrschenden Bedingungen ohne Steigeisen und Handschuhe durch die Tour. Als richtige Winterbegehung – wie sie relativ häufig gemacht wird – ist die Eisenzeit bestimmt nochmal eine andere Hausnummer. Insbesondere wenn man die Spur in die Wand legen darf.

Hannah auf den letzten Metern zum Grat
Abseilstelle

Am Grat angekommen werfen wir relativ flott das Seil von der offensichtlichen Abseilstelle, seilen 30 Meter ab und klettern die letzten Meter zum Klettersteig ab. Empfehlenswert ist das nicht – es lohnt schon sich die Zeit zu nehmen und die zwei Abseilstellen zu nutzen. Aber mit der summenden Drohne der anderen Seilschaft im Nacken gab es auf dem Grat auch nicht mehr viel zu holen.

Achtet hier bitte bloß auf Klettersteiggeher im Höllental, die in der Regel keine Seile von oben erwarten und auch mit dem Kommando „Seil“ nicht zwingend etwas anfangen können.

Abseilfahrt ins Höllental

Wir finden den Klettersteig sehr leer vor – kein Wunder bei den bereits eher winterlich anmutenden Bedingungen und der sehr fortgeschrittenen Bergsaison.

Höllental-Klettersteig

Über Eis und Schnee folgen wir dem Höllental-Klettersteig für weitere 350 Höhenmeter auf den Gipfel der Zugspitze. Inzwischen haben sich dünne Zirren über die Sonne geschoben und tauchen die prächtigen Wettersteingrate in ein trübes Licht aus dem der teils rot-gelb verwitterte Kalk wunderschön hervorsticht.

Wenig später erreichen wir den höchsten Punkt und sparen uns den Marsch zum Gipfelkreuz. Heute ist von Chihuahua, über Sandalen und einen oberkörperfreien Mann mit Cowboyhut wieder Einiges geboten, was man am besten bei einem Cappuccino durch die Scheiben des Panoramarestaurants genießt.

Mit mir macht das bunte Treiben am Dach Deutschlands heute überhaupt nichts. Die ewigen Debatten über das „Recht“ das kleine Stück zum Gipfel aufzusteigen drehen sich im Kreis und das goldene Kreuz und seine Besucher sind definitiv nicht das, was mich heute sorgt.

Ihr macht das schon
Das einzige Gipfelkreuz des Tages
Abfahrt

Die Gondel bringt uns schnell wieder zum Eibsee. Der Blick wandert nochmal aus dem Fenster in die Eisenzeit, welche mit einer kleinen Spur geziert wird und deren markante Einzelstellen nun mit einer eigenen Erfahrung versehen sind. Eine wirklich große und spannende Führe durch eine unübersichtliche Wand – dem Entdeckungsdrang der Erstbegeher sei Dank!

Und doch sind die Gefühle zum heutigen Tag bereits jetzt ziemlich gedämpft. Irgendwie beschäftigt uns der Vorfall an Till’s Rampe und der vorherrschende Umgang damit. Hätte ich einen tatsächlich verletzten Seilpartner ungesichert in der Wand sitzen lassen und dann von oben mit der Kamera draufgehalten um die Helikopter-Rettung einzufangen? Wer mich kennt, weiß die Antwort. Wer mich nicht kennt vermutlich auch. Irgendwie hat sich alles an diesem Notfall völlig kontraintuitiv für uns angefühlt.

Ein Blick zurück – das Geröllfeld, der schwarze Wulst und die Ausstiegslängen

Noch in der Gondel erzähle ich Hannah, dass mich das heute irgendwie an eine Gruppe erinnert, deren oft sehr gleichförmige Inhalte mir zunehmend in den Instagram-Feed gespült werden. Irgendwas mit Bro, Arcteryx-Outfits am Münchner Hauptbahnhof und Pinguin-Mindset.

Pünktlich zum Abendessen wird mir tatsächlich zufällig ein Videoschnipsel eingespielt, der mir bekannt vorkommt. Ein Nachstiegssturz mit Hochtourenpickel auf schneefreiem Fels in der Plattenquerung. Heute gefilmt – in der Eisenzeit. Auch die mehrfache Verwertung des heute entstandenen Bergrettungs-Content lässt nicht lange auf sich warten. Die Storyline in dem (inzwischen gelöschten) Video ist leicht zusammenfasst:

Wir machten die Zugspitze über IHRE HÄRTESTE ROUTE. Die NORDWAND. Dort fanden wir eine bewegungsunfähige Person vor und haben selbstlos die Bergwacht alarmiert. Epische Musik, schnelle Schnitte. Die Route war BRUTAL. Dann waren wir zu spät dran um es noch auf die Zugspitze zu schaffen und mussten durchs Höllental absteigen, Eis abräumen und auftauen um an Trinkwasser zu gelangen und haben am Ende aber doch irgendwie über den Berg gesiegt.

Naja. Auf jeden Fall waren wir die ganze Zeit hinter den Beiden und haben statt Eiszapfen lutschen zu müssen einfach einen Kaffee auf der Zugi bestellt. Aber am Berg soll ja jeder machen dürfen, was er will. Nur umfasst die Freiheit der Berge auch die Freiheit Rettungseinsätze und absurde Ressourcenverschwendung für Klicks zu verwenden?

Ich suche im Nachgang nochmal das Gespräch und kriege knappe Antworten. Man hätte nicht bewusst Stürze oder Steinschlag für Social-Media-Inhalte provoziert und der verunfallte Kollege hätte halt einfach die Tour überschätzt und nur die Helikopter-Bergung gewollt. Man würde sich aber nächstes Mal natürlich um eine bessere Auswahl der TourenpartnerInnen kümmern. Gerne hätte ich ihm seine Sicht der Dinge geglaubt. Ein paar Monate später erntet die selbe Seilschaft Ruhm und Ehre mit einer dreitägigen Biwak-Begehung der Gazert/Völcker (welche initial als die schwerere Himmel&Hölle verkauft werden wollte) an der Zugspitze, welche sowohl beim Bahnpersonal der BZB als auch bei der anderen Seilschaft, die den beiden mit Fixseilen über die Schlüsselstellen helfen mussten ein paar gröbere Fragezeichen hinterlassen haben dürfte.

Der Umgang mit dem Ragebait

Ich weiß nicht, ob es hier überhaupt etwas zu Lernen gibt. Dass man keine Tourenpartner in Wänden absetzt und einen Helikopterflug um jeden Preis vermeidet, setze ich als absolutes Minimum voraus. Viel wichtiger ist wahrscheinlich, dass der Bergsport einen Umgang mit solchen Inhalten findet, der sie nicht beflügelt. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass die Kanäle seit der Tour durch die Eisenzeit Zuwachs im fünfstelligen Bereich erfahren haben. Das ist – nüchtern betrachtet – ein voller Erfolg. Die ganze Blase um diese Art von Content existiert, weil sie funktioniert.

Poste ich ein Bild mit der Unterschrift „Ohne Wandererfahrung auf den Mont Blanc“ würde Aufklärung jeglicher Form nicht lange auf sich Warten lassen und der in Interaktionen gemessene Erfolg dieses Inhalts würde wahrscheinlich alles was ich sonst so mache in den Schatten stellen. Das Zeug wird geteilt ohne Ende. Und sei es nur um den eigenen Freunden zu zeigen wie doof das ist. Das Zeug wird auch kommentiert ohne Ende. Anfeuernd aber oft auch kritisch und belehrend. Und hier schließt sich der Kreis – denn im Glaube für das Richtige einzustehen leisten wir damit alle einen Beitrag daran, dass der Algorithmus solche Inhalte höher wertet und mehr Bergbegeisterten auf den Bildschirm spült.

So nah war die Menschheit dem Perpetuum mobile noch nie.

Ich habe mich bewusst gegen jede Nennung entschieden. Zum einen ist Mit-Dem-Finger zeigen nicht meine Art, zum anderen ist jeder Klick einer zu viel. Für mich selbst möchte ich in Zukunft eine Balance finden, bei der ich offensichtlichen Ragebait mit fehlender Interaktion bestrafe. Gleichzeitig ist es aber vermutlich auch wichtig ein Bewusstsein für diese Darstellungsformen zu schaffen und den Wert echter, unaufgeregter und authentischer Erfahrungen hervorzuheben und vor allem jungen Menschen zugänglich zu machen. Denn sonst bleibt das Bild von den Bergen stehen, dass diejenigen verbreiten, die am lautesten schreien. Ich bin froh, dass ich die Sturm- und Drangphase (welche wahrscheinlich jeden mal trifft) noch ohne derartige Einflüsse habe erleben dürfen.

Ich beobachte immer mehr junge Männer, die mit Bratpfannen, Zelten, 80 Liter Marschrucksäcken und Eispickeln ins sommerliche Reintal marschieren und dort irgendwie Überlebenskampf spielen. Das ist nicht nur meine Interpretation sondern wird oft selbst so betitelt. Selbst das ist wahrscheinlich gar nicht mal so neu. Neu ist bloß die enorme Reichweite und die Masse an Content, der aus einer Aktion dieser Art entsteht. Das fällt erstmal vor allem der Natur zu Lasten – sendet aber vermehrt auch falsche Signale. Ich beobachte nämlich auch, dass genau diese Gruppen vor Ort erstmal sehr viel Aufmerksamkeit und Bewunderung von anderen Wanderern erfahren – welche später online auch nicht abreißt:

Die haben bestimmt was Krasses vor!

Das sind bestimmt die Gebirgsjäger! Die Profis am Berg!

Wooow wo wollt ihr denn hin?

Ach wenn man hier zelten kann hätten wir ja die Hütte gar nicht gebraucht?!

Hey und ich sag’s nur ungern – aber da sind wir doch irgendwo falsch abgebogen. Entweder werden die Berge und ihre Gefahr völlig überhöht oder dramatisch unterschätzt. Ob die aktuell extrem erfolgreiche Serie „In höchster Not“ hier der richtige Weg ist, habe ich für mich persönlich auch noch nicht ganz bearbeitet. Denn neben den stets lehrbuchmäßig eingebauten Lektionen gibt es auch hier extrem viele brüllende Männer die Abenteuer im Kampf gegen die Elemente erleben. Und mit der auch mich betreffenden Aufmerksamkeitsspanne von wenigen Sekunden bleibt im Zweifel eher Letzteres hängen.

Lass uns mal wieder einen delikaten und geduldigen Zugang zu unseren Bergen finden. Lass uns doch mal den Konsens schaffen, dass Survival-Spielchen am Zugspitzplatt vor allem ziemlich albern sind und riesige Haufen an Ausrüstung oft kein Zeichen von kühnen Zielen sondern meist nur von mangelnder Erfahrung sind. Lass uns doch mal festlegen, dass wir keine realen Einsätze der Bergwacht filmen, posten und teilen. Was bei Autounfällen gesetzt ist, fällt natürlich schwer, wenn gleichzeitig eine Serie existiert die genau das tut. Lass uns lieb, tolerant und offen sein aber auch klare Grenzen haben, wenn der Natur oder dem Bergsport nachhaltig Schaden zugefügt wird. Lass uns bevor wir Inhalte mit Interaktion belohnen doch mal kurz inne halten und offensichtlichen Ragebait auch einfach mal links liegen lassen. Lass uns offen über unsere Ängste und Gefühle sprechen. Und lass uns unaufgeregt, präzise und überlegt von unserem Tun am Berg berichten und uns auch mal bewusst dafür entscheiden Dinge nicht zu teilen.

Und lass uns den Bergen mit dem Respekt und der Ruhe begegnen, die sie verdienen.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Bericht niemanden persönlich angegriffen habe oder Unmut geweckt habe. Mir ist aber auch wichtig, das Erlebte authentisch und ungefiltert wieder zu geben und hier auch bis zu einem gewissen Grad Stellung zu beziehen weil mich der aktuell um sich greifende Umgang mit den Bergen ehrlich ein wenig sorgt. Positiv stimmt mich aber, dass andere Größen, Verbände und Botschafter das Problem in den letzten Monaten auch erkannt zu haben scheinen und auf dem Weg sind hier Antworten und Ideen zu finden.


Schwierigkeit, Versicherung und Material

Die Eisenzeit pendelt sich ziemlich genau mittig zwischen einer schweren Bergtour und einer alpinen Mehrseillänge ein und erfordert Routine aus beiden Welten. Die nominell schweren Kletterstellen sind relativ kurzweilig und gehen leicht von der Hand. Das persönliche Können wird vor allem in unscheinbaren aber teils brüchigen Passagen im 3. Grad und in der Wegfindung auf die Probe gestellt. Bis zu den Tunnelfenstern ist der Steig relativ leicht zu erkennen und gut zu gehen. Direkt hinter den Tunnelfenstern kann man sich ordentlich verhauen – hat man die Rampe und Rinne über den großen Spalt in der Wand ausfindig gemacht, wird es wieder offensichtlicher. Die lohnendsten Klettermeter warten oben über dem Geröllfeld.

Die Absicherung ist gemessen an der Länge der Tour und dem alpinen Ambiente ganz gut. An relevanten Stellen stecken Bohrhaken und Standplätze – besonders im oberen Teil. Mobile Absicherung kann man mitnehmen – ein paar Schlingen schaden ohnehin nicht – der Fels ist aber nur selten wirklich gut absicherbar. Unterm Strich sollte man sich im 3. Grad auch über längere Strecken ohne Zwischensicherung wohl fühlen.

Wir waren mit 60 Meter Einfachseil, 2-3 Friends und Helm unterwegs. Für uns ging sich die Eisenzeit gut in Bergstiefeln aus.

Zusammenfassung

Auch wenn es mir diesmal ehrlich schwer fällt – die Eisenzeit war ein schöner Marsch im überlangen Bergherbst 2026 von dem in einigen Jahren hoffentlich nur die Erinnerungen an die tolle Aussicht und den wundervollen Zustand des Seins in einer großen Kulisse bleiben werden.

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