Kletterblog & Berggeschichten
Kohlbergspitze (2202m) – Hike & Fly
Kohlbergspitze (2202m) – Hike & Fly

Kohlbergspitze (2202m) – Hike & Fly

Die Magie des ersten Hike&Fly-Herbstes

Es liegt eine Magie in kalten, stillen Wintermorgen. Es liegt auch eine Magie darin, neu in eine Sportart und damit verbundene Welt an Möglichkeiten einzutauchen. Und dieser sonnige Dezembertag birgt von beidem ein bisschen. Doppelmagie quasi.

Tatsächlich blicke ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf das zurück, was Ende 2025 wohl unser erster Hike&Fly-Herbst und seine absurde Schönwetter-Verlängerung bis weit in den Dezember hinein war. Denn wie in jeder anderen Disziplin gibt es auch beim Gleitschirmfliegen keinen richtigen Stillstand und was einen im ersten Moment völlig überwältigt wird schnell zur kalkulierbaren Freude und danach zum Fundament für tägliche Routinen und viel größere Vorhaben. Und dann hält man gelegentlich Inne und wundert sich, wie verwöhnt man inzwischen ist und mit wie wenig es einst gebraucht hat um glücklich zu sein.

Als halt alles neu war.

Denn die Zeiten in denen ich wie hier einen unförmigen 70 Liter Rucksack auf einen Berg schleppe sind wahrscheinlich vorbei. Die neue Ausrüstung passt in einen subtilen 24 Liter Rucksack und ist inzwischen natürlich superleicht & supersexy. Auch das Fliegen ist inzwischen planbarer geworden. Der Start ist reproduzierbar, der Fokus darf in der Luft schweifen und sich anderen Aufgaben widmen. Etwa dem Aufspüren einer Thermikquelle oder dem Feilen an Manövern. Insgesamt geht es heute wohl schon deutlich sicherer und selbstbewusster zur Sache und vor uns liegt ein Ozean an Möglichkeiten, welcher im Dezember 2025 noch gar nicht so greifbar war. Nur diese pure, ungetrübte Magie der ersten Hike&Fly Abenteuer – die war im Dezember 2025 greifbarer und ist inzwischen einer Selbstverständlichkeit gewichen, die sich in jeder Tätigkeit irgendwann eingenistet hat.

Aufstieg

Wir haben uns heute auf die Kohlbergspitze eingeschossen. Sie ist der westlichste der nennenswerten Gipfel des Danielgrates. Ihre schöne Lage über dem Plansee und im Angesicht der Lechtaler Alpen sowie ihre homogenen, grasigen Gipfelflanken machen sie zu einem tollen und beliebten Flugberg. Es ist schwacher südwestlicher Wind vorausgesagt und es bleibt zu hoffen, dass es dann auch wirklich so kommt. Bei meinen letzten Flugversuchen an der benachbarten Upsspitze kam der Wind von überall & hat den Start unnötig spannend gemacht.

Ein kalter, schattiger Morgen über den Dächern von Bichlbach

Von Bichlbach – wir parken zentral an der Touristen-Information – geht es erstmal unter Fernpass und Bahngleisen hindurch zum Fuß des Berges. Ein kleiner, recht angenehm angelegter und einige Haken schlagender Steig führt hier die ersten 570 Höhenmeter an den Alpenrosenweg heran. Bisher ist Schnee kein Thema und wir hoffen, dass es auch oben nur eine geringe Auflage hat, die unser Vorankommen nicht wirklich ausbremst.

Wir erreichen den Alpenrosensteig, der hier lustigerweise exakt die Hälfte der Höhenmeter markiert und entscheiden uns für den ausladenden, einige Kilometer fassenden Schwenk nach Osten um auf dem leichtesten Weg zu bleiben. Man könnte auch linkerhand in der Größenordnung T4 über den Zigerstein aufsteigen. Wir haben uns aber die Grödeln im eh schon schweren Rucksack gespart und wollen kein unnötiges Risiko eingehen. Außerdem liegt auf flacheren Wegen ja bekanntlich weniger Schnee. Oder?

Nett hier, aber waren Sie schonmal Schneeschuhwandern?

Spätestens ab 1800 Metern mit dem Abzweig zur Kohlbergspitze saufen wir bis zu den Knien im butterweichen Schnee ein. Ich denke an meine neuen Schneeschuhe, die ich mir gerade frisch für die VDBS-Ausbildung gekauft habe und die bisher unbenutzt in der Garage liegen. Das wäre jetzt was. Nur Fliegen ist schöner. Bloß gestaltet sich das Fliegen mitten im winterlichen Latschendschungel nicht so einfach.

Wir wechseln uns mit dem Spuren ab und erreichen nach einer gefühlten Ewigkeit die offenen, geneigten Hänge des Gipfelaufbaus. Da wir weiterhin von Wind aus Südwest ausgehen steuern wir gar nicht das Gipfelkreuz an sondern stapfen stur zur minimal niedrigeren Nachbarerhebung in Richtung Daniel. Hier ist das Gelände nämlich mehr nach West gedreht, während ein Start direkt vom Gipfelkreuz wahrscheinlich eher einer östlichen Komponente begegnet. Long Story Short – perfekte, geneigte und hindernisfreie Hänge. So perfekt, dass unten in den Latschen noch vier weitere PilotInnen unserer Spur folgen.

Als wir unser Köpfl erreichen machen wir eine kurze Pause und werfen den obligatorischen Blick hinunter zum schönen Heiterwanger See. Wie der Rest des Danielgrates fällt auch die Kohlbergspitze nach Norden beeindruckend direkt und steil ab. Erst als wir unsere Schirme auspacken sickert durch, dass der Wind irgendwie doch eher von links über die Kante gesaust kommt und von jeglicher Tendenz aus West jede Spur fehlt. Wahrscheinlich wäre es drüben am Gipfelkreuz doch ein wenig feiner gewesen.

Ich würde jetzt gerne eine inspirierende Geschichte erzählen, bei der eine junge Gleitschirm-Seilschaft keine Mühen scheut um für die perfekten Startbedingungen zu sorgen. Aber die Wahrheit ist, dass natürlich die Faulheit siegt und der Wind schwach genug ist um auch unserem Hang eine Chance zu geben. Hannah macht’s vor, legt einen schönen Rückwärtsstart hin und schwebt in der ruhigen Luft hinaus über die winterlichen Weiten. Ich starte nach mittelschweren Traumata von benachbarten Bergen lieber vorwärts – und auch das gelingt direkt. Geschenkt.

Hannah auf dem Weg ins Tal

Flug

Wir hatten uns den Plan zurechtgelegt, dass wir mit etwas Wind aus westlicher Richtung und möglicher Winterthermik aus den riesigen Hängen des Kamms auch leicht zum offiziellen Landeplatz in Lermoos fliegen könnten. In der Praxis – also gegen den eher östlichen Wind und mit einem kaum wahrnehmbaren Zupfen beim Rausfliegen – greift dann aber doch Plan B. Der besteht daraus einfach eine geeignete Landewiese bei Bichlbach zu suchen. Zwischen den recht üppig gespannten Stromleitungen gibt es vor allem im Winter einige Möglichkeiten und sogar das was bei Burnair als Außenlandemöglichkeit für Flüge vom Almkopf markiert ist. Eine Windstation bei Lähn und ein (wohl nicht für Gleitschirmflieger aufgehängter) Windsack im quadratischen Feld südöstlich von Bichlbach helfen bei der Landung.

Bis dahin geht es für uns aber durch die stille Luft über den verschneiten Dächern. Wir fliegen ein wenig die imposanten Flanken unter der Kohlbergspitze ab – im Sommer sicher ein Quell für kräftige Aufwinde – und ich leiste mir noch einen kurzen Abstecher an die Flanken des Almkopfes bevor es auch für mich wieder in den eiskalten Schatten geht.

Magie an der Grenze zwischen Herbst und Winter, Licht und Schatten

Schwierigkeit, Versicherung und Material

Toller Berg mit schönen Hängen und Startrichtungen von Südwest bis Südost. Ich empfand den Geländeverlauf und das Ambiente hier auch wesentlich angenehmer als an der Upsspitze vor einigen Wochen. Bloß den Talwind / bayerischen Wind muss man hier besser berücksichtigen. Denn anders als drüben an der Upsspitze kommt dieser hier nicht als Aufwind an sondern kann den Berg von Norden her deutlich überspülen. Ein gelegentlicher Blick auf die Windstationen hat zumindest bei mir auch den Eindruck hinterlassen, dass das Windsystem im engen Tal zwischen Heiterwang und Lermoos deutlich mehr Gas gibt als der „berüchtigte“ Talwind bei uns in Garmisch, der aber mit erreichen des breiten Kessels schon wieder deutlich milder und beherrschbarer ausfällt.

Zusammenfassung

Wir kommen wieder. Entweder mit Schneeschuhen oder ohne Schnee. Ehrlicherweise – es wird wohl Letzteres werden.

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