Kletterblog & Berggeschichten
Flug #132 – Der Traum vom Jubiläumsgrat
Flug #132 – Der Traum vom Jubiläumsgrat

Flug #132 – Der Traum vom Jubiläumsgrat

Gleitschirmfliegen ist die Kunst, die eigene Realität mit ’nem Güterzug überrollen

Wir schreiben den 19. Juli 2026 und der feste Plan für den Tag ist inmitten einer der diesjährigen Hitzewellen zur Wiener-Neustädter-Hütte aufzusteigen um am nächsten Morgen per Stopselzieher den Gipfel zu erreichen. Eine Tour, die ich meiner Schwester schon lange versprochen hatte und die nun endlich funktionieren darf. Dass ich am Zustiegstag nur 2 Stunden vor dem mühsamen Anstieg durch’s glühende Gamskar unter einer gelben Plastiktüte am Gipfelkreuz der Zugspitze vorbeifliegen würde hatte ich nicht auf dem Bingo-Zettel. Die Chronik eines geschenkten B-Schein Fluges.

In dem einen Jahr, dass ich nun fliege habe ich immer diejenigen bewundert, die an guten Tagen den Jubiläumsgrat abfliegen und dann über der Zugspitze kreisen. Für mich – bislang nur mit einigen und eher zufälligen Startplatzüberhöhungen gesegnet – absolut nicht greifbar und in weiter Ferne. Da ein Groß meiner Flüge auf Hike&Fly-Abgleiter und ruhige Morgenflüge entfallen, war bisher auch wenig Raum die eigentlich meist positiven Erfahrungen aus kleinen Thermikquellen und Hausbärten auf eine etwas größere Leinwand zu übertragen.

Prime-Time am Osterfelder Ost

Mit einem entsprechend bescheidenen Ziel verlasse ich die Alpspitzbahn und reihe mich in den Pulk „richtiger“ Flieger ein. Für den kurzen Flugtag – der ohnehin am Mittag wegen des Zustiegs zur Zugspitze limitiert ist – wünsche ich mir eine Überhöhung des Startplatzes am Osterfelder. Und für den Fall, dass mir das gelingt, wäre der Traum ein Flug zum Gipfel der Alpspitze. Eigentlich nur ein winziger Abstecher, der aber eine Höhe von ~ 2700 Metern erfordert, die erstmal erflogen werden will.

Start am Osterfelder Ost

Nachdem ich vielen Streckenfliegern den Vortritt gelassen habe, schnappe ich mir um 10:45 ein kleines Fenster zum Starten. Sowohl Startplatz als auch die Thermik am Längenfelder sind ein Heimspiel – oft genug gemacht um an so einem feinen Tag keinen größeren Überraschungen zu begegnen. Tatsächlich zahlen sich die vielen Flüge vom Osterfelder schon in den ersten Minuten aus und 8 Minuten später hat mich der Längenfelderkopf bereits auf knapp 2600 Meter katapultiert und hinter den Höllentorkopf versetzt.

Über dem Längenfelderkopf geht’s hoch!

Da das jetzt irgendwie zu einfach war folgt direkt ein kleiner Realitätscheck. Ich verliere die Thermik, die mich hier her gebracht hab und eiere eine ganze Weile durch ein wackeliges Meer aus Auf- und Abwinden. Ich verliere zwar keine Höhe – so richtig planbar weiter geht es aber auch nicht. Dafür ist die Luft ruppig und unübersichtlich und lädt nicht wirklich zum Verweilen ein.

Das selbe Spiel wie oft zuvor – am Längenfelder Höhenmeter sammeln

Ich entscheide mich für einen Rückzug und fliege zurück über den Startplatz und in Richtung Längenfelderkopf. In der Hoffnung dort wieder etwas aufgeräumtere Bedingungen vorzufinden.

Turbulenter Dämpfer über dem Höllental – nix wie weg
Alpspitze

Als ich gerade wieder über den Osterfelderkopf hinausgeflogen bin und in Richtung Tal drehen will, rausche ich in ein markantes Steigen über den Aschenköpfen hinein. Wieder viel offensichtlicher und angenehmer als die Disco über dem Höllentorkopf.

When in doubt, dreh it out

Deutlich über der Alpspitze. Tagesziel absolut erfüllt.

Ich bleibe wo ich bin und löse damit unbeabsichtigt doch noch das Ticket für den Traum von der Alpspitze. Der Aufwind spuckt mich auf 2830 Metern und damit ein gutes Stück über der Alpspitze aus, welche nun nur noch einen Flügelschlag entfernt liegt. Ein paar Augenblicke später huscht mein Schatten über den gut besuchten Gipfel der Alpspitze, welchen ich mit etwas Höhe und Abstand überfliege.

Alpspitze!!

Das Tagesziel ist im Kasten – was für ein toller Flug! Gleichzeitig die höchste Höhe, die ich bisher per Thermik mit dem Gleitschirm per Aufwind erreicht habe und ein irrsinniges Panorama über das Wettersteingebirge. Mit dieser überwältigenden Erfahrung im Gepäck verlasse ich den Gipfel der Alpspitze, an dem ich mich eh nicht wirklich halten konnte und fliege in Richtung Grainau und Landeplatz.

Abflug in Richtung Landeplatz

Links von mir liegen die Waxensteine mit ihren riesigen Südflanken ins Höllental. Bisher habe ich um diese Berge einen großen Bogen gemacht – vor allem weil ich mal eine Gruselgeschichte von ganz besonders ruppiger Thermik gehört habe. Heute – mit etwas Resthöhe über dem kleinen Waxenstein – fällt mir auf, dass der gesamte Kamm keinerlei Wolken bildet. Die Alpspitze, der ich eben den Rücken zugekehrt habe produziert ihr eigenes, kleines Thermikwölkchen unter dem ich gutes aber keinesfalls überforderndes Steigen hatte.

Kann es da drüben wirklich so wild sein?

Unverhofft zahmer Abstecher zu den wilden Waxensteinen

Waxensteinkamm

Wirklich (an)gespannt halte ich auf den kleinen Waxenstein zu und seine sonnige Südflanke zu. Insgeheim bin ich darauf eingestellt beim ersten Anzeichen von Turbulenz nach rechts abzudrehen und landen zu gehen. Als ich über der sonnigen Flanke baumle passiert es plötzlich. Nichts? Echt nicht?

Ich fliege weiter zum Zwölferkopf und tatsächlich in seichtes Steigen ein. Die Aufwinde sind aber auf die Schattenseite des Grates versetzt, sodass ich erst nach überfliegen der messerscharfen Gratkante sowas wie Thermik finde. Der Plan mit dem Abdrehen und Landen weicht der Realisation, dass es auch am Waxensteinkamm bei den heute herrschenden Bedingungen nicht viel zu befürchten gibt. Im Gegenteil – die gesamte Bergreihe trägt konstant und lässt sich ohne Eindrehen bis zur Riffelscharte abfliegen ohne dabei nennenswert an Höhe zu verlieren.

Turnpoint Riffelscharte

Das funktioniert so gut, dass ich auf der selben Linie wieder zurückfliege und am Ende meiner Reise immer noch mit 300 Metern über dem Gipfel des Kleinen Waxensteins ankomme. Ich checke die Uhr. Eine Stunde habe ich noch bis ich allerspätestens landen gehen muss um mich in Richtung Zugspitze aufzumachen. Mangels vorstellbarer Optionen wechsle ich wieder rüber zum Längenfelderkopf, der mich vor 40 Minuten schonmal zuverlässig in die Höhe katapultiert hat und an dem sich inzwischen die bunten Schirme tummeln. Vielleicht kann man ja dort noch ein wenig in der Thermik üben und dann passgenau landen gehen.

Jubiläumsgrat

Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben

3115 Meter – völlig durch den Wind

Nur 10 Minuten trennen meine Ankunft auf Startplatzhöhe am Längenfelderkopf von der Entscheidung den Jubiläumsgrat abzufliegen. Dazwischen passieren genau drei Dinge. Die Thermikquellen, die ich mir vorher schon mehr oder weniger mühsam zusammen gesucht habe funktionieren jetzt in der zweiten Runde wesentlich besser und präziser. Erst trägt mich der Längenfelder auf 2700 Meter und versetzt mich wieder über den Gipfel der Alpspitze, dessen Erreichen ja eigentlich der Höhepunkt dieses Fluges war. Dann befördert mich ein – eigentlich nur vorsichtig ausgetesteter – Schwenk über den Hohen Gaif und die riesigen Hänge des tief eingeschnittenen Reintals auf über 3000 Meter.

Mit dieser neu gewonnen Arbeitshöhe fällt mir auf, dass es ja gar keinen heroischen Mut braucht um den Jubiläumsgrat in Richtung Zugspitze zu folgen. An keiner Stelle muss ich mich aus dem Gleitwinkel zum Landeplatz heraus bewegen. Ich kann versuchen zu Deutschlands Nr. 1 zu gurken und dabei jederzeit die Reißleine ins Höllental ziehen ohne in die Verlegenheit zu kommen eine weitere Thermik auf dem Weg zum Landeplatz erwischen zu müssen.

Das könnte klappen

Hier schließt sich auch der Kreis zu meinem spontanen Experiment am Waxensteinkamm: der Jubiläumsgrat fliegt sich heute genau so. Leicht neben der Gratschneide geht es eigentlich nur hoch oder stark hoch.

Handschuhe wären noch bärig gewesen

Zugspitze

Wenige Minuten nach Verlassen des Alpspitzgebietes ziehe ich auf 3000 Metern auf Augenhöhe mit dem goldenen Gipfelkreuz die besagte Reißleine und biege nach rechts auf den Höllentalferner ab. Mit der Basishöhe wäre ein Überflug bestimmt möglich gewesen – ich traue mich aber nicht zu weit in die Sonnenseite zu fliegen und Gefahr zu laufen doch noch im Platt abzusaufen. Zudem sind meine Hände und meine Fliegerei langsam so weit strapaziert, dass wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt ist das Thema einzutüten.

So viel mehr als je geplant gewesen wäre…

Mit einer Mischung aus Euphorie und Fassungslosigkeit streife ich den Gipfel, den ich morgen früh mühsam erwandern werde. Das Wissen, dass weder mein Gleitschirm noch das Wetter hier eine Grenze gesetzt hat und dieser Flug die absolut unterste Linie dessen ist, was diese irrwitzigen Fluggeräte im Gebirge leisten können, begleitet mich auf meinem heute dritten Überflug des Waxensteinkamms.

Bis morgen

Talsprung zum Kramer

Ich genieße die ruhige Luft im Tal und halte noch einigermaßen ziellos beschleunigt auf den Kramer zu. Einfach mal gucken, wo ich da mit meinem A-Schirm und Hike&Fly-Gurtzeug rauskomme. Fazit – auf 1700 Metern. Durchaus eine Höhe, in der man sich am Kramer auch wieder hätte hochkämpfen können. Tatsächlich treffe ich hier aber zum ersten Mal das an, was ich eigentlich vom Waxensteingrat und allerspätestens vom Jubiläumsgrat schon erwartet hätte – turbulentes, diffuses und ruppiges Steigen. Als würde mir die Luft noch die Gewissheit mitgeben wollen, dass ich jetzt nicht mehr viel verpassen.

Rein wissenschaftlicher Talsprung zum Kramer

Aufhören wenn’s am Schönsten ist

Landung

Ich halte noch ein Stück in Richtung Garmisch gegen den Talwind um die Strecke für den B-Schein-Flug auch wirklich voll zu machen – dann stell ich mich über den Landeplatz und beende den Flug mit einer sanften Landung mit noch relativ gemäßigtem Talwind.

Blick auf die Uhr sagt Spirale

Ein absolut geschenkter Flug. Völlig unverhofft und so viel größer als davor vorstellbar. Getragen von einem A-Schirm, den ich erst vorherige Woche in einem Sicherheitstraining der Flugschule Achensee so richtig kennenlernen durfte. Ein Puzzle von Erfahrungen – vor allem vielen ziellosen Thermikflügen am Längenfelderkopf – die sich plötzlich federleicht zusammengefügt haben zu einer Runde, die ich mich eigentlich erst in 1-2 Jahren habe fliegen sehen.

Und hat man erstmal gespürt – wirklich gespürt, was an solch einem Tag eigentlich alles möglich wäre hat man ein Problem, das einen lange begleiten wird.

Ein Flug wie ein Geschenk

Zur Perfektion hat heute nur das Detail gefehlt, dass ich das Erlebnis nicht mit meiner besseren Hälfte teilen konnte. Aber auch solche Wunden heilt die Zeit. Eine Woche später offenbart sich, dass der Flug kein Zufallsprodukt war. Bei ähnlichen Bedingungen fliege ich die exakt selbe Runde erneut und darf sie – wenn auch zeitlich etwas versetzt – auch mit Hannah teilen.

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